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Die perfekte Liebes-Illusion?

Melde dich doch bei Tinder an, haben meine Freunde gemeint. Wie bei vielen Singles, herrscht auch bei mir seit der Corona-Pandemie in Sachen Liebe gähnende Leere. Doch wie effizient ist die weltweit erfolgreiche Single-App und führt sie tatsächlich zur großen Liebe?

Seit seiner Gründung 2012, gab es bei Tinder mehr als 60 Milliarden „Matches“. Das behauptet der Hersteller der weltweit erfolgreichsten Dating-App zumindest auf seiner offiziellen Internetseite. Klingt vielversprechend, auch wenn ein „Match“, ein Treffer auf Deutsch, nicht unbedingt als Liebesbeziehung endet. Bei weitem nicht. In 190 Ländern wird mittlerweile in Sekundenschnelle nach links oder nach rechts „geswiped“. Nicht umsonst lautet der Slogan der beliebten Singlebörse „Swipe Right“. Ich würde eher behaupten, mit einem Wisch ist alles weg. Aber was heißt das konkret? Seit Jahren habe ich mich immer geweigert, Tinder auf mein Smartphone herunterzuladen. Dating-Apps haben mich sowieso nie besonders angezogen. Da ich viel unterwegs und eher kontaktfreudig bin, habe ich nie Schwierigkeiten gehabt neue und interessante Leute kennenzulernen. Zugegeben, mein Liebesleben ist stets eine Folge von unglaublichen Misserfolgen gewesen, ein bisschen à la Bridget Jones, halt nur im männlichen Format, doch ein Grund zur Verzweiflung gab es nicht. Noch nicht! Bis zu dem entscheidenden Tag mitten in der Corona-Pandemie, wo du unrasiert, mit zerzaustem Haar, Tränensäcken unter den Augen, in einer abgenutzten Jogginghose vor dem Spiegel stehst und dich fragst „Was wird aus mir werden?“. Mit über vierzig ist dir schon bewusst, dass du näher am Verfallsdatum liegst als an deiner längst vergangenen Jugend. Doch gerade jetzt, wo die Zeit doch so kostbar ist, steckt die Welt in der Corona-Krise. Und ich krieg die Krise!

„Melde dich doch bei Tinder an“, haben meine Freunde gemeint. Tagelang haben sie mich zu überzeugen versucht, und an einem verregneten Sonntag ist es dann passiert: Ich habe mir die App heruntergeladen.

„Tinder kann tatsächlich die Einsamkeit und die soziale Isolation während der Corona-Pandemie brechen“, meint Psychotherapeutin und Sexologin Séverine Godard. „Sie sollten aber von Anfang an keine zu hohen Erwartungen haben und nicht vergessen, dass Sie sich nicht in der Realität befinden.“

Natürlich gibt es Menschen, die eine Liebesbeziehung dank Tinder aufbauen. Aber es ist eher eine Seltenheit. Ich empfehle, dem Leben etwas mehr zu vertrauen

Die ersten Minuten sind nicht besonders spannend. Da ich mich nicht via meinen Facebook-Account einschreiben möchte, muss ich noch einige Fragen über meine Hobbys und Interessen beantworten. Es handelt sich um ziemlich vage Informationen. Ich werde dementsprechend auch aufgefordert einen kleinen Text beizufügen, der meine Persönlichkeit widerspiegeln soll. „Be curious“ schreibe ich hin. Das dürfte „Tinder“ und meinen zukünftigen „Matches“ fürs Erste reichen. Zuviel möchte ich nicht über mich verraten. Natürlich lade ich auch ein Bild von mir hoch. Das Foto, ist wahrscheinlich das wichtigste Element bei derartigen Singlebörsen. Denn ohne Foto, gibt es keinen Volltreffer. Jetzt kann die Suche nach der großen Liebe endlich beginnen. Und so funktioniert es.

Tinder wählt die Profile aus, die Gemeinsamkeiten mit meinem Profil haben, basierend auf unserer geografischen Lage, dem Geschlecht und der sexuellen Orientierung. Ein „Swipe“ nach rechts bedeutet, ich bin interessiert, ein „Swipe“ nach links heißt so viel wie „next“! Ein Kinderspiel. Wenn die Anziehung auf Gegenseitigkeit beruht, werden die beiden Nutzer miteinander verbunden und können Nachrichten miteinander austauschen. Man spricht dann von einem „Match“, einem Treffer.

PR1_8221-KopieWenn ich tatsächlich alles richtig verstanden habe, ist es der Algorithmus, der für mich die passenden Kandidaten ermittelt, oder zumindest diejenigen, die sich in meiner nahen Umgebung befinden. Wie das System genau funktioniert und was mit den eingegebenen Daten über meine Person tatsächlich passiert, das bleibt ein gut gehütetes Geheimnis, das bis jetzt noch niemand gelüftet hat.

Anfangs lese ich bei jedem Profil noch die dazugehörigen Informationen, um mir ein genaueres Bild über die Person zu machen, bevor ich meine unwiderrufliche Entscheidung treffe. Doch irgendwann sind es zu viele. In Sekundenschnelle fälle ich mein Urteil, nur auf dem Foto basierend. Links, links, rechts, rechts, rechts, rechts, links, rechts, links, links… Wie ein Spiel. Als seien das keine Menschen mehr. Wenn es dann auch noch ein „Match“ gibt, steigert das regelrecht mein Selbstvertrauen. Das scheint mir normal. Wir wollen doch alle attraktiv sein. Oder?
„Es ist eher traurig, was da abläuft“, meint Psychotherapeutin und Sexologin Séverine Godard. „Das ist alles sehr subjektiv. Man interessiert sich gar nicht mehr für die Persönlichkeit der Personen.“

Die ersten Enttäuschungen treten bei mir nach den ersten, am Anfang, vielversprechenden Treffern ein. Es scheint als seien „ghosting“, „catfishing“ und „cricketing“ bei Tinder gang und gäbe. Zumindest weiß ich jetzt, dass die zahlreichen Abende, die ich vor „Aktenzeichen XY… ungelöst“ verbracht habe, nicht umsonst waren. Davon abgesehen, habe ich keine 30.000 Euro, die ich irgendwo via „Western Union“ in die Wüsten Afrikas schicken kann, um meine zukünftige große Liebe, die ich noch nie gesehen habe, vor einem tödlichen Tumor zu retten. „Ghosting“ und „cricketing“ stören mich da schon eher. Sie sind für mich eine Form von Unhöflichkeit. Beim „ghosting“ bricht man jede Form von Kommunikation ohne Vorwarnung und ohne Erklärung ab. Beim „cricketing“ zeigt man seinem Gesprächspartner, dass man seine Botschaft gelesen hat, aber bewusst so spät wie möglich darauf reagiert, um Sehnsucht oder sogar Traurigkeit zu wecken.

„Diese virtuellen Beziehungen, sind meistens sehr schnell, sehr schön. Sie erscheinen einem als seien sie fast perfekt, doch plötzlich ist alles vorbei, von einem Tag auf den anderen“, weiß Séverine Godard. „Solche Verhaltensweisen können schädliche Folgen für Menschen haben, die Angst haben, abgelehnt zu werden und ganz besonders darunter leiden. Wir erwarten auch dementsprechend zu viel von diesen Apps. Wir legen die Messlatte zu hoch.“

Persönlich gesehen, war die Messlatte noch nie so niedrig. Ist es aus Verzweiflung? Angst einsam oder vor Einsamkeit zu sterben? Als einziges Andenken eine grauenhafte Schlagzeile: „Ehemaliger revue-Journalist ist allein in seiner Wohnung an Altersdepression gestorben. Seine Leiche wurde erst zwei Jahre später gefunden.“ Auf Tinder drehe sich sowieso alles nur um Sex, meint eine Freundin. „Du stellst dir zu viele Fragen“. Zusätzlich kommt hinzu, dass mehr als 50 Prozent der User zwischen 18 und 25 Jahre alt sind. Das verringert meine Chancen um einiges. Trotzdem „swipe“ ich jeden Tag weiter, immer öfter sogar und wenn mir ein Treffer zu langweilig wird, antworte ich einfach nicht mehr. Was mir vor einigen Tagen als total unhöflich erschien, mache ich jetzt systematisch und erbarmungslos. Jeder „Match“ erweckt eine neue Hoffnung. Als sei es eine Art Attrappe. Echte Verabredungen gab es innerhalb von vier Wochen nur zwei. Doch mehr als ein nettes Gespräch war nicht drin. Ich habe das Gefühl meine Zeit zu verschwenden. Ein Gefühl, das ich so nicht kenne.

„Wir befinden uns in einer Gesellschaft, in der man sich nach Freiheit und Unabhängigkeit sehnt. Trotzdem hoffen viele von uns die Liebe zu finden. Wir wollen verliebt sein, dieses Gefühl erleben und teilen. Das Problem ist aber, dass dieses Apps nichts anderes als eine Illusion der Liebe vermitteln“, erklärt Séverine Godard.

balloon-991680-KopieLaut Tinder gibt es wöchentlich weltweit 1,5 Millionen Termine. Doch wie viele echte Langzeitbeziehungen entstehen aus diesen Dates? Immer wieder hört man von Bekannten Erfolgsgeschichten aus der Tinder-Welt, doch wie groß sind die Chancen tatsächlich, online die Frau oder den Mann fürs Leben zu finden und sind sie tatsächlich größer als im realen Leben? Auf diese Frage ist es wahrscheinlich unmöglich eine konkrete Antwort zu finden.

„Natürlich gibt es Menschen, die eine Liebesbeziehung dank Tinder aufbauen. Aber es ist eher eine Seltenheit“, behauptet Séverine Godard. „Die Wahrscheinlichkeit, alle Etappen bis zum ersten Date und darüber hinaus zu überstehen, ist eher gering. Ich empfehle, dem Leben etwas mehr zu vertrauen. Im realen Leben spielen Körpersprache, Blicke, Charme etc. auch eine ganze wichtige Rolle und vor allem sollte man nicht versuchen ständig alles zu erzwingen. Lassen Sie dem Leben freien Lauf und Sie werden überrascht sein.“

Text: Jérôme Beck // Fotos: Philippe Reuter, Pixabay

Author: Philippe Reuter

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