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Des Pudels Kernschmelze

Zehn Jahre nach der nuklearen Katastrophe von Fukushima ziehen die Befürworter der Atomkraft mit dem Klimawandel als Argument ins Feld. Nicht nur Frankreich hat die Laufzeiten von Reaktoren verlängert.

Ein Freitag, 14 Uhr 46 Ortszeit, in Mitteleuropa ist es 6.46 Uhr morgens: Ein Erdbeben im Pazifik löst eine Welle aus, die ganze Landstriche an der japanischen Küste in eine Trümmerlandschaft verwandelt und die Notstromaggregate des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi unter Wasser setzt. Eine Kettenreaktion kommt in Gang, die Reaktorkerne in drei Blöcken schmelzen, knapp 24 Stunden nach der ersten Flutwelle explodiert der Wasserstoff in Block 1.

Das Reaktorunglück von Fukushima im Hightech-Land Japan am 11. März 2011, fast genau 25 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl, zeitigte weltweit unterschiedliche Folgen. In der japanischen Region umgibt das Atomkraftwerk (AKW) noch immer ein Sperrgebiet. Aufsichtsbehörden verschärften Sicherheitsstandards, die Europäische Union ordnete Stresstests für AKWs an. Die gravierendste politische Konsequenz wurde wohl in Deutschland gezogen, wo der Atomausstieg bis 2022 beschlossen wurde.

Die Energiewende wurde eingeläutet, nachdem die Bundesregierung im Oktober 2010, ein halbes Jahr vor Fukushima, sich für eine Laufzeitverlängerung entschieden hatte: Bundeskanzlerin Angela Merkel – ob als Regierungschefin (seit 2005) wie auch als Umweltministerin (1994-1998), war die studierte Physikerin von der Atomkraft überzeugt – hatte damals einen Verzicht noch für „unverantwortbar“ gehalten. Drei Monate nach der Katastrophe erklärte sie vor dem Bundestag: „Fukushima hat meine Haltung zur Kernenergie verändert.“

Gut zwei Wochen nach Fukushima wurde der baden-württembergische CDU-Ministerpräsident und „Atom-Rambo“ Stefan Mappus aus dem Amt gefegt und der Grüne Winfried Kretschmann sein Nachfolger. Die Anti-AKW-Bewegung, die nie aufgehört hatte, die Abschaltung der Kernreaktoren zu fordern, trat in der Folge wieder verstärkt auf den Plan, auch in Luxemburg und der Umgebung, wo ihr bis heute das französische AKW Cattenom ein Dorn im Auge ist. Nun hieß es bei großen Protestaktionen wieder „Atomkraft? Nein danke“.

Was ist daraus zehn Jahre nach Fukushima geworden? Die Atomenergie scheint wieder an Beliebtheit gewonnen zu haben. „Sie ist wieder da“ titelte vor zwei Wochen die „Zeit“ und berichtete über „das Comeback einer riskanten Idee“. Im Mai vergangenen Jahres sprach sich der Weltklimarat für den Ausbau der kohlendioxidarmen Atomkraft aus, und selbst die „Fridays-for-Future“-Ikone Greta Thunberg nannte die Kernenergie als Option – um kurze Zeit später ihre Aussage wieder zu relativieren. Sie sei doch eigentlich gegen Kernenergie.

Nun setzt auch US-Präsident Joe Biden auf die Energie aus AKWs, und selbst beim Aussteiger Deutschland wittert die Atomlobby Morgenluft, während die Europäische Kommission mit ihrem „Clean Energy Package“ Laufzeitverlängerungen für bestehende AKWs sowie den Bau von hundert neuen bis 2050 vorsieht. Der Klimawandel macht es möglich. Laut einer kleinen Umfrage der Grünen im deutschen Bundestag haben in Europa 43 AKWs die bei dem Bau vorgesehene Laufzeit überschritten, 40 weitere kommen in den nächsten fünf Jahren hinzu. Nach Angaben der österreichischen Umweltschutzorganisation Global 2000 betreiben 13 der 27 EU-Staaten 106 Kernreaktoren.

In der Zeit vor Fukushima zählten nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe zu den Hauptargumenten für die Entwicklung der Atomkraft. Die ökonomische Argumentation hat jedoch weitgehend ausgedient. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hält den Atomstrom für unwirtschaftlich. Während DIW-Berechnungen zufolge eine Kilowattstunde Strom aus Solar- und Windenergie im Durchschnitt sechs bis acht Cent kostet, ist der Preis für Atomstrom mit 16 Cent nahezu dreimal so hoch.

Grund dafür sind die hohen Investitionskosten: der lange Bau der AKWs (durchschnittlich zehn Jahre), die sicherheitstechnischen Maßnahmen sowie der Uranabbau. Mittlerweile haben die deutschen Stromerzeuger sich mit dem Rückbau der Atomkraft abgefunden. In Deutschland werden dieses Jahr die AKWs Brokdorf, Grohnde und Gundremmigen C vom Netz genommen. Bis Ende nächsten Jahres folgen Emsland, Isar II und Neckarwestheim II. In Deutschland werden mittlerweile 51,2 Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien gedeckt (größtenteils Windkraft), etwa 23 Prozent aus Kohle – und zwölf Prozent aus Atomenergie.

Weltweit sind nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) 443 Atomkraftwerke aktiv. Sie decken rund zehn Prozent des gesamten Stromverbrauchs (1996: 17,7 Prozent). Die meisten Reaktoren davon stehen in den USA (94), Frankreich (56*), China (50), Russland (38) und Indien (23). Ihr Durchschnittsalter beträgt 30,7 Jahre. Derzeit werden laut IAEA 50 neue Atomkraftwerke gebaut, wie zum Beispiel der „Europäische Druckwasserreaktor“ (EPR), der seit 2007 im französischen Flamanville am Ärmelkanal im Bau ist.

Nach wie vor sind mit der Atomenergie verschiedene Gefahren und Probleme verbunden – vom Unfallrisiko bis zur Endlagerung des radioaktiven Atommülls.

Während in den USA bereits AKWs außer Betrieb genommen wurden, obwohl sie noch keine 40 Jahre Betriebsdauer erreicht hatten, werden in China die meisten neuen gebaut, wobei dort zugleich verstärkt in erneuerbare Energien investiert wird. Russland exportiert Atomenergie, und die sich im Bau befindenden Kraftwerke in Bangladesch (zwei Reaktoren), Belarus (einer) und der Türkei (zwei) beruhen auf russischer Technologie und werden auch von Russland finanziert. Polen plant sechs neue Reaktoren. Die Niederlande planen einen Ausstieg aus dem Ausstieg mit zehn neuen Anlagen. Und Frankreich, das mehr als 70 Prozent (2019) seines Stroms aus Atomkraft bezieht und damit globaler Spitzenreiter ist, hat kürzlich die Laufzeit der französischen AKWs, die teilweise eine Laufzeit von 40 Jahren erreicht haben, auf 50 Jahre verlängert. Allerdings hat die Atomaufsicht „Autorité de Sûreté Nuclêaire“ (ASN) dies mit einigen Auflagen verbunden. Bei den AKWs handelt es sich um eine Baureihe mit 900 Megawatt Nettoleistung.

Einst war sogar ein Atomkraftwerk in Remerschen geplant. So titelte die Revue im Januar 1973 „Atommeiler an der Mosel?“. Die „Initiativ Museldall“ und die Luxemburger Anti-AKW-Bewegung wurden ins Leben gerufen. Das Projekt wurde schließlich von der DP-LSAP Regierung (1974-1979) aufgegeben. Dafür wurde mit dem Bau des AKW in Cattenom begonnen. Die Atomkraftgegner machten mobil. Nach der Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 demonstrierten am 15. Juni 1986 20.000 Menschen in Koenigsmacker gegenüber dem AKW. Drei Monate später kam es zu einer Menschenkette, die Schengen mit Perl und den französischen Moseldörfern verband. Trotzdem nahm Block I am 13. November 1986 den Betrieb auf, gut ein halbes Jahr nach Tschernobyl, die weiteren Druckwasserreaktoren folgten 1987, 1990 und 1991.

Ein ums andere Mal schreckten die vier Reaktoren in der Folge mit Störfällen auf und riefen Atomkraftgegner auf den Plan. Die Pannenserie riss nicht ab. In Luxemburg reagierte man mit einem Notfallplan und mit der Verteilung von Jodpillen. Später, erst recht unter dem Eindruck von Fukushima forderten die Regierungen von Luxemburg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland, das AKW abzuschalten. Die luxemburgische reagierte mit einem neuen Cattenom-Notfallplan. Sogar die ASN gab zu, dass der Schutz vor Radioaktivität ein Schwachpunkt der „atomaren Trutzburg“ sei, wie die Revue das Pannen-AKW bezeichnete.

Nach wie vor sind mit der Atomenergie verschiedene Gefahren und Probleme verbunden, davon hauptsächlich das Unfallrisiko, die ungelöste Endlagerung des radioaktiven Atommülls und schließlich der mögliche Atomwaffenbau. Obwohl die neue Generation der Atomkraftwerke von ihrer Lobby immer wieder als besonders sicher gepriesen wird und vor allem in den Bau von sogenannten Minikraftwerken investiert werden soll, ist und bleibt die Atomenergie für viele ein No-Go. Von einer Renaissance zu sprechen, wäre zu viel, sagt Greenpeace-Atomexperte Roger Spautz. Erinnert sei an jene Szene aus Johann Wolfgang von Goethes „Faust“, in der ein Pudel vorkommt. Dieser entpuppt sich als Mephisto, der Teufel. „Das also war des Pudels Kern“, heißt es darin. Eine Kraft, die ein unkalkulierbares Risiko birgt. So wie die Atomenergie.

Text: Stefan Kunzmann // Foto: Philippe Reuter

* 32 davon sind 900-MW-Reaktoren

Author: Philippe Reuter

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