Home » Home » Die Spinne im Netz

Die Spinne im Netz

Wladimir Putin hat jahrelang von einem Netzwerk aus Geheimdienstlern und Oligarchen profitiert und entwickelte daraus ein System. Die britische Autorin Catherine Belton beschreibt dies in ihrem Buch „Putin‘s People“.

Sankt Petersburg, Februar 1992. Ein schwarzes Auto der Stadtverwaltung fährt langsam auf dem Newski-Prospekt an den heruntergekommenen Fassaden der einst prachtvollen Gebäude entlang. Menschen stapfen in dicken Mänteln durch den Schneematsch der nur teilweise geräumten Gehwege. Die Geschäfte sind fast leer. Keine zwei Monate ist es her, seit die Sowjetunion aufgehört hat zu existieren. Die Gespräche drehen sich um die Hyperinflation und Versorgungsengpässe. „Doch der städtische Beamte hinter dem Steuer des schwarzen Wolga wirkt ruhig. Bei der schlanken, entschlossenen Gestalt, die konzentriert nach vorne schaut, handelt es sich um Wladimir Putin.“

Die Szene stammt aus einem Dokumentarfilm, in dem es unter anderem um den 39-jährigen stellvertretenden Bürgermeister der Stadt geht, die kurz zuvor noch Leningrad hieß. Der jugendlich wirkende Mann kommt auf das Leid zu sprechen, das der Kommunismus durch die künstliche Abgrenzung der Sowjetunion von den freien Marktbeziehungen zwischen den übrigen Industrieländern bewirkt habe. Die Theorien von Marx und Lenin seien nichts als Märchen, die bolschewistischen Revolutionäre von 1917 seien verantwortlich für „die Tragödie, die wir heute erleben – die Tragödie des Zusammenbruchs unseres Staates“, sagt er. „Sie teilten das Land in Republiken auf, die es zuvor nicht gab, und zerstörten dann, was die Bevölkerung zivilisierter Länder verbindet: die Marktbeziehungen.“

Dies sind zentrale Aussagen, die bis heute eine entscheidende Bedeutung für Putin haben: Der Zerfall der Sowjetunion ist für ihn, den früheren Offizier des „Komitees für Staatssicherheit“ (KGB), des berüchtigten sowjetischen In- und Auslandsgeheimdiensts, und Chef des spàteren Inlandsgeheimdienstes (FSB), die größte politische Katastrophe in der Geschichte seines Landes; die Entstehung der Sowjetrepubliken ist auf die Revolutionäre um Lenin zurückzuführen – und die nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches unabhängig gewordenen Staaten wie die Ukraine haben nach Putins Ansicht eigentlich kein Recht auf Selbstständigkeit. In seinem Geschichtsbild bilden Russen und Ukrainer eine „Einheit“, wie er es 2021 in einem geschichtlichen Aufsatz manifestierte.

 Das Böse hat kein typisches Gesicht. 
Heribert Prantl

Die Szenen aus der Doku werden in dem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch „Putin‘s People“ (deutscher Titel: „Putins Netz“) von Catherine Belton nacherzählt. Das akribisch recherchierte Werk gibt Aufschluss darüber, wie konsequent Putin seine Ziele seit seinem Machtantritt 1999 verfolgte und wie falsch ihn westliche Politiker von Anfang an einschätzten. Was geht vor in Putins Kopf? Was sind seine Ziele? Wie weit geht er? All diese Fragen stellte man sich schon vor dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, der von langer Hand vorbereitet und am 24. Februar in die Tat umgesetzt wurde. Doch der Krieg mit der Ukraine wird schon viel länger geführt. Spätestens seit 2014, dem Ausbruch des Krieges in der Ostukraine und der Annexion der Krim warnten die Ukrainer ebenso wie Polen und die baltischen Staaten vor der Expansionsgefahr, die von Russland ausging.

Die Attacken der russischen Streitkräfte haben sich bereits in den ersten zehn Tagen des Krieges gegen die Zivilbevölkerung und danach, als ihr Vormarsch ins Stocken geraten war, zunehmend gegen zivile Infrastrukturen wie Krankenhäuser gerichtet. Vergleiche mit den Kriegen in Tschetschenien, in denen die russische Armee die Hauptstadt Grosny weitgehend zerstörte, sowie mit den russischen Bombardements syrischer Städte wie Aleppo liegen nahe. Fest steht, dass Putin den Krieg vom Zaun gebrochen hat, und dass er und seine Regierung jene internationalen Politiker, die um Deeskalation in dem Konflikt bemüht waren, systematisch belogen und getäuscht haben.

web_Flüchtlinge-Polen-22---234-Kopie

Putins früherer Arbeitsplatz: die einstige KGB-Filiale in der Dresdener Angelikastraße, heute Zweigstelle der Anthroposophischen Gesellschaft.

„Das Böse hat kein typisches Gesicht; und das ist wohl am typischsten am Bösen“, schreibt Heribert Prantl, Autor und Kolumnist der Süddeutschen Zeitung. Wladimir Putin werde in einem Kompendium der Verbrecher des 21. Jahrhunderts weit vorne stehen. „Das Böse hat heute für viele Menschen im Westen das Gesicht von Putin.“ Er hat den Tod so vieler Menschen auf dem Gewissen, er hat Millionen Menschen heimatlos gemacht und für einen Bruch der europäischen Friedensordnung gesorgt. Dass er in Kommentaren deshalb als „Monster“ bezeichnet werde, so Prantl, sei ein Ausdruck von Entsetzen, Fassungs- und Hilfslosigkeit. Aber damit sei nichts erklärt, was er tut. Im Gegenteil stecke in der Dämonisierung auch Bequemlichkeit, die es erschwere, die wahren Ursachen für die Eskalation zu analysieren. „Wenn man in Putin ein Monstrum sieht (…), exkulpiert man ihn in Wirklichkeit“, schreibt der SZ-Kolumnist.

Catherine Belton folgt in ihrem Buch Putins Weg von seiner Zeit als Agent des KGB bis heute. Bereits viele Zeitzeugen haben über ihre Begegnungen mit dem Kremlherrscher gesprochen und ihn als sehr intelligent, geradeheraus und konfrontativ beschrieben. Manche erkannten seine sarkastische Art, nannten ihn aber auch ausgesprochen anpassungsfähig. Weggefährten beschrieben ihn als besonders loyal. Andere als politisches Chamäleon, das es immer wieder glänzend verstand, sich an seine jeweiligen Gesprächspartner anzupassen, und sich zudem zu inszenieren weiß. „Putin hatte in seiner Kindheit Ratten durch das Treppenhaus seines Sozialwohnungskomplexes gejagt und war mit den anderen Kindern durch die Straßen gezogen“, erzählt Belton in „Putins Netz“. Die frühere Moskau-Korrespondentin der Financial Times schildert, wie er lernte, „seine Vorliebe für Prügeleien in die meisterhafte Disziplin des Judo zu überführen, die Kampfsportart, bei der man den Gegner geschickt aus dem Gleichgewicht zu bringen versucht, indem man den Angriff mitgeht.“

Putin habe lange davon geträumt, für den Auslandsgeheimdienst zu arbeiten, schreibt Belton. Nach seinem Studienabschluss in Jura 1975 wurde er vom Leningrader KGB eine Zeit lang in der Abteilung für Spionageabwehr eingesetzt. Als er seinen ersten Posten im Ausland erhielt, wurde er nach Dresden geschickt. Er war unter anderem für die „Personalgewinnung“ zuständig, musste also Agenten für den KGB rekrutieren. Zudem fungierte er als Verbindungsmann zwischen KGB und der Dresdener Abteilung des Staatssicherheitsdienstes (Stasi) der DDR. „Was genau Putin während seiner Jahre in Dresden tat, ist bis heute größtenteils ungeklärt“, heißt es in Beltons Buch. Die Autorin schildert seine Verbindungen Putins zur Stasi in Person von Matthias Warnig, damals „Offizier im besonderen Einsatz“ und später Geschäftsführer der Nord Stream 2 AG. Sie geht auch dem Verdacht nach, dass beide in den von den Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) begangenen Mord an Alfred Herrhausen 1989 zumindest eingeweiht gewesen seien.

In Dresden, wo Putin 1985 im Alter von 32 Jahren eingetroffen war, verrichtete er seine Arbeit in einer Villa in einer ruhigen Straße, umgeben von Bäumen und Wohnhäusern der Stasi-Elite in der Nähe der Elbe. Als nach dem Mauerfall 1989 ein paar Demonstranten vor der KGB-Villa auftauchten, bat er zuerst um Hilfe aus der nahegelegenen sowjetischen Kaserne, um das Gebäude zu sichern. Der diensthabende Offizier wies ihn mit folgenden Worten ab: „Ohne Befehl aus Moskau können wir nichts tun. Und Moskau schweigt.“ Dieser letzte Satz traf ihn besonders hart. Es hatte etwas von Verrat. Auch später sprach Putin häufig von Betrug und Verrat. In dieser Zeit liege der Ursprung seiner Weltsicht, so Belton, „seine Kalter-Krieg-Mentalität“: Der Westen wird darin als der Widersacher gesehen – und der KGB muss alles daran setzen, ihn zu untergraben und zu spalten.“

Putin fühlte sich nach dem Fall der Mauer und dem Ende der DDR auf verlorenem Posten. 1990 wurde er in die Sowjetunion zurückbeordert. Überall gewannen nationale Bewegungen an Einfluss und drohten das Land zu zerreißen. Der Kommunistischen Partei (KPdSU) entglitt allmählich ihr Machtmonopol, ihr Generalsekretär Michail Gorbatschow verlor immer mehr an Boden. Der neue starke Mann war Boris Jelzin, erst recht nach dem gescheiterten Putsch der Reformgegner im August 1991. Putin wurde die rechte Hand des neuen Bürgermeisters von Sankt Petersburg, des früheren Juraprofessors Anatoli Sobtschak, und dessen Verbindungsmann zu den Sicherheitsbehörden. „Das hatte der KGB von Anfang an so arrangiert“, schreibt Belton. Nach dem Ende des Sowjetreiches wurde Putin Vize-Bürgermeister von St. Petersburg. Damals beherrschten Mafia-Clans die Geschäfte rund um den Hafen. Putin nutzte sie, um Öl- und Gas-Lizenzen an ein Netzwerk von Tarnfirmen im Ausland zu vergeben. Die Milliarden-Gewinne der alten KGB-Bande und Oligarchen flossen in schwarze Kassen im Westen, also in westliche Banken oder Offshore-Firmen.

Belton beschreibt in ihrem investigativen Werk diese chaotische Zeit des Übergangs, in der sich zunehmend eine Struktur aus Abhängigkeiten, organisierter Kriminalität und gigantischer Geldwäsche herausbildete. Putin entwickelte ein mafiöses Netzwerk mit Geheimdienststrukturen. „Diese Leute sind Mutanten“, beschreibt der ehemalige Bankier und Oligarch Sergej Pugatschow in Beltons Buch. „Sie verbinden den ‚homo sovieticus‘ mit dem unabhängigen Kapitalisten der letzten 20 Jahre. Sie haben gewaltige Diebstähle begangen, um sich die Taschen zu füllen. Ihre Familien leben irgendwo in London. Aber wenn sie sagen, jemand gehöre im Namen des Patriotismus vernichtet, meinen sie das ernst.“ Putin war dabei wie die Spinne im Netz. Dabei war er es nicht immer, sondern erst, als er die Fäden der Macht von Boris Jelzin in die Hände bekam. Dieser, von Alkoholismus und Krankheit gezeichnet, baute Putin als seinen Nachfolger auf – im Glauben, einen energischen Demokraten mit Talent für Ökonomie zu fördern.
Doch Putin verteilte Schlüsselindustrien an seine engsten Freunde. „Die meisten haben einen KGB-Hintergrund, viele sind aus Sankt Petersburg. Sie müssen den erworbenen Reichtum mit dem Kreml teilen. Als Putin und seine Männer dann im eigenen Land genug Macht etabliert hatten, konnte der immense Reichtum, den sie in Steueroasen versteckt hatten, genutzt werden, um westliche Demokratien zu korrumpieren.“ Belton widmet sich in ihrem Buch ausführlich Putins Verwicklung in die Industriespionage und den Schmuggel westlicher Technologien, ebenso seinen Verbindungen zur Sankt Petersburger Mafia, aber vor allem zu den ehemaligen Geheimdienstlern. Der Untertitel ihres Buches lautet bezeichnend „Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste“.

web_BeltonC_privat-Kopie

Catherine Belton

Einmal KGB, immer KGB, heißt eine Redensart. Die Herrschaft dieser Seilschaften, die die russischen Unternehmen und die Macht an sich rissen, bezeichnete der Oppositionspolitiker Boris Nemzow, einer der schärfsten Regimekritiker, als „tschekistische Oligarchie“, nach der berüchtigten „Tscheka“, der 1917 gegründeten Geheimpolizei und Vorläuferin des KGB. Boris Nemzow musste mit seinem Leben bezahlen. Er wurde 2015 in unmittelbarer Nähe zum Kreml erschossen. Ein anderer berühmter Putin-Gegner, Alexej Nawalny, wurde unlängst zu mehreren Jahren Straflager verurteilt. Wie Putin mit aufmüpfigen Oligarchen umgeht, zeigt der Fall des Michail Chodorkowski. Der Energiemagnat, einst reichster Mann Russlands, war über die Frage der Korruption mit Putin aneinandergeraten. Er wurde wegen Steuerhinterziehung und Unterschlagung zu zehn Jahren Haft verurteilt. Der Ex-KGB-Offizier Alexander Litwinenko wurde mit Polonium vergiftet, der Agent Sergej Skripal, Informant für westliche Geheimdienste, überlebte nur knapp einen Giftangriff. Und wie der Ex-Oligarch Boris Beresowski in London starb, ist bis heute nicht vollends geklärt.

Die Autorin ging auch dem Verdacht nach, der heutige Inlandsgeheimdienst FSB stecke hinter den Sprengstoffanschlägen auf Wohnhäuser in Russland 1999, bei denen Hunderte von Menschen starben, und habe sie initiiert, um Putin an die Macht zu verhelfen. Ähnlich könnte es sich bei der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater 2002, bei der weit mehr als 100 Menschen ums Leben kamen, oder in einer Schule in der Stadt Beslan 2004 verhalten haben, bei der 331 Geiseln starben. Belton wurde übrigens gleich von vier Oligarchen verklagt. Belastende Passagen sollten wegfallen. Doch der Verlag Harper Collins stärkte ihr den Rücken. In allen Streitfällen wurde eine Einigung erreicht. Der Staatskonzern Rosneft musste sogar seine Klage zurückziehen.

Putin ergriff alle Hebel der Macht, sowohl in der Politik als auch über die Justiz und zunehmend bei den Medien. Regimekritische Journalisten wurden ermordet oder kamen ins Gefängnis. Durch seine Herrschaft zieht sich eine Blutspur. Doch lange war er im Westen gern gesehen. Westliche Politiker gingen ihm auf den Leim, westliche Unternehmer betrieben mit Russland Geschäfte, woraus die heutige Abhängigkeit bei Rohstoffen entstand. Andererseits zeigte sich Putin zutiefst gekränkt durch den Westen. Dessen Scheinheiligkeit wurde ihm zur Obsession. „Wenn man 20 Jahre lang in einem autoritären Staat an der Macht ist, wagt niemand mehr Widerspruch“, sagte der bulgarische Politologe Ivan Krastev in einem Spiegel-Interview. „Du hast ein System geschaffen, du bist selbst das System geworden.“ Es gebe eine gewisse Einsamkeit um ihn, so Krastev. Sieht man Putins Besprechungen mit seinem Sicherheitsrat oder seine Videokonferenzen, ist eine zunehmende Distanz zu spüren. Es ist ein Ausdruck von der Einsamkeit der Macht.

 

 

web_Putin-Buch-Kopie

Catherine Belton: Putins Netz. Harper Collins. Hamburg 2022. 704 Seiten. 26 Euro.

 

Fotos: Georges Noesen, Harper Collins Verlag, TASS, privat

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold

Login