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Der Preis der Unabhängigkeit

Vom Lifestyle-Sender zum Qualitätsjournalismus – und zum Feind Putins: Die preisgekrönte Doku „F@ck this job – Abenteuer im russischen Journalismus“ gewährt Einblicke in die Geschichte von Doschd TV, dem letzten unabhängigen Fernsehsender in Russland. 

„Fuck this job“. Dieser Satz stammt von einem Reporter von „Doschd TV“. 2014 hatte der Journalist am Maidan-Platz in Kiew eine Reportage gedreht, als Polizisten auf Demonstranten schossen. Und während Putin den Einmarsch im Donbass im Staatsfernsehen verneinte, interviewten Journalisten des Senders im Donbass gefangengenommene russische Soldaten. Das Statement war aber mehr als nur eine Aussage, es ist nun auch Titel einer Doku, die seit Ende Februar in der ARD-Mediathek ausgestrahlt wird.
Die Dokumentation von Regisseurin und Doschd-Mitarbeiterin Wera Kritschewskaja zeigt die Entwicklung des Senders von 2008 bis August 2021. Und er zeigt, wie ein anfangs von der russischen Medienkonkurrenz belächelter Lifestyle-Sender zu einem für die Pressefreiheit kämpfenden Kanal wird.

Dabei hatte alles ganz harmlos begonnen. Natalja Sindejewa (Natascha Sindeewa) kam 2008 auf die Idee, ein TV-Imperium aufzubauen – mithilfe der finanziellen Mittel ihres Ehegatten, einem Oligarchen. Damals sah sie, zu dieser Zeit vor allem als Partykönigin bekannt, die Welt noch durch eine rosarote Brille, liebte ihren glamourösen Lebensstil, weiße Villa, pinker Porsche und Pelzmäntel inklusive.

Ihr Ziel: ein unabhängiger Sender, der die ungeschönte Wahrheit zeigt, und authentisch ist. Doschd, auf Deutsch Regen, sollte ein Kanal werden für Ottonormal-Bürger, wie man zu Anfang der Doku erfährt. Man sieht Natalja im Regen tanzen, sie ist, genau wie die Botschaft des Senders sein soll, durch und durch optimistisch gestimmt. Damals habe sie zwar weder Ahnung noch Interesse an Politik und Nachrichtensendungen gehabt, wie sie selbst zugibt. Doch eigentlich sollte es auch nur ein Kanal werden für Themen rund um Lifestyle und Kultur. Was sollte auch passieren, immerhin hatte der neu gewählte russische Präsident Dimitri Medwedew 2008 sogar behauptet, dass Freiheit besser sei als Unfreiheit. Doch es sollte anders kommen. Und Natalja Sindejewas Aussage „Bühne frei, ich werde euch noch so richtig auf die Nerven gehen“, wie sie vor laufender Kamera sagt, sollte keine leere Worthülse bleiben.

„Doschd – The Optimistic Channel“ ging im April 2010 zunächst als Online-Sender an den Start, wird später auch über Kabel und Satellit ausgestrahlt. Ein Traum wird wahr, Ende gut alles gut? Mitnichten. Lief anfangs noch alles eher holprig, dafür aber mit rasant wachsenden Zuschauerquoten, kommt es im weiteren Verlauf immer wieder zu Konflikten mit der Staatsführung. Den Versuch, ein breites Bild der russischen Gesellschaft zu zeichnen, nimmt die Redaktion nämlich ernst. Die Proteste gegen die Wiederwahl von Putin, Bilder von Scharfschützen bei den Maidan-Protesten in der Ukraine, Interviews mit Kreml-Kritikern, etwa Alexey Nawalny, der eine Haftstrafe in einem Straflager absitzt, oder Boris Nemtsov, der später ermordet wurde: Doschd zeigt, was die staatlichen Sender ignorieren – was nicht ohne Konsequenzen bleibt. Natalja Sedejewa wird von Putin schließlich als feindliche Agentin bezeichnet.

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Als daraufhin Werbepartner abspringen, Kabelanbieter Verträge beenden, und die Abonnentenzahlen sinken, beginnt ein Kampf für die Pressefreiheit, der seinesgleichen sucht. Denn das Team lässt sich nicht einschüchtern. Mehrere Redakteure und auch Natalja Sindejewa selbst wurden im Laufe der vergangenen Jahre mit internationalen Auszeichnungen geehrt, etwa mit dem Preis für Pressefreiheit des Komitees zum Schutz von Journalisten oder mit dem M100 Media Award.

Doch das Aus kam nun doch: An das Verbot, über den russischen Überfall auf die Ukraine und den Krieg zu berichten, hielt sich die Belegschaft nicht. Der Zugang zum Sender wurde am 1. März gesperrt, auf Forderung der russischen Generalstaatsanwaltschaft. Am 3. März trat die gesamte Belegschaft von Doschd schließlich vor laufender Kamera zurück. Die Begründung: „Die neuen Mediengesetze zum Krieg in der Ukraine machen es den Mitarbeitenden schwer, sachgerecht über die Ereignisse zu berichten“. Der antifaschistische Gruß „No pasarán – sie kommen nicht durch“ und „Nein zum Krieg“ waren die letzten Botschaften, die über Doschd verkündet wurden. Mit einer Übertragung des Schwanensee-Balletts endete die Geschichte des optimistischen Kanals, vorläufig. Mehrere Redaktionsmitglieder sind mittlerweile ins Ausland geflohen. Natalja Sindejewa hält sich an einem geheimen Ort auf, war aber vergangene Woche bei „maischberger. die woche“ per Videoschalte zu Gast. Die Mitarbeiter von Doschd, sie werden so schnell wohl doch nicht aufgeben.

Fazit: Die Doku „Fuck This Job“ macht zwar klar, dass man sich unabhängige Berichterstattung in Russland im wortwörtlichen Sinne leisten können muss. Ohne die finanziellen Mittel ihres mittlerweile Ex-Gatten hätte es auch Natalja Sindejewa nicht geschafft. Aber: Die 90-minütige Doku zeigt nicht nur die Geschichte eines Senders und den mutigen Journalisten, die dort gearbeitet haben. Sie legt auch die (medien)-politischen Verhältnisse der vergangenen zehn Jahre in Russland offen und zeigt, dass es dort mutige Menschen gibt, die sich nicht vom Kreml diktieren lassen, was sie zu denken – und zu tun – haben. Und wer mit der Doku nicht genug hat: Auf YouTube ist das Interview mit Natascha Sindeewa bei „Maischberger. die woche“ zu sehen.

Text: Cheryl Cadamuro, Fotos: ARD

Author: Dario Herold

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