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Die Durchstarterin

Luxemburg hat zwar (noch) kein Velodrom, mit Claire Faber indes eine Bahnradspezialistin, deren Namen man sich merken sollte, denn keine ist schneller als sie.

Fotos: Philippe Reuter (2), Rom Helbach, Gerry Schmit (Editpress)

Frau Faber, wie kommt auf die Idee, sich als Radrennfahrerin für eine Disziplin zu entscheiden, die man in Luxemburg gar nicht trainieren kann?
(lacht) Diese Frage wird mir immer wieder gestellt. Nun, eigentlich ist mein neuer Trainer Jimmy Wagner schuld daran. Er hat sich meine Leistungswerte angeschaut und gemeint, dass ich für Bahnrennen in hohem Maße geeignet sei. Und er hat Recht.

Was genau was heißt?
Ich habe ein beachtliches Beschleunigungsvermögen. Oder anders ausgedrückt: Ich kann innerhalb von fünf Sekunden ganz schön Tempo machen. Früher habe ich meine Sprinterqualitäten bei Straßenrennen unter Beweis stellen können, auf der Bahn muss man allerdings noch intensiver auf Touren kommen. Und das entspricht halt meinem Profil.

Spielt nicht auch die Taktik bei Bahnrennen eine wesentliche Rolle?
Doch, der Bahnradsport ist etwas völlig anderes als der Straßenradsport. Bahnräder besitzen weder Bremsen noch eine Schaltung oder Freilauf. Man spricht in dieser Hinsicht von einem „starren Gang“. Was heißt, dass man beim Fahren ununterbrochen in die Pedalen treten muss. Um nicht auf andere Fahrerinnen aufzufahren, kann man nur ausweichen. Im Notfall wird die Geschwindigkeit durch das Gegenhalten mit Muskelkraft gegen das sich drehende Pedal verringert. Hin und wieder kommen auch die Ellenbogen zum Einsatz. Taktik und Konzentration sind beim Bahnrennsport wirklich sehr wichtig. Zudem muss man stets 100 Prozent geben und das Letzte aus sich herausholen. Mir gefällt diese Herausforderung (lacht).

„Mir gefällt die Herausforderung, stets das Letzte aus sich herauszuholen.“

Und wie bereiten Sie sich darauf vor?
Gewöhnlich fahre ich einmal in der Woche nach Büttgen bei Köln. Dort gibt es eine Rennbahn. Dort habe ich auch mein erstes Rennen gewonnen. Das belgische Gent ist eine weitere Alternative. Das Hin und Her ist zwar umständlich und zudem kostenaufwändig, aber solange es hierzulande noch kein Velodrom gibt, bleibt mir nichts anderes übrig. Vor dem Omnium in Hongkong, an dem ich im vor kurzem teilgenommen habe, war ich fünf Tage in Manchester, um mich mit meiner Partnerin Emily Kays auf die Rennen in Asien vorzubereiten.

„Die“ Rennen?
Ja, Omnium bedeutet Mehrkampf. Der Wettbewerb setzt sich aus vier Rennen in vier Disziplinen zusammen, die alle an einem Tag gefahren werden: Punktefahren, Elimination, Temporunden und Scratch. Das Training in Manchester, wo ich Anfang des Jahres beim ACT International Omnium gewonnen habe, war zudem wesentlich, da ich meine Kollegin noch gar nicht gekannt habe.

Wie bitte? Sie sind mit einer Unbekannten nach Hongkong gefahren?
(lacht) Unbekannt war Emily Kays mir nicht. Sie ist eine der besten Bahnfahrerin der Welt. 2013 gewann sie mit ihrem Team die Junioren-Weltmeisterschaft in der Mannschaftsverfolgung und stellte zudem einen neuen Weltrekord auf. In derselben Disziplin war sie 2016 Europameisterin. Außerdem hat sie über ein Dutzend nationale Titel. Mit ihr zu trainieren und zu fahren ist schon eine Ehre.

Ich gehe davon aus, dass Sie bereits als Kind Rad gefahren sind, aber wieso haben Sie sich für eine professionelle Karriere als Radsportlerin entschieden?
Achtung: Noch bin ich kein Profi. Aber es stimmt, dass ich als Sechsjährige mein erstes Radrennen gefahren bin. Zuerst fuhr ich Mountainbike, später bin ich auf das Straßenrad umgestiegen und habe im ersten Jahr sogleich den Meistertitel errungen. Und Blut geleckt. Warum ich gern Rad fahre, ist einfach zu erklären. Man ist permanent gefordert. Ich habe auch andere Sportarten ausprobiert, aber Fußball oder andere Ballsportarten sind mir zu langweilig, weil man als Spielerin darauf warten muss, zum Einsatz zu kommen. Sitze ich hingegen auf meinem Rad, muss ich mich ganz allein auf mich verlassen und mein Bestes geben können.

Sie sind erst 20 Jahre alt. Können Sie sich trotzdem vorstellen, an den kommenden Olympischen
Spielen in Tokio teilzunehmen?

Für eine Anmeldung ist es jetzt leider schon zu spät. Also muss ich bis 2024 warten. Dann wird das Velodrom in Mondorf voraussichtlich eröffnet sein. Was in fünf Jahren sein wird, kann ich heute allerdings noch nicht sagen. Anfang März habe ich mein neues Straßenrennrad bekommen – mein Bahnrennrad wird übrigens gänzlich von der Fondation Kim Kirchen finanziert. Ich bin ja nach wie vor Mitglied des im Herbst 2017 geborenen „Andy Schleck Cycles Women Project“ und jedes Wochenende im Einsatz.

Zeit für Hobbys bleibt Ihnen wohl kaum?
Nein, ich bin momentan „on the road“, wie man so schön sagt.

„Beim Bahnrennsport kommt es auf Explosivität an. Ich bin ein guter so genannter Beschleuniger.“

Gibt es dennoch einen Plan B?
Ich studiere Sportmanagement an der LUNEX-Uni in Differdingen. Ich habe es mir nach dem Abitur nicht leicht gemacht. Am liebsten hätte ich ein Bauingenieur-Studium begonnen, aber dann hätte ich den Radsport an den berühmten Nagel hängen müssen, um mich voll und ganz auf die Studien zu konzentrieren. Dazu war ich nach langen Überlegungen dann doch nicht bereit.

Ist der Cyclocross nie eine Option gewesen?
Meine Strümpfe wollen weiß bleiben (lacht). Im Ernst: Ich fahre ungern Querfeldeinrennen. Nicht nur, weil ich mich nicht schmutzig machen möchte, sondern weil der Radcross nicht unbedingt meinem Talent entspricht. Beim Bahnrennsport kommt es auf Explosivität an. Es gibt den Endurance Track und den Sprint Track. Sprinter verbringen oft mehr Zeit beim Krafttraining in Fitnesszentren als auf dem Rad. Für meine Ausdauer ist die Kombination mit Straßenrennen von Vorteil. Ich bin, wie bereits erwähnt, ein guter Beschleuniger oder anders ausgedrückt: Ich bin kein Diesel.

Im Autosport würden Sie demnach Formel 1-Rennen bestreiten?
So ungefähr. Was mir bei Bahnrennen noch entgegenkommt, ist die Distanz. Eine Runde ist 250 Meter lang. Bei 120 Runden kommt man auf eine Distanz von 30 Kilometern. Eine für mich perfekte Strecke. Rennen von 150 Kilometern zu fahren, macht mir – ehrlich gesagt – keinen Spaß. Ich ziehe dem Durchhaltevermögen auf Langstrecken die Geschwindigkeit auf Kurzstrecken vor.

Zur Person: Claire Faber

Jahrgang 1998, wohnt bei den Eltern in Rümelingen, hat am Lycée des garçons in Esch/Alzette ihr Abitur gemacht, studiert derzeit Sportmanagement an der LUNEX Uni in Differdingen. Claire Faber ist Mitglied des „Andy Schleck Cycles Women Project“ und des SaF Zéisseng. Sie hat bereits zwei Mal an der Straßen-WM der Juniorinnen und zwei Mal an der WM bei der Elite teilgenommen. Ihr bislang größter sportlicher Erfolg war der Sieg beim ACT International Omnium in Manchester.

Apropos Geschwindigkeit: Wie schnell sind Bahnrennfahrer unterwegs?
Beim Sprint können durchaus 63 Stundenkilometer erreicht werden. Die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt indes bei 45 Stundenkilometern. Eine Geschwindigkeit, die nicht einfach zu fahren ist.

Was bei Stürzen ziemlich gefährlich sein kann…
Ich habe – Gott sei Dank – erst einen einzigen schweren Unfall als Radfahrerin gehabt. Das war 2013, genau eine Woche vor der Meisterschaft. Aber nicht die Verletzung war schlimm, eher die Tatsache, dass meine Teilnahme an den Rennen gefährdet war. Ich dachte damals, die Welt würde untergehen. Ist sie jedoch nicht.

Sind Sie heute – aufgrund Ihrer Erfolge – gelassener geworden?
Darüber, dass es in Manchester so toll laufen und ich sämtliche Rennen gewinnen würde, war ich selbst ziemlich überrascht. Aber es kann schon sein, dass ich mittlerweile auch an Selbstbewusstsein gewonnen habe. Ich mache mir diesbezüglich hingegen keinen Druck. Der Bahnrennsport macht mir vor allem Spaß, und so ausgelaugt ich nach zwei Stunden intensivem Training mitunter bin, ich drehe meist noch ein paar zusätzliche Runden. Für mich kann das Velodrom jedenfalls nicht früh genug eingeweiht werden. 

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

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