Home » Home » Die Antwort? Ein Fragezeichen.

Die Antwort? Ein Fragezeichen.

Die Corona-Pandemie habe die Büchse der Pandora geöffnet, sagt Dr. Alessandra Donati, Senior Research Fellow am Max-Planck-Institut Luxembourg und Spezialistin für europäisches Umweltrecht. Sie fordert neue Wege, um die Unabhängigkeit der Forschung zu garantieren.

 

Nach einem Jahr Corona-Krise:
Hat die Pandemie Auswirkungen
auf Ihre Arbeit?

Als Forscherin und Juristin bin ich persönlich von der Corona-Krise betroffen, weil sie Einfluss auf meine Forschung hat.

Die Pandemie mitsamt den getroffenen Maßnahmen wurde von Beginn an durch wissenschaftliche Erkenntnisse erklärt. Politik und Wissenschaft sind also sehr eng zusammengerückt, oder?

Wissenschaftliche Experten, auch Juristen, Politikwissenschaftler und Soziologen mussten seit Beginn der Krise durch ihre wissenschaftlichen Aussagen die Politik der Regierungen unterstützen. Das hat die Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik verändert. Es hat die Büchse der Pandora geöffnet.

Das klingt bedrohlich.
Wie meinen Sie das?

Im Mittelalter arbeiteten Wissenschaftler für die Politiker und stellten ihre Forschung der Gesellschaft zur Verfügung, die von den wissenschaftlichen Entdeckungen und Entwicklungen profitieren konnte. In der industriellen Revolution hat sich das verändert. Wissenschaftler entfernten sich sowohl von der Gesellschaft als auch von der Politik und forschten unabhängig, stets bemüht, ein möglichst neutrales und objektives Ergebnis zu erhalten. Das ist noch immer die Vorstellung davon, wie Experten sein müssen: Sie sollten versuchen, unabhängige Erkenntnisse zu liefern, ohne sich an der Gesellschaft oder der Politik zu orientieren.

Inwieweit hat sich das
jetzt verändert?

Die Corona-Krise hat das Bild der Wissenschaft herausgefordert. Experten
sind nicht länger die unabhängigen Faktengeber, sondern werden mehr und mehr in die Politik eingebunden. Sowohl die luxemburgische also auch die französische Regierung haben keine Erklärung abgegeben, ohne einen Experten zu Wort kommen zu lassen.
Politiker sind ja nicht unbedingt firm in der Beurteilung von Infektionszahlen und Ansteckungsrisiken…
Ja, aber wenn wir das Modell der unabhängigen und außenstehenden Experten verlassen, welches Modell bekommen wir dann? Wie entscheidet sich ein Experte, für wen er arbeitet? Soll ich für eine NGO arbeiten, die sich gegen den Klimawandel einsetzt? Oder soll ich doch lieber versuchen, unabhängig zu bleiben? Die Frage war schon vorher da, aber durch die Corona-Pandemie wurde sie evidenter. Ich denke, die Antwort ist im Moment ein Fragezeichen.

Halten Sie diese Situation
für gefährlich?

Ich denke, es müsste eine Unterbrechung geben. Wissenschaftler und Politiker sollten ihre Meinungen und Ergebnisse austauschen und diskutieren können, gleichzeitig muss aber sichergestellt werden, dass die wissenschaftliche Unabhängigkeit nicht durch die Industrie gefährdet ist. Das bedeutet, dass wir Strukturen für einen Dialog zwischen Experten und Politikern brauchen, ohne das Prinzip der Unabhängigkeit zu verletzen.

Wie sollte das funktionieren?

Das wäre jetzt die Aufgabe von Juristen, einen Weg zu finden, bei dem eine Kooperation zwischen Wissenschaft und Politik stattfindet, ohne abhängig voneinander zu sein. Es muss einen Weg geben, auf dem beide ihre Funktion ausüben können, ohne sich gegenseitig zu behindern. Einer der größten Punkte in der Diskussion, die sich durch Covid-19 verstärkt hat, ist die Frage, wie wir sicher sein können, dass die Wissenschaftler, auf deren Expertise die europäischen Staaten ihre Pandemie-Maßnahmen begründet haben, wirklich unabhängig waren? Und ob sie nicht irgendwie mit bestimmten Industriezweigen vernetzt waren, die vielleicht ein Interesse an den Maßnahmen haben könnten.

Halten Sie das für möglich?

Schwierig. Wir können das jetzt nicht beantworten. Das wird erst in einigen Jahren möglich sein.

Wie könnte man die
Unabhängigkeit sicherstellen?

Es gibt zwei Möglichkeiten. Die erste ist eine Erklärung über die Interessen. Alle Experten müssten eine Erklärung unterschreiben, bevor sie ein Mandat übernehmen oder eine bestimmte Meinung vertreten. Natürlich ist so eine Erklärung kein hundertprozentiger Garant für die eigene Unabhängigkeit, aber sie müssten dann auch angeben, in welchem Rahmen sie familiär, politisch oder geschäftlich vernetzt sind. Dadurch wüsste jeder, in welcher Beziehung ein Experte zur Politik oder Industrie steht. Wenn ein Experte zu stark vernetzt ist, kann er in solchen Diskussionen von einer Beteiligung ausgeschlossen werden, weil seine Unabhängigkeit angezweifelt werden kann.

web_DONATI_Alessandra5x6-Kopie

“Der Dialog zwischen Wissenschaft
und Politik muss besser werden.”
Dr. Alessandra Donati, Max-Planck-Institut Luxembourg

 

Und die zweite Möglichkeit?

Die zweite Möglichkeit ist, generell zu überprüfen, wie der Experte sich finanziert, woher die Forschungsgelder stammen. Noch vor 20 Jahren wurde ein großer Teil der Forschung der Hochschulen und Forschungsinstitute mit öffentlichen Geldern der jeweiligen Regierungen oder der EU finanziert. Heute gibt es aber mehr und mehr private Forschungsgelder von Firmen und großen Industrien. Wer seine Forschung also mit privaten Geldern einer bestimmten Firma finanziert, müsste sicherstellen, dass er unabhängig von den Geldgebern forscht. Wenn ich meine Gelder von einem Nahrungsmittelhersteller bekomme und ich forsche zum Thema Nahrungsmittel: Wie kann ich versichern, dass meine Forschungsergebnisse unabhängig erfolgt sind? Für diese Fälle gibt es keine konkreten juristischen Vorgehensweisen in der EU. Es ist aber die Pflicht von Juristen, zu garantieren, dass Expertisen unabhängig erstellt werden. Die Balance zwischen Kompetenz und Unabhängigkeit muss gegeben sein.

Ist es für Forscher oft schwierig, an Gelder zu kommen?

Es ist zunehmend schwierig, öffentliche Gelder für Forschung zu bekommen. Dafür gibt es immer mehr private Gelder. Öffentliche Gelder sind kein Garant für keine Probleme, aber sie gewährleisten eine bestimmte Unabhängigkeit. Die EU gab pharmazeutischen Firmen viel Geld, um Impfstoffe zu entwickeln. Aber das Copyright liegt bei den Firmen. Die öffentlichen Gelder wurden also für die Herstellung benutzt, doch den Profit machen die Hersteller. Es stellt sich demnach nicht nur die Frage nach Unabhängigkeit, sondern auch nach Wettbewerb und geistigem Eigentum.

Wie unabhängig arbeiten Sie selbst?

Innerhalb des wissenschaftlichen Rahmens, den das Max-Planck-Institut Luxembourg gesteckt hat, können wir die Themen unserer individuellen Forschung frei wählen. Zuvor habe ich in verschiedenen Kanzleien gearbeitet und bin in Kontakt gekommen mit Klienten und Industrien, die ihre eigenen Vorstellungen hatten. Natürlich ist die eigene Unabhängigkeit immer limitiert. Vor allem, wenn man sich in einem ganz bestimmten Feld auskennt. Je mehr man dort forscht, umso größer ist das eigene Netzwerk und der Kontakt zu anderen. Das zu limitieren wäre für mich aber auch nicht der Zweck einer Gesetzgebung in dem Bereich. Der Zweck eines Gesetzes wäre, zu verhindern, dass die eigene Vernetzung eine Ausrede dafür ist, keine objektive Expertise abzugeben.

In der Corona-Pandemie wurde deutlich, dass bestimmte Expertenmeinungen nicht gewünscht waren. Wissenschaftler, die den Lockdown nicht unterstützten, wurden selten zitiert.

Wissenschaft selbst besteht daraus, unterschiedlichen Meinungen und Vermutungen nachzugehen. Es ist nicht möglich, nur eine einzige Meinung zu haben. Die Existenz eines Rechtssystems ist das Ergebnis unterschiedlicher Meinungen. Aber es hat sich gezeigt, dass bestimmte Meinungen und Expertisen mehr Autorität besitzen als andere, abhängig vom Institut oder dem persönlichen Background. Alle Corona-Maßnahmen, die getroffen wurden und immer noch werden, entstanden in einer großen sozialen und politischen Unsicherheit und Angst. Je mehr Unsicherheit besteht, desto mehr soziale Angst und Panik kommt auf.

Durch die Pandemie hat die Wissenschaft einen höheren Stellenwert bekommen. Warum erst jetzt?

Lange Zeit wussten Wissenschaftler nicht, wie sie zur Öffentlichkeit sprechen sollen, sie waren nicht in der Lage, ihre Message in einfachen und verständlichen Worten zu formulieren, so dass die Menschen sie verstehen. Beispiel: Klimawandel. Wissenschaftler wissen seit den 1970er Jahren, dass der Klimawandel eintreten wird. Seitdem haben zahlreiche Wissenschaftler Artikel darüber geschrieben, was passieren wird und welche Auswirkungen der Klimawandel bereits hat und in Zukunft haben wird. Aber erst vor zwei Jahren hat dieses Thema eine große gesellschaftliche Dimension bekommen.

Aber nicht durch die Wissenschaftler, sondern durch Fridays for Future…

Das ist richtig, doch wenn man sich die Veröffentlichungen der letzten Jahre ansieht, hat sich schon verändert, wie Wissenschaftler kommunizieren. Ich will aber nicht die Experten allein dafür verantwortlich machen, es gibt auch eine politische Sicht. Ob bei Covid oder Klimawandel – die Politik kann sich immer entscheiden, ob sie den Experten beipflichtet oder nicht. Zu Beginn der Corona-Pandemie konnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass die Wissenschaftler die eigentlichen Politiker waren. Weil sie die Experten waren und sagten, es sei ein großes Risiko und deshalb sollte ein Lockdown angedacht sein. Die Politik folgte. Als die Experten sagten, Masken seien nutzlos, mussten wir keine Masken tragen. Dann änderten die Experten ihre Meinung. Jetzt müssen wir alle Masken tragen. Die Politiker gaben die Entscheidungen über Maßnahmen in die Hände von Wissenschaftlern, wissend, dass Wissenschaftler allein eine wissenschaftliche Verantwortung tragen und keine politische oder demokratische.

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind aber nicht immer Grundlage für politische Entscheidungen.

Nein. Das kann man ganz deutlich am Beispiel des Klimawandels sehen. Aber auch in Bezug auf Covid-19.
Die politischen Antworten auf Covid kamen am Anfang ein bisschen spät. Wissenschaftler hatten da schon längst vor dem Virus gewarnt. Schon Ende Dezember gab es die ersten Meldungen, Warnungen dann Mitte Januar. Doch erst Ende Februar kam es zu politischen Reaktionen, eineinhalb Monate später. Alle wirtschaftlichen Folgen hatten also eine politische Ursache, weil zu spät auf die Warnungen der Wissenschaftler reagiert wurde. Dasselbe passierte im vergangenen Sommer. Wissenschaftler hatten da bereits vor einer zweiten Welle gewarnt. Anscheinend wurden aber andere politische Überlegungen angestellt und so reagierten die Politiker erneut zu spät, erst im Oktober, also zwei Monate nach den ersten Alarmsignalen der Experten.

 

web_doctor-holding-preparing-a-vaccine-while-wearing-protective-equipment-Kopie

Halten Sie das Verhalten von
Politikern für ambivalent?

Der Dialog zwischen Wissenschaft und Politik muss besser werden. Es ist wahrscheinlich nicht einfach, einen richtigen Dialog zur richtigen Zeit zu finden.

Können wir etwas lernen
aus der Corona-Krise?

Ja, natürlich. Jede Krise ist eine Chance, besser zu werden und zu lernen, Probleme besser zu lösen. Wenn wir also eine Lektion aus der Corona-Krise lernen, dann diese, wie wir Risiken besser einschätzen und sowohl effektiver als auch vorausschauender mit ihnen umgehen können. Alle Aktionen gegen Covid-19 kamen zu spät. Was fehlte war die Fähigkeit, dem Risiko mit den richtigen Maßnahmen zu begegnen.

Ist die Corona-Krise ein
außergewöhnliches Ereignis?

Ich bin mir nicht sicher. Wenn wir nicht in der Lage sind, präventive Maßnahmen einzurichten, werden solche Situationen in Zukunft wohl öfter entstehen. Wenn wir die Ursachen für den Klimawandel nicht angehen – denn Covid-19 ist verlinkt mit dem Klimawandel, dem Verlust der Biodiversität und dem enormen ökologischen Fußabdruck der Menschen auf unserem Planeten –, dann werden wir wohl alle zehn Jahre eine Pandemie wie diese erleben. Die meisten Pandemien in den vergangenen 50 Jahren haben ihren Ursprung in Zoonosen (Infektionskrankheiten, die sowohl bei Menschen als auch bei Tieren vorkommt, Anm. d. Red.) und wurden durch ein Virus verursacht, das vom Tier auf den Menschen übergeht. Das wird mehr und mehr passieren, wenn wir unseren Einfluss auf die Natur nicht ändern.

Das klingt sehr pessimistisch.

In der wissenschaftlichen Community ist das klar. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das in der politischen Welt auch angekommen ist. Oder ob das den Bevölkerungen klar ist. Unser größtes Problem ist der Klimawandel. Da kommt es auf die EU an. Mit einer starken EU kann man viel erreichen. Mit einer schwachen EU ist es schwierig, die Herausforderungen zu meistern. Natürlich können wir den Klimawandel nicht allein bekämpfen. Aber die EU kann eine große Rolle spielen und führend werden in der Bekämpfung des Klimawandels und in Bezug auf Gesundheit. Für so eine globale Herausforderung müssen wir zusammenarbeiten.

Fotos: mpi.lu, freepik

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Dario Herold

Login