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Die Überfliegerin

Die Luxemburger Pianistin Cathy Krier hat sich aufs Glatteis gewagt und die 18 Klavieretüden von György Ligeti eingespielt. Sie hätte es sich auch einfacher machen können.

Für Musiker sind Etüden so etwas wie die Zahnvorsorge. Man würde am liebsten drum herumkommen, weil es unangenehm ist, aber es muss halt sein. Was jedoch György Ligetis Klavieretüden betrifft, gilt das Gegenteil. Die zwischen 1985 und 2001 entstandenen Übungsstücke zählen zwar zu den schwierigsten, die je komponiert worden sind, machen jedoch Spaß. Dem Publikum wahrscheinlich mehr als den Pianisten und Pianistinnen, die sich der Herausforderung stellen, die von zahlreichen Inspirationsquellen angeregten Werke zu spielen.

Dass Cathy Krier keine Angst davor hat, sich kreativ mit komplexen Kompositionen auseinanderzusetzen, hat die Luxemburgerin schon mehrmals bewiesen. Ihre von der internationalen Fachpresse hoch gelobte Einspielung des Klavierwerks von Leoš Janáˇcek wurde 2013 mehrfach ausgezeichnet und hatte zur Folge, dass die mittlerweile 36-Jährige ein Jahr später von der Philharmonie Luxembourg für die Konzertreihe „Rising Stars“ der European Concert Hall Organisation nominiert wird und anschließend in rund 20 renommierten Konzerthäusern auftritt und dort auch ein Werk vorstellt, dass Wolfgang Rihm eigens für sie geschrieben hat. Für Ohren, die keinen Zugang zu zeitgenössischer Musik haben, klingt das alles nicht ungemein spannend. Fakt ist indes, dass die Musik der Gegenwart längst keine Nischenkunst mehr ist und die Zahl derer, die sich für einen Stilpluralismus in der Musik interessieren, stetig wächst. Was zum einen auf das jahrzehntelange Engagement von Komponisten und Vermittlern zurückzuführen ist, zum anderen aber auch auf die Bereitschaft vieler Instrumentalisten, sich neben dem klassischen Repertoire auch eines anzueignen, das mit anderen Hör- und Interpretationserwartungen spielt.

Was Cathy Krier an der intuitiven Musik György Ligetis beeindruckt, ist deren Vielfalt und Poesie.

György Ligetis Musik sei so verwirrend bunt wie die Pullover, die der 2006 verstorbene Siebenbürger zu tragen pflegte, behaupten Kenner. So farbenfroh und grell wie das T-Shirt, in dem Cathy Krier sich für das Cover ihres neuen Albums fotografieren ließ, sind die Strickwaren allerdings nicht, die insgesamt 18 Etüden hingegen eher. Dass sie anfangs als unspielbar galten, während sie heute sogar für frühe Klavierwettbewerbsrunden empfohlen werden, hat vor allem mit der Frage zu tun, die sich der Komponist immer wieder stellte: Wie kann aus einer einfachen rhythmischen Idee etwas Apokalyptisches entstehen? Seine eigene Antwort: mit einem Amalgam sehr unterschiedlicher Einflüsse. Und so „verarbeitete“ er seine Liebe zur Bildenden und südugandischer Kunst, zur Musik seines Landsmannes Béla Bartók und zur Mathematik mit persönlichen Erinnerungen und Träumen sowie seiner unstillbaren Neugierde zu etwas absolut Neuem.

CathyKrier36403-KopieWas Cathy Krier an dieser intuitiven Musik beeindruckt, ist deren Vielfalt und Poesie. Auch sie mag weder Schockmomente noch bewusste Dissonanzen, sondern schätzt die Art und Weise, wie György Ligeti tonale Gedanken mal jazzartig, mal impressionistisch verfremdet. Die Etüden sich wie wachsende Organismen verhielten, so der Komponist. Genau dieses Anschwellen der Musik, das an die Kraft eines reißenden Stroms erinnert, nimmt den Zuhörer gefangen. Und erklärt zugleich, dass Filmregisseur Stanley Kubrick sich für sein Epos „2001: A Space Odyssey“ bei Werken des Ungarn bediente. Die Titel der Etüden, die in drei Büchern veröffentlicht sind, weisen übrigens auf Filmtitel hin: À bout de souffle, Vertige, Pour Irina… In dem Begleitheft zur CD erklärt Cathy Krier auf sehr verständliche Weise, wie man die unabhängig voneinander komponierten „Etudes pour piano“ zu verstehen hat. Als ein Ganzes. Als das Ergebnis eines durchdachten Projekts. Weshalb die Anordnung der einzelnen Stücke, wenn sie in ihrer Gesamtheit gespielt oder aufgenommen werden, unbedingt respektiert werden muss. Das hat die Pianistin getan. Ein gleichermaßen wunder- und anspruchsvolles Klangerlebnis.

Text: Gabrielle Seil // Foto: Lynn Theisen

Cover-CD-Kopie

Erschienen bei CAvi-music, Konzert am 17. September
um 17 Uhr in der Philharmonie, www.cathykrier.com

Author: Philippe Reuter

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