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„Die Büchse der Pandora“

Vor dreißig Jahren brachen die Jugoslawien-Kriege aus. Zeitzeugen erinnern sich.

Split, November 1991: Der Kroatien-Krieg, der schon Monate zuvor am 31. März an den Plitvicer Seen ausgebrochen war, ereilte Dalmatiens Hauptstadt über das Meer. Die jugoslawische Kriegsmarine feuerte von einer Fregatte aus Granaten über die Altstadt und den Flughafen ab. Sechs Menschen starben. Unter den Matrosen waren viele Kroaten, die sich weigerten, auf ihr eigenes Volk zu schießen. So gelang es den Angreifern nicht, obwohl zahlenmäßig und an Material überlegen, die kroatischen Verteidigungsstellungen zu bezwingen. „Ich war damals erst zwölf Jahre alt“, sagt Josip Glaurdić. Der Politologe, der heute an der Universität Luxemburg lehrt, wuchs in Split auf. An den Angriff kann er sich noch gut erinnern: „Auch an die vielen Flüchtlinge, die aus den unterschiedlichen Landesteilen in die Stadt gekommen waren. Meine Großeltern waren selbst Flüchtlinge. Sie kamen aus einem Dorf in Dalmatien, das an der Front lag, so dass sie fliehen mussten. Und ich hatte Familienangehörige, die im Krieg kämpften.“ Im Kroatien-Krieg (1991-1995) – dem zweiten der Jugoslawien-Kriege, nach dem Zehn-Tage-Krieg in Slowenien (1991) und vor dem Bosnien-Krieg (1992-1995) sowie dem Kosovo-Krieg (1998-1999) – kamen nach unterschiedlichen Angaben zwischen etwa fünfzehn- und fünfundzwanzigtausend Menschen ums Leben, zwei Drittel davon Zivilisten.

Josips Großvater starb wenige Monate nach der Flucht. Andere Familienangehörige lebten in Vukovar. Die Stadt im nordkroatischen Slawonien war schwer umkämpft. „Meine Verwandten konnten entkommen, bevor Vukovar belagert wurde“, erzählt er. „Bis auf eine Cousine von mir: Sie wurde von einer Kugel in den Kopf getroffen, überlebte jedoch.“ Der Krieg habe den Alltag seiner Familie bestimmt, sagt der Kroate. „Auch als der Krieg in Bosnien ausbrach, internationale Truppen in die Nachbarrepublik weiterzogen und noch mehr Flüchtlinge in Split eintrafen. Nicht zu vergessen, dass viele Menschen aus meiner Heimat sich an den Kämpfen beteiligten. Wie mein Cousin und mein Onkel, die an der Front waren. Meine Tante lebte in ständiger Angst um sie. Zum Glück haben beide Männer überlebt.“

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Die Entscheidungs-träger hatten es in der Hand, den Krieg zu verhindern.
Josip Glaurdić

Hatte jemand die Jugoslawien-Kriege voraussehen können und erwartet, dass der Vielvölkerstaat auseinanderbrechen würde? Jede der interviewten Personen verneint dies. „Wenn mir jemand 1989 gesagt hätte, was zwei Jahre später geschehen würde, wäre ich geschockt gewesen. Niemand konnte wissen, dass alles in diesem Maße in kriegerischer Gewalt enden würde“, sagt Josip. Die vorausgehende Entwicklung war „ein langsamer, aber stetiger Prozess“. Dieser hatte nach dem Tod des charismatischen Staatspräsidenten Tito im Jahr 1980 eingesetzt. Das nationalistische Feuer war im Laufe der 80er Jahre zunehmend angefacht worden, in Kroatien wie in Serbien. Die Hetze gegen die jugoslawischen Landsleute wurde mit propagandistischen Mitteln angeheizt. Jeder Schritt in diese Richtung erscheint ihm im Nachhinein logisch. „Später, als Student und als Politikwissenschaftler, wurde mir bewusst, dass nichts unvermeidlich war“, sagt Josip. „Die beteiligten Entscheidungsträger hatten zu jeder Zeit in den verschiedenen Situationen des Konfliktes ihre Wahl. Sie hatten es in der Hand, den Krieg zu verhindern. Der Grund, weshalb sie sich für ihn entschieden, waren der Erhalt und die Ausdehnung ihrer Macht. Der Krieg war nützlich für sie.“

Der heute 42-Jährige weiß auch: „Die Machthaber in Belgrad besaßen die Kontrolle über die Armee und verfügten über die Waffen. Sie entschieden sich wiederholt für die Gewalt. In ihrem Umfeld gab es Leute, die fest daran glaubten, dass im Falle eines Auseinanderbrechens des Vielvölkerstaates die Serben alle in einem kleineren Staat zusammenleben sollten, oder andere, dass Kroatien und Slowenien nicht unabhängig sein dürften und Jugoslawien weiterbestehen sollte.“ Beide Republiken erklärten sich im Juni 1991 für unabhängig. Josip weist auf die Massenproteste in Belgrad am 9. März 1991 hin, die von der Opposition organisiert worden waren. Slobodan Milosević, damals Präsident der Serbischen Republik und Chef der Sozialistischen Partei, schickte die Volksarmee auf die Straße, um die Proteste niederzuschlagen. Die Eskalationsspirale drehte sich immer schneller.

Nach dem von den meisten bosnischen Serben boykottierten Referendum über die Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas eskalierte der Konflikt auch dort. Die jugoslawische Armee war angerückt, als Mario Beus mit seiner Familie im April 1992 aus Brčko floh. Die nordbosnische Stadt an der Mündung von Brka und Sava lag während des Bosnien-Krieges ab 1992 in einem schmalen Korridor und war die einzige Verbindung der zuvor ausgerufenen serbischen Republik Srpska mit dem Westen. Heute gehört sie zu einem Sonderverwaltungsgebiet. Der damals fünfjährige Mario verstand nichts von dem Krieg. „Ich erinnere mich an die Panzer“, sagt er, „aber erlebte alles aus der Perspektive eines kleinen Jungen.“ Seine Mutter, seine sechs Monate alte Schwester, seine Cousine und er hatten in dem Audi 80 Platz gefunden, am Steuer saß sein Großvater, als sie die Sava überquerten, die Bosnien-Herzegowina von Kroatien trennte. Während Marios Vater und sein Onkel sowie die Großmutter noch in Brčko waren, blieb der andere Teil der Familie um Mario anderthalb Jahre in Slowenien. Eine dauerhafte Zukunft hatten sie dort nicht. Mario durfte die Schule nicht besuchen, die Erwachsenen fanden keine Arbeit. Der Familie gelang es, auf einem Lastwagen weiterzureisen. „Unser Ziel war England“, sagt Mario. Sie kamen bis Luxemburg.

„Ein Onkel meines Vaters war Luxemburger“, nennt der heute 35-Jährige den Grund. „Wir fanden eine Unterkunft des Roten Kreuzes in Wecker und wohnten dort zunächst in einem winzigen Raum“, erinnert er sich. „Für mich war es ein Schock. Ein fremdes Land. Ich verstand die Sprache nicht und kannte niemanden. Kriegsflüchtlinge waren zu jener Zeit in Luxemburg noch weitgehend unbekannt.“ Die erste große Welle der bosnischen Flüchtlinge sollte erst kurz danach das Großherzogtum erreichen. Für Mario war klar: „Ich wollte mich unbedingt integrieren. Als wir in Ettelbrück wohnten, spielte ich Basketball. Ich hatte fast nur luxemburgische Freunde.“ Das hat sich bis heute nicht geändert. „Ich fühle mich heute zu hundert Prozent als Luxemburger“, sagt der Krankenpfleger. „Selbst mit meiner Schwester spreche ich Luxemburgisch.“ Mittlerweile lebt Mario mit seiner Familie auf der französischen Seite der Grenze in der Nähe von Bad Mondorf. „Ich fahre einmal im Jahr nach Dubrovnik, wo noch ein Teil meiner Familie lebt, zu Brčko habe ich keinen emotionalen Bezug mehr.“

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Nichts lag weiter entfernt,
als an einen Krieg zu denken.
Selma Ćimić (l.) und Indira Mehić

 

Betritt man Indira Mehićs Haus in Luxemburg, fallen einem die zahlreichen Gemälde an den Wänden auf. Die Künstlerin hat sich das Malen beigebracht. Sie verarbeitet das Erlebte und den Krieg in ihren Bildern. So auch das Massaker von Srebrenica. Gerichte der Vereinten Nationen haben es als Genozid klassifiziert, als Völkermord. Über mehrere Tage, vom 11. bis zum 19. Juli, wurden dort mehr als achttausend Menschen ermordet, fast ausschließlich bosnische Jungen und Männer, aber auch ein Mädchen im Säuglingsalter. Die Täter der Armee der Republik Srpska, der Polizei und serbischen Paramilitärs unter Führung von Ratko Mladić verscharrten die Leichen in Massengräbern. Das Massaker gut zweieinhalb Stunden nordöstlich von Sarajevo gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Die bosnische Hauptstadt selbst wurde fast vier Jahre lang von der Armee der bosnischen Serben, Überresten der jugoslawischen Armee sowie Paramilitärs belagert. In diesen 1.425 Tagen wurden etwa elftausend Menschen getötet, darunter 1.600 Kinder, mehr als fünfzigtausend teils schwer verletzt. Insgesamt forderte der Bosnien-Krieg nach Angaben des „Research and Documentation Center“ in Sarajevo mehr als hunderttausend Menschenleben.

Begonnen hatte die Belagerung mit der Einnahme des internationalen Flughafens durch die jugoslawische Armee in der Nacht zum 5. April 1992, und offiziell spätestens, als die bosnischen Serben am 2. Mai desselben Jahres die Blockade über die Stadt verhängten und die Ausfallstraßen sperrten, um die Versorgung der Stadt zu stoppen. „Wir lebten in einem Viertel in der Nähe des Flughafens. Dort war es besonders gefährlich“, erzählt Indira. Während sie spricht, muss sie mehrmals innehalten. „Wir leben in der Gegenwart und denken an die Zukunft, aber vergessen können wir nicht. Und jedes Mal, wenn wir uns erinnern, öffnet sich die Büchse der Pandora.“ Das Erinnerte wird wieder gegenwärtig, der Schrecken, die Trauer über das Erlebte kehrt zurück.

Sie selbst stammt aus Podgorica, der Hauptstadt Montenegros, lebte aber wie ihre Schwestern schon seit mehreren Jahren in Sarajevo, wo sie auch ihren Mann kennengelernt hatte. Gerne denkt sie an die friedlichen, freudigen Tage, als noch Frieden herrschte und als das multikulturelle Leben in der bosnischen Metropole blühte, an das bunte Treiben in der zur Hälfte von Muslimen bewohnten Stadt, wo lange Zeit religiöse oder ethnische Zugehörigkeit keine Rolle spielte. Ein Höhepunkt waren die Olympischen Winterspiele 1984, bei denen auch Indira mitarbeitete. Das Zusammenleben von muslimischen Bosniaken, katholischen Kroaten und orthodoxen Serben in Bosnien-Herzegowina erschien vorbildlich. „Wir feierten die religiösen Feste, ohne besonders religiös zu sein“, sagt Indiras Freundin Selma Ćimić. Und Indira meint: „Nichts lag weiter entfernt, als an einen Krieg zu denken.“

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Ich erlebte alles aus der Perspektive eines kleinen Jungen.
Mario Beus

 

Die tödliche Gewaltspirale hatte – aus serbischer Sicht – bereits eingesetzt, als am 1. März 1992 ein bosnischer Soldat auf eine Hochzeitsgesellschaft in der Altstadt schoss und dabei einen Serben tötete. Der Schütze erhielt später den Oberbefehl über eine Brigade der bosnischen Armee. Ein Heckenschütze erschoss einen Monat später unter anderem zwei junge Frauen, die an einer Demonstration auf der Vrbanja-Brücke teilnahmen. Mit den ersten Bombardements verschlechterte sich die Lage weiter. „Wir waren eingekesselt. Niemand konnte mehr raus, eine Evakuierung war fast unmöglich“, schildert Indira die Situation. Mit einer internationalen Luftbrücke wurde die Versorgung der Bevölkerung aufrechterhalten. Doch die Stadt stand fast dauernd unter Granatbeschuss, was ständige Lebensgefahr bedeutete. Heckenschützen schossen wahllos auf Menschen und Fahrzeuge.

„Jeder wollte raus aus Sarajevo“, erinnert sich Indira, „es herrschte völliges Chaos.“ Schließlich gelang es ihr, zusammen mit ihren Schwestern zu entkommen. Ein Flug sollte sie nach Montenegro bringen. „Als wir bei dem Flugzeug ankamen, schloss sich die Tür vor mir“, erzählt sie. „Ich stand wie unter Schock. Plötzlich sah ich den Piloten. Er schaute mich an und ließ mich noch rein.“ Der Aufenthalt in Podgorica sollte nicht von langer Dauer sein. Montenegro bildete damals mit Serbien ein Staatenbündnis, was die Situation der Geflüchteten erschwerte. „Das Virus des Nationalismus hatte alle erfasst. Und uns ein Gefühl der Machtlosigkeit ergriffen.“ Während ihr Mann noch eine Zeitlang in Sarajevo blieb, kam Indira zusammen mit zwei ihrer Schwestern 1993 nach Luxemburg. „Zu dieser Zeit fand ich aufgrund meiner Sprachkenntnisse Arbeit. Anfangs arbeitete ich mit einer kranken Person mit Behinderung und dann als Kassiererin, um meine Familie zu ernähren. Später fing ich an, als „interprètre interculturelle“ im sozialen und medizinischen Bereich zu arbeiten.“

Ihre Freundin Selma, die sie erst im Großherzogtum kennengelernt hat, war 1992 nach Luxemburg immigriert. Heute arbeitet sie in einem Ingenieurbüro. Sie stammt aus Bihać, einer Stadt im äußersten Nordwesten von Bosnien-Herzegowina an der Grenze zu Kroatien, die während des Krieges eingekreist war, aber unter Kontrolle der bosnischen Regierungstruppen blieb. „Mein Mann suchte im Westen Arbeit, um dem Krieg zu entkommen“, erzählt Selma. „So kamen wir nach Luxemburg. Mein Mann fand zwar Arbeit, aber ich hatte ständig Angst.“ Rückblickend betrachtet kritisieren sowohl Indira als auch Selma den Blick des Westens auf den Jugoslawien-Konflikt, aber auch die Rolle der Medien: „Sie waren alles andere als objektiv“, sagen beide unisono. „Sie setzten uns in einen bestimmten Kontext.“ In Serbien, Bosnien und Kroatien wurden die Medien jeweils von den Machthabern für Propagandazwecke instrumentalisiert.

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Nach den Kriegen gab es eine Tendenz, das eigene Land, die eigene Bevölkerung zum Opfer zu stilisieren.
Armin Bešlija

Nach den Kriegen habe es in den früheren jugoslawischen Staaten eine Tendenz gegeben, das eigene Land, die eigene Bevölkerung selbst zum Opfer zu stilisieren, eine Art von Selbstviktimisierung, stellt Armin Bešlija fest. Der Allgemeinmediziner lebt seit 30 Jahren in Luxemburg. „Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich 1991 am Bahnhof Pfaffenthal ankam“, sagt er. „Es war, als hätte ich das vorher schon einmal geträumt, nur wusste ich nicht, ob es ein Traum oder ein Albtraum war.“ Der Bosnier hatte in Sarajevo Medizin studiert und war auf Psychiatrie spezialisiert. Als Neuankömmling arbeitete er zuerst in Cafés und Bars. Anfangs fühlte er sich fremd. „Ich hatte keinen Kontakt zu meiner Familie, bis ich meinen Bruder in einer CNN-Reportage im Fernsehen sah“, erzählt er. „Allmählich wurde ich mir meines Glücks bewusst, nachdem der Krieg mir alles genommen hatte.“ In Belgien absolvierte er eine medizinische Zusatzausbildung, heiratete eine Belgierin, mit der er vier inzwischen erwachsene Kinder hat, und etablierte sich in Luxemburg. „Heute bin ich hier zu Hause“, betont er. Der 58-Jährige möchte, „dass meine Kinder frei von dieser Last sind“. Eine Last habe jeder zu tragen. Armin erzählt, wie er es als Psychotherapeut im Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag mit Kriegsverbrechern zu tun hatte. Dort war auch der zu lebenslanger Haft verurteilte einstige Anführer der bosnischen Serben, Radovan Karadžić.

Dass es zu dem Auseinanderbrechen des früheren Jugoslawiens kommen konnte, liege sowohl an inneren und äußeren Faktoren, konstatiert Josip Glaurdić. „Der Vielvölkerstaat prosperierte unter Tito“, sagt der Politologe. „Wenn es einen Konflikt gab, griff er schlichtend ein. Nach seinem Tod 1980 war dieser vereinigende Faktor nicht mehr vorhanden.“ Nicht von der Hand zu weisen sei aber der Einfluss des Kalten Krieges: „Jugoslawien wäre ohne das Ende des Ost-West-Konflikts niemals auseinandergefallen. Die führende Position in der Bewegung der blockfreien Staaten und die Äquidistanz zwischen den verfeindeten Blöcken verliehen dem Land eine außergewöhnliche Macht.“ Trotzdem, betont Josip, „die Gründe für den Zusammenbruch und für die Gewalt waren hausgemacht“. Viele Menschen hätten an Jugoslawien als Einheitsstaat geglaubt und hielten ihn für eine gute Idee – solange er funktionierte. „Die dominierenden Identitäten waren die jeweiligen ethnischen, nationalen Identitäten, die kroatische, serbische und slowenische“, erklärt Josip. „Etwas komplizierter war es bei den Bosniern.“ Nicht einmal die kommunistische Partei hing schließlich am übernationalen Einheitsstaat. Wenn man heute von Stabilität spreche, dann sei dies – vor allem in Montenegro, Kosovo und Bosnien – eine prekäre Stabilität.

Fotos: Philippe Reuter, Privat

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold

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