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Die etwas anderen Superhelden

So zynisch, so brutal, so anders. Die Amazon-Prime-Serie „The Boys“ bietet hochwertige Unterhaltung und haucht dem übersättigten Superhelden-Genre neues Leben ein.

Superhelden sind in Film und Fernsehen nicht mehr wegzudenken. Genau wie einst der Western erfreut sich dieses Genre größter Beliebtheit. Für Produzenten ist es eine reine Geldmaschinerie. Tausende Comics dienen als Inspiration, Spielzeuge und Merchandise verkaufen sich sehr gut, von Kino-Tickets ganz zu schweigen. Die Fankultur ist lebendiger denn je. Schließlich visieren die Filme dank niedriger Altersbeschränkung ein größtmögliches Publikum an.

Keiner hat dies so gut verstanden wie Disney. Das Produktionsstudio, welches den Comicverlag Marvel und somit auch die Rechte an etlichen Heldengeschichten erworben hat, dominiert mit seinem „Marvel Cinematic Universe“ seit 2008 („Iron Man“) die Kinowelt. 2019 erfolgte mit „Avengers Endgame“ der fulminante Höhepunkt der sogenannten „Infinity Saga“, welche mit „Iron Man“ begann. Ein Ende ist keineswegs in Sicht. Durch Disney Plus wird nun mehr auf Serien gesetzt. Die Streaming-Plattform veröffentlichte die hochwertig produzierten Serien „Wandavision“, „Loki“, „Falcon and the Winter Soldier“ und „Hawkeye“ alle im selben Jahr und parallel zu den Kinofilmen.
Nach über zehn Jahren Dominanz von Disney Marvel schleicht sich jedoch eine leichte Übersättigung ein. So divers die Filme und Serien auch sein mögen, was Handlung, Aussehen und Genre angeht, so ähnlich und repetitiv ist deren sarkastischer Humor und kinderfreundlicher Inhalt. Zu oft werden ernste Momente durch Witze aufgelockert. Zu harmlos die meisten Kampfsequenzen. Um mit dem Marvel-Riesen mitzuhalten, geht die Konkurrenz andere Wege. 20th Century Fox bewies dank den X-Men-Spin-offs Logan und Deadpool, dass Rated-R-Superhelden-Content, also ausschließlich an Erwachsene gerichtete Filme, sehr gut beim Publikum ankommt. Warner Brothers hingegen veröffentlichte mit Joker und später Batman zwei erfolgreiche, düstere Filme, die sich von Anfang bis Ende ernst nehmen. Von Marvels Selbstironie keine Spur. Schließlich wagt es auch Amazon Prime seine eigene Superheldenserie zu produzieren, welche dieses Genre noch einmal mächtig aufmischen sollte: „The Boys“.

Was „The Boys“ so charmant macht und auch so stark von anderen Superheld-Produktionen unterscheidet, sind die satirischen Elemente.

The Boys ist Amazon Primes Antwort auf die stets lustigen, sich nicht allzu ernstnehmenden Helden-Filme und -Serien von Disney Marvel. Dabei bedient sie sich an den bekanntesten Comics von DC und Marvel: Fans werden sehr viele Elemente aus Superman, Captain America, der Justice League, etc. wiedererkennen. Was die Serie so besonders macht: Der Autor der Boys-Comics und somit der Serienvorlage hasst Superhelden. Er hat sich die Frage gestellt, was passiert, wenn ambivalente Menschen mit Makeln Superkräfte bekommen? Was macht dies aus deren moralischen Werten? Marvels optimistische Antwort ist „aus großer Macht folgt große Verantwortung“. The Boys bietet die Antithese.

Wie zu erwarten werden Superhelden gefeiert, wie Götter verehrt. Als Superstars treten sie in Filmen und Werbungen auf und retten nebenbei den Tag. Der Schein trügt jedoch und zwar sowas von: In Wahrheit sind sie Feiglinge, Junkies und größenwahnsinnige mordlustige Egomane. Ein dubioser Riesenkonzern namens „Vought American“ nimmt sie unter Vertrag und vertuscht jegliche Art Verbrechen. The Boys ist eine Underdog-Geschichte. Die Namensgebende Gruppe von Menschen, die „Boys“, haben allesamt eine Rechnung offen mit den übermächtigen „Supes“. Hervorzuheben ist der charismatische Anführer mit dem abgefahrenen Namen Billy Butcher. Mit einem Brecheisen bewaffnet geht er gnadenlos gegen die großen Helden vor. Schauspieler Karl Urban, bekannt durch die „Herr der Ringe“- und „Star Trek“-Filme, geht seiner Rolle voll auf. Seine Figur ist zynisch und skrupellos, hat aber tief in sich verborgen einen weichen Kern. Er führt einen Guerilla-Krieg gegen die „Seven“, Voughts Vorzeigehelden.

Angeführt werden diese vom Homelander. Er ist Amerikas Gesicht. Adler-Abbildungen auf den Schultern, USA-Flagge als Cape. Homelander ist einer der wohl interessantesten, am besten geschriebenen Charaktere. Die Serie gibt ihm sehr viel Zeit, um all seine Facetten zu beleuchten. Schließlich ist er der große Widersacher der Serie. Ausgestattet mit den Kräften Supermans, aber mit dem moralischen Kompass eines Jokers, ist er eine Bedrohung, die seinesgleichen sucht. Schauspieler Anthony Starr strahlt sowohl Autorität als auch Unsicherheit aus. Die Figur ist abgrundtief Böse und doch nachvollziehbar. Sein durch seine schiere Unbesiegbarkeit entstandener Gottkomplex stößt auf seinen Drang, von jedem bewundert und geliebt zu werden. Dadurch ist sein Handeln unvorhersehbar und die Spannung in jeder seiner Szenen unermesslich.

Die Dritte Staffel der Serie ist nun abgeschlossen. Qualitativ steht sie den vorherigen Staffeln in nichts nach. Im Gegenteil: Jede Folge überrascht, schockiert und sorgt für Vorfreude. Die Action ist gut dosiert und großartig. Das im Vergleich zu Disney eher geringe Budget wird für die gut inszenierten Kämpfe eingesetzt. Neue Figuren, wie der „Captain America“-Abklatsch „Soldier Boy“ sorgen für frischen Wind. Was „The Boys“ so charmant macht und auch so stark von anderen Superheld-Produktionen unterscheidet, sind die satirischen Elemente. Die Helden und ihre Verehrung durch die Menschen symbolisieren die übertriebene Vergötterung der Promis, welche genau wie die „Seven“ auch ihre Makel haben. Immer wieder hält die Serie der amerikanischen Gesellschaft den Spiegel vor. Sowohl Donald Trumps Kampagne als auch die geschmacklosen Black Lives Matter-Botschaften in Produktwerbungen (Pepsi z.B.) werden thematisiert und parodiert. „The Boys“ ist jedoch definitiv nichts für schwache Gemüter. Für Zuschauer unter 16 Jahren ist sie nicht geeignet. Explodierende Körperteile und sexuelle Inhalte sind fester Bestandteil. Auch sexuelle Gewalt
wird thematisiert. Die Serie setzt sich kritisch mit sehr aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen auseinander, bleibt dabei aber stets subtil und unterschwellig. Der Fokus auf die Haupthandlung geht also nie verloren.

Für das Superhelden Genre ist „The Boys“ ein Segen. Die Serie hat dank seiner Altersbeschränkung von 16 Jahren deutlich mehr Freiheiten und wird dem von Gewalt geprägten Superhelden-All-tag dadurch deutlich gerechter. Das Superhelden-Genre bleibt somit frisch und abwechslungsreich. Auch DC hat erkannt, dass man Marvel nicht kopieren sollte und produziert stattdessen Filme und Serien für ein erwachsenes Publikum, siehe „The Suicide Squad“ und die Spin-off Serie „Peacemaker“. Staffel 4 von „The Boys“ ist bereits in Produktion. Wer aber nicht so lange warten will, sollte dem Spinoff „Diabolical“ eine Chance geben. Auch „Invincible“ ist eine sehr brutale animierte Superhelden-Serie, welche in eine ähnliche Richtung geht.

Text: Raphael Hardt, Foto: Amazon Prime

Author: Dario Herold