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Die Schmelz war ihr Leben

Mit der multimedialen Ausstellung „Stëmme vun der Schmelz“ in Düdelingen und den darin präsentierten Aussagen von Zeitzeugen wird eine Ära der luxemburgischen Industrie- und Sozialgeschichte lebendig – und der Strukturwandel anschaulich erklärt.

„Du bist durch ein Portal gegangen und warst in einer anderen Welt.“ Der das sagt, hat einst als Maschinenschlosser auf der Schmelz in Düdelingen gearbeitet. „Wir arbeiteten manchmal zwölf Stunden, kamen morgens, wenn es noch dunkel war, und gingen abends nach Haus.“ Ein älterer Kollege, der aus einer anderen Generation der Schmelz-Arbeiter stammt, sagt: „Manche kamen von weit her, sogar aus dem Ösling.“ Später fügt er hinzu: „Es war in Düdelingen wie eine Familie.“ Wenn man die Videos, die Teil der aktuellen Ausstellung „Stëmme vun der Schmelz“ verfolgt und über Kopfhörer den Anekdoten jener Menschen folgt, die einst in dem Stahlwerk tätig waren, dann wird einem schnell bewusst, dass ihr ehemaliger Arbeitsplatz auch ein Teil ihres Lebens war. Es sind insgesamt 19 ehemalige Beschäftigte des früheren Düdelinger Stahlwerks, die von ihren Erlebnissen in ihren jeweiligen Berufen berichten, lustigen und auch ernsten Geschichten des Zusammenlebens – von der „Schmelz“, die sie miteinander verband.

Es ist ein symbolträchtiger Ort hier am „Waassertuerm+Pomhouse“ von Düdelingen, wo das Centre National de l‘audiovisuel (CNA) seine Ausstellung „Stëmme vun der Schmelz“ präsentiert. Für Michel „Misch“ Feinen gibt es auch persönliche und familiäre Bezüge zu dem Thema, denn ein großer Teil seiner Familie hat im Stahlwerk gearbeitet. Er selbst, aufgewachsen in der Nähe von Echternach, ist als bildender Künstler und Musiker gewissermaßen aus der Reihe gefallen. „Ein Teil meiner Familie kommt aus Düdelingen“, erklärt er. „Mehrere Generationen haben auf der Schmelz gearbeitet. So hat mich das Thema schon von klein auf beschäftigt. Ich interessierte mich früh für die Stahlindustrie und blätterte als kleiner Junge bei meinen Großeltern in Fotobänden. Schon früh begann ich, die Schmelz zu zeichnen.“

HISAFD002075T01_traite-KopieMisch Feinen, der in Straßburg bildende Kunst studiert hatte, arbeitete eine Zeit lang als Grafikdesigner, bevor er freischaffender Künstler wurde. Er ist Mitglied der Künstlerkollektive DKollektiv und FerroForum und darüber hinaus als Perkussionist an unterschiedlichen musikalischen Projekten beteiligt. Zusammen mit der Bühnenbildnerin Anouk Schiltz hat er im Rahmen des Projekts „our archives, your story“ die Ausstellung ins Leben gerufen, welche die Geschichte des Düdelinger Industriestandorts nicht einfach retrospektiv nacherzählt, sondern bei der frühere Beschäftigte des einstigen Stahlwerks selbst zu Wort kommen. Um die Zeitzeugen zu finden, wurde ein Aufruf gemacht, unter anderem mit Hilfe der sozialen Medien, an die Nachfahren der früheren Beschäftigten. „Vor allem die Älteren gingen mit ihren Erzählungen weit zurück bis in ihre Jugend im Zweiten Weltkrieg“, stellt Misch Feinen fest. So besteht das Projekt aus Erfahrungsberichten in einer Kombination mit Gegenständen aus dem Arbeitsleben der damaligen Zeit sowie mit zahlreichen Dokumenten. Daraus wurde eine Form audiovisueller Erinnerungsarbeit. Eine Erinnerung an die „Forge du Sud“.

Die Geschichte des Stahlwerks begann vor ziemlich genau 140 Jahren, also 1882. Seine Besonderheit war, dass es das erste integrale Hüttenwerk dieser Art im Land wurde, das die Hochöfen mit Aciérie und Laminoir, Stahlwerk und Walzwerk, verband. Nun, lange nach der Schließung, gibt die Ausstellung, die von Michel Feinen sowie Daniela Del Fabbro und Sandra Schwender kuratiert wird, einen Einblick in jene Zeit. Im ersten Teil, oder auch im letzten, je nachdem, wie man die Ausstellung verfolgt, kann man den Erinnerungen der 19 Zeitzeugen folgen. Von jedem machte der Fotograf Armand Quetsch zwischen 2019 bis 2021 Fotos.

HISAFD002119T01_traite-KopieMit dem Aufzug in den ehemaligen Wassertank des Turms gelangt, erleben die Besucher die Geschichte des Industrieareals von seinen Anfängen bis zum Ende auf ein „Usinoscope“, eine dreigeteilte Panoramawand, projiziert. Die Stahlkrise, die das Land in den Jahren von 1975 bis 1984 erfasste und mit der die Branche hierzulande den Anfang vom Ende erlebte, habe er einst nicht verstanden, sagt Misch Feinen. „Ich bin mit meinem Großvater oft hier spazieren gegangen.“ Doch nachdem die Hochöfen in Düdelingen – in der Hochphase der Fabrik waren es sechs – Mitte der 80er Jahren verschwunden waren, wurde den Menschen, die im Schatten der stählernen Riesen gelebt haben, und auch ihren Nachfahren, wie Misch Feinen, erst recht die Bedeutung dessen bewusst, was mehr als ein Stück Industrie-, sondern auch Kultur- und Sozialgeschichte Luxemburgs war und ist. In dem Zusammenschnitt filmischer Aufnahmen im „Usinoscope“ wird einem die Geschichte der Stahlindustrie gewahr. Während unseres Besuchs der Ausstellung hat uns Misch Feinen einzelne Orte auf dem Gelände erklärt. „Da war das Schwimmbad“, sagt er, den Blick von der Aussichtsplattform des Wasserturms auf eines der nur ein paar Meter entfernten Becken gerichtet.

Ich kann mich noch gut an den Abriss der Hochöfen erinnern. Misch Feinen

PR1_1346-KopieAls wir den Wasserturm wieder hinabsteigen, hören wir pulsierende Klänge, die einem die Geräusche in dem einstigen Stahlwerk in Erinnerung rufen. Ich muss an den Industrial Sound früherer Avantgarde-Gruppen wie Throbbing Gristle denken. Doch es ist die tonale Kulisse einer vergangenen Zeit, die „Schmelz Litanei“, die Misch Feinen geschaffen hat und die sich bei dem Abstieg allmählich mit den Stimmen der Zeitzeugen vermischen. Unten angekommen sind dann die Silhouetten der Schmelzarbeiter auf dem Gelände verteilt zu erkennen. Im Pomhouse, dem Pumpenhaus, wird schließlich auf das alltägliche Arbeitsleben der Beschäftigten eingegangen, auf Betriebsunfälle ebenso auf die Krisen, die die Branche erlebte. Am Ende der multimedialen Ausstellung ist eine spezielle Installation der Künstlers Max Mertens zu sehen: Mit den Helmen der Zeitzeugen und einstigen Arbeiter des Stahlwerks.

Die „Stëmme vun der Schmelz“ lässt sich gut in das Kulturhauptstadtjahr Esch 2022 integrieren. Sie führen Vergangenes in die Gegenwart und haben darüber hinaus bleibenden Wert. Wo bis 2035 ungefähr 1.500 Wohnungen in dem neuen Viertel „Neischmelz“ entstehen und etwa 3.700 Menschen leben sollen, in direkter Nachbarschaft zu dem Viertel „Italien“, das miteinbezogen werden soll und das ein lebendiges Beispiel der luxemburgischen Immigrationsgeschiche ist, wird künftig klimaneutral gebaut. Als das Hüttenwerk hier noch produzierte, war das Areal alles andere als ein „sauberer“ Arbeitsplatz. Denn die Geschichte der Stahlindustrie ist auch eine der Umweltverschmutzung, und die Geschichten der Stahlarbeiter handelt nicht selten von Arbeitsunfällen, die den Alltag mit prägten. Ihre harte Arbeit war mit zahlreichen Gefahren verbunden.

Die letzte Stunde der Hochöfen an diesem Ort hatte im November 1984 geschlagen. Knapp hundert Jahre, nachdem der erste Hochofen in der Düdelinger Hütte 1885 angefeuert worden war, stellten Hochofen IV, das Stahl- und das Walzwerk den Betrieb ein. „Ich kann mich noch gut an den Abriss der Hochöfen erinnern“, sagt Misch Feinen. „Und ich weiß noch, wie mein Großvater auf unseren Spaziergängen sich oft berührt zeigte.“ Was bis 2005 blieb, war das Kaltwalzwerk. Die Belegschaft war von einst mehr als 3.000 Beschäftigten auf kaum 200 im „Laminoir de Dudelange“ geschrumpft. Die „Stëmme vun der Schmelz“ ist folglich nur auf den ersten Blick eine nostalgisch verklärte Sammlung von Erinnerungen. Es ist auch eine Geschichte vom Aufstieg und Niedergang. Und eine Geschichte der Desillusionierung.

Text: Stefan Kunzmann // Fotos: Philippe Reuter, Jean-Pierre Conrardy / Fonds HISAFD Claudine Wolff (4), Vol de l’avion Prince Henri © [s.n.], Fonds HISABC Vues aériennes (Collection du CNA)

HISABC000038V01_pp-KopieBlütezeit und Niedergang
Die Stahlindustrie trug einst zu 27,9 Prozent (1970) Anteil an der gesamten Wertschöpfung hierzulande bei – heute sind es nur noch zwei Prozent. Der Reichtum Luxemburgs entstand somit auf ihrem Fundament. In Anschluss daran diversifizierte sich zuerst die Industrie und auch die gesamte Wirtschaft. Der Anteil des tertiären Sektors stieg von 38 Prozent (1958) auf heute 88 Prozent, ein Großteil macht der Finanzsektor aus. Vor allem die Stahlkrise 1975 bis 1984 setzte eine bedeutende Marke im Strukturwandel des Landes. Angesichts sinkender

Nachfragen und Preiseinbrüche aufgrund von weltweiten Überproduktionen kam es zu einem deutlichen Stellenabbau: 1985 beschäftigte die Eisen- und Stahlindustrie nur noch etwa 13.400 Personen, die Hälfte der Belegschaft von vor der Krise. Es war aber auch die Zeit, in der das „Comité de coordination tripartite“ ins Leben gerufen wurde, kurz: die Tripartite. Arbeitgeber, Angestellte und Staat (Regierung) saßen an einem Tisch. Sie gilt bis heute als eine tragende Säule des „Luxemburger Sozialmodells“

Author: Philippe Reuter

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