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Der Weg als Ziel

Ende Juli wurde der diesjährige „Vëlosummer“ eröffnet. Seine zwölf Touren führen durchs ganze Land, mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und Längen. revue hat die Probe aufs Exempel gemacht.

„Rawumm“ hallt es von der Anhöhe hinunter. Eine Handvoll Jugendliche ist dort beschäftigt. Sie sind kaum zu sehen von hier unten, nur ab und zu taucht einer ihrer Köpfe auf, und wenn sie hoch genug gesprungen sind, kann man einen kurzen Blick auf ihr Fahrrad erhaschen, mit dem sie gerade waghalsige Kunststücke üben. Das Donnern, wenn sie in die blechernen Bahnen springen, hört sich an, als würden Container auf Schiffen verladen. „Rawumm“. Immer wieder. „Rawumm“.

Drei Jahre ist der Skate- und Parcourspark jetzt alt, und obwohl es erst kurz nach halb elf Uhr an einem Sonntagmorgen ist, herrscht hier schon reges Treiben. Wir sind auch mit unseren Fahrrädern gekommen, allerdings mit einer anderen Strecke im Visier. Denn gleich hinter dem Skaterpark, die Mosel im Rücken, liegt der Einstieg in einen ganz besonderen Radweg: „Mam Jangeli bei d’Kätti“, eine von zwölf Routen des diesjährigen „Vëlosummers“. Erst gestern ist er eröffnet worden, doch Feierlichkeiten scheint es hier nicht gegeben zu haben. Zumindest deutet nichts darauf hin, die Beschilderung der Vëlosummer-Route ist zurückhaltend, fast schon unscheinbar, es gibt keine grellbunten Hinweise auf ein Top-Event.

Dabei ist der Vëlosummer schon etwas Besonderes. Nach der erfolgreichen Premiere mit 40.000 Teilnehmern im vergangenen Jahr ist es jetzt die zweite Edition, die das Tourismus- gemeinsam mit dem Mobilitätsministerium auf die Beine gestellt hat. Das zeitliche Zusammentreffen mit der Coronapandemie bezeichnet Tourismusminister Lex Delles aber als eher zufällig: „Der Vëlosummer war keine Corona-Idee. Das Mobilitätsministerium war ohnehin gerade dabei, sich um die nationalen Radwege zu kümmern und wir haben immer zwei große Felder: die Wander- und die Fahrradwege.“ Dass der Vëlosummer aber schon vor Corona geplant war, könne man auch nicht sagen, erzählt er weiter. „Im Corona-Jahr, aber auch ohne Corona.“

Zwölf Touren (wenn man es genau nimmt, sind es 14) im ganzen Land verteilt mit einer Gesamtlänge von 550 Kilometern stehen geneigten Radfahrern und Radfahrerinnen zur Verfügung. 65 Gemeinden beteiligen sich an der Durchführung, denn neben den insgesamt 2.500 Schildern aus Sperrholz, die an Laternen- oder Schilderpfosten montiert wurden, mussten auch noch Hinweise auf den Boden gesprüht werden. Alles nachhaltig, betont Delles. Die Schilder können wiederverwendet werden und die Sprühschrift ist eine Art Kreide, die nach und nach verblasst, aber den einen Monat auf jeden Fall halten soll.

Die Beschilderung auf der Strecke ist durchweg so gut, dass ich mein Handy nur zum Fotografieren herausholen muss.

IMG_20210801_121009-KopieGenau vier Wochen, also bis zum 29. August, bleiben die Strecken bestehen, allerdings ist nur die Hälfte aller Routen die ganze Zeit über befahrbar. Einige sind nur für ein paar Tage oder Wochenenden angekündigt, zwei (Route 7a und b, beide im Mullerthal) waren gar nur am ersten Wochenende geöffnet und somit bei Erscheinen dieses Artikels bereits Schnee von gestern. Wobei „geöffnet“ nicht das richtige Wort ist, da die Strecken ja weiterhin vorhanden sind, aber eben zum Radfahren unter normalen Bedingungen nicht mehr ganz so komfortabel. Denn eine der Besonderheiten des Vëlosummers ist, dass die zu befahrenen Strecken zumindest teilweise für den Autoverkehr gesperrt sind.

Davon ist bei „Mam Jangeli bei d’Kätti“ wenig zu spüren, denn nach den ersten paar Hundert Metern geht es durch einige Remicher Straßen, auf denen recht viel Verkehr ist. Erst als wir den Ort hinter uns lassen, beginnt die Ruhe. Unser Weg schlängelt sich durch die Weinberge hinauf, die ersten vier Kilometer der Strecke geht es sanft, aber stetig bergauf, rund 100 Höhenmeter müssen überwunden werden. Auf den gut asphaltierten Wegen ist das auch ohne E-Bike kein Problem. Unsere 35 Jahre alten Rennräder haben schon Schlimmeres überstanden.

„Mam Jangeli bei d’Kätti“ ist mit 24 Kilometern die kürzeste Strecke des Vëlosummers. Und bis auf den Anstieg zu Beginn und wenigen weiteren zwischendurch auch eine der leichteren. Wer es gerne sportlicher oder länger hat, wird beim Vëlosummer ebenfalls fündig. Auf der Website sind alle Routen ausführlich beschrieben, dort findet man auch jeden einzelnen Höhenverlauf im Detail, was enorm hilfreich sein kann, um sich mental auf die Strecke vorzubereiten. Auch die GPX- oder KML-Daten können von der Website geladen werden.

Vorsichtshalber habe ich das zu Hause noch schnell gemacht, auch, weil ich in Artikeln vom letzten Jahr gelesen habe, dass die Beschilderung doch sehr zu wünschen übriggelassen hatte. Aber wie Lex Delles vorab schon versicherte: Die Beschilderung auf der Strecke ist durchweg so gut, dass ich mein Handy nur zum Fotografieren herausholen muss. Eine Halterung für das Handy am Lenker meines Rennrads habe ich mir nämlich noch nicht geleistet. Ist auch bislang nicht nötig gewesen.

IMG_20210801_122806-KopieEntgegen der Wettervorhersage, die einen beschaulichen Tag angekündigt hatte, haben wir Glück: Ein paar watteweiße, dicke Wolken schieben sich über unseren Köpfen hinweg, trotzdem scheint die Sonne ohne Unterlass, und es weht ein mittelstarkes Lüftchen. Fürs Radfahren also genau das richtige Wetter. Außer uns hat das wohl auch noch andere vom Frühstückstisch getrieben, hier und da begegnen wir weiteren Radfahrern, ein paar Familien mit Kindern, einige Pärchen, kaum jemand, der allein unterwegs ist, abgesehen von vereinzelten Joggern.

Richtung Mondorf geht es durch den Wald, ein Teil der Strecke ist hier frisch betoniert. Es fährt sich wunderbar, auch deshalb, weil es jetzt nicht mehr hoch, dafür aber teilweise wieder bergab geht. Raus aus dem Wald fahren wir an Feldern vorbei, Mais, Getreide, ein ganzer Hang voller Sonnenblumen. Der verregnete Sommer hat auch sein Gutes: Nach mehreren trockenen Jahren bekommen die Pflanzen endlich wieder mehr Wasser. Auf einigen Feldern steht der Mais fast drei Meter hoch. Überall ist sattes Grün zu sehen. Von hier oben sieht sogar das Atomkraftwerk Cattenom nur halb so furchteinflößend aus, wie es tatsächlich ist.

Der verregnete Sommer hat auch sein Gutes: Nach mehreren trocke-nen Jahren bekommen die Pflanzen endlich wieder mehr Wasser.

Auf einer Brücke über der A13 bleibe ich stehen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, die Autobahn, über die ich in Nicht-Pandemie-Zeiten jeden Tag ins Büro fahre, aus dieser ungewohnten Perspektive zu sehen. Ich stelle wieder einmal fest, dass man eine Gegend nie richtig kennt. Auch wenn man jahrelang durch sie hindurchfährt, ergeben sich beim Wandern oder Radfahren völlig neue Eindrücke. Die Corona-bedingte Aktion „Vakanz doheem“ ist deshalb gar nicht verkehrt. Man kann selbst neben seiner Haustür noch echte Entdeckungen machen.

Lex Delles hat im Interview mehrmals darauf hingewiesen, dass sowohl die Übernachtungsgutscheine über 50 Euro als auch das Angebot „Movewecarry“ noch immer Gültigkeit haben. Der Service, mit dem sich Wanderer oder Radfahrer ihr Gepäck von einer Unterkunft zur nächsten bringen lassen können, ist auch in diesem Jahr weiterhin kostenlos und für jeden über die Website movewecarry.lu buchbar. 2.543 Gepäckstücke seien im vergangenen Jahr zwischen Juli und November transportiert worden, erzählt der Minister stolz. Außerdem weist er darauf hin, dass es sich durchaus lohne, die verschiedenen Sehenswürdigkeiten, die an den Strecken des Vëlosummers liegen, zu besuchen. Oder in den anliegenden gastronomischen Betrieben Sticker abzuholen, mit denen man an einem Gewinnspiel teilnehmen kann.

IMG_20210801_123100-KopieFür uns allerdings ist nur der Radweg das Ziel, außer der Natur, der Autobahn und dem Atomkraftwerk fällt uns nichts Besonderes ins Auge. Selbst die Maus Kätti, an der wir in Bürmeringen vorbeifahren sollen, entgeht uns. Am Ende unserer Tour führt der Weg durch die Weinberge bei Remerschen zurück an die Mosel. Der Blick aufs das Tal ist immer wieder schön, von hier oben kann man zudem sehen, welche Ausmaße die Baggerweiher rund um den Ort haben. Dann wird es so steil, dass wir absteigen müssen. Das Abbremsen des Fahrrads ist einfacher im Schieben als im Fahren. Wir sind zufrieden, uns an die empfohlene Fahrtrichtung gehalten zu haben. Die hundert Höhenmeter, für die wir am Beginn der Tour rund vier Kilometer gebraucht haben, müssen wir jetzt in ein paar Hundert Metern wieder herunter, was dem freien Fall schon sehr nahekommt.

Knappe zwei Stunden waren wir unterwegs. In Remich ist mittlerweile die Hölle los, auf der Grenzbrücke staut sich der hereinkommende Verkehr. Ginge es nach Lex Delles, müssten wir direkt die nächste Tour starten. „Sie müssen ja schließlich recherchieren“, meinte er. Er selbst sei übrigens eher der Wanderer, fügte er hinzu. Für den Vëlosummer wolle er aber eine oder zwei Ausnahmen machen. Ein paar Wochen hat er noch Zeit dafür. 

Vëlosummer, noch bis zum 29. August, Infos: www.velosummer.lu

Text: Heike Bucher // Fotos: privat

Author: Philippe Reuter

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