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Die übersäuerte Gesellschaft

Wir ernähren uns falsch und gefährden dadurch unsere Gesundheit. Ein ausgeglichener Säure-Basen-Haushalt dank basischer Ernährung soll helfen. Kann da wirklich etwas dran sein?

„Vor drei Jahren habe ich meine Ernährung umgestellt“, erzählt die Endfünfzigerin fröhlich. „Ich ernähre mich jetzt basisch. Kein Zucker, kein Weißmehl, kein Alkohol mehr. Und ich fühle mich super.“ Das mit dem Zucker sei ihr schon schwergefallen, gibt sie zu, aber nur am Anfang. Jetzt vermisse sie überhaupt nichts mehr. Sie sei voller Energie und rundum zufrieden. Beneidenswert.

Basische Ernährung – da klingelt doch was. Säure, Base, pH-Wert. War alles in der Schule mal Thema, ist aber lange her. Die Haut hat einen pH-Wert, das Wasser auch. So viel ist noch klar. Was aber genau ist jetzt gut und was schlecht? Bei Wikipedia steht, die menschliche Haut habe einen pH-Wert zwischen 4,1 und 5,8, abhängig von Person und Körperregion. Sie sei daher leicht sauer und bilde so einen Säureschutzmantel, der Pilze und Bakterien davon abhalten soll, sich anzusiedeln. Wasser im Pool, wissen alle Schwimmbadbesitzer, hat seinen optimalen pH-Wert zwischen 7,0 und 7,4. Ist das Wasser zu sauer oder zu basisch, wirken die Chemikalien wie Chlor oder Algenschutzmittel nicht richtig. Deshalb muss immer zuerst der pH-Wert im Auge behalten werden.

„pH“ steht für den lateinischen Begriff „pondus Hydrogenii“ und bezeichnet das Gewicht des Wasserstoffs in einer Lösung, Flüssigkeit oder eben der Haut. Je weniger Wasserstoffionen vorhanden sind, desto höher ist der pH-Wert. Die Skala des pH-Werts reicht von 1 bis 14, bei weniger als 7 spricht man von einem sauren Wert, bei mehr als 7 wird er basisch oder auch alkalisch genannt. Ein Wert von genau 7 gilt als neutral. Reines Wasser hat ihn, Regenwasser nicht, da dieses zu viel Kohlendioxid enthält.

Obst und Gemüse bilden die Grundlage einer gesunden Ernährung.

Auch Blut, Kot, Urin, Speichel und Lebensmittel haben ihre individuellen pH-Werte. Und das ist der springende Punkt. Denn während menschliches Blut mit einem pH-Wert von 7,4 leicht basisch ist, gehören Speichel, Schweiß und Urin eher zu den sauren Vertretern, wobei regelmäßige Schwankungen völlig normal sind. Diese sind dem Blut allerdings nicht erlaubt, ein Blut-pH-Wert von unter 7,35 gilt bereits als „Azidose“, eine akute Übersäuerung, die lebensbedrohlich sein kann, weil sie die Funktionen von Herz, Lunge und Nieren beeinflusst. Ein pH-Wert von mehr als 7,45 wird als „Alkalose“ bezeichnet, über 7,7 ist er tödlich.

vegetables-1212845-KopieUm den pH-Wert des Blutes konstant zu halten, muss der Körper viel arbeiten. Und das macht er ziemlich gut. Mithilfe verschiedener Puffersysteme werden überschüssige Säuren abgebaut. Dadurch entsteht zum Beispiel Kohlendioxid, das über die Lunge ausgeatmet wird. Und es kommt zu einer erhöhten Ausscheidung von Säure in Urin und Schweiß. Ist das Blut zu basisch, passiert genau das Gegenteil: Der Körper scheidet weniger Säuren aus. Bei gesunden Menschen geschieht das alles automatisch. Jeden Tag, 24 Stunden lang.

Anhänger und Vertreter der basischen Ernährung behaupten nun, wir Menschen seien chronisch übersäuert, und begründen ihre Aussage mit dem leicht sauren pH-Wert des Urins (der ja deshalb sauer ist, weil der Körper ganze Arbeit leistet). Durch unsere säurelastigen Essgewohnheiten (viele tierische Produkte, verarbeitete Lebensmittel, Zusatzstoffe, Zucker, Alkohol), zunehmenden Stress und zahlreiche Medikamente hat sich unser Säure-Basen-Haushalt ungünstig verschoben. Diesen gilt es nun mit basenreicher Kost ins Gleichgewicht zu bringen. Dann wird man wieder fitter, wacher, agiler, bekommt keine chronischen Erkrankungen und auch das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung wird vermindert. Nebenbei, so das Versprechen, kann man noch ein paar ungeliebte Kilos verlieren.

Klingt gut und wichtig. In Zeiten, in denen mindestens die Hälfte aller Erwachsenen und sogar ein Drittel der Kinder und Jugendlichen übergewichtig sind, ist es ein vorausschauendes Ziel, auf die schlanke Linie zu achten. Denn Übergewicht und Bewegungsmangel sind nachweislich die Hauptrisikofaktoren für Krebs, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Nur: Kann es wirklich sein, dass lediglich ein gestörter Säure-Basen-Haushalt die Ursache ist? Und reicht ein basisches Essverhalten aus, um gesünder und fitter zu werden?

Die Antwort lautet: ja, aber. Denn es stimmt: Wer sich hauptsächlich mit basischen Lebensmitteln ernährt, nimmt auf die Dauer ab und fühlt sich gesünder und agiler. Aber: Mit den basischen Eigenschaften der Lebensmittel hat das wohl eher wenig zu tun. Denn basische Lebensmittel sind ja ohnehin die Lebensmittel, die als gesund gelten: Obst, Gemüse, Salate, Nüsse, Wasser und Tee. Und säurebildende, also ungesunde Lebensmittel sind Fleisch- und Milchprodukte, glutenhaltige Lebensmittel, Fertigprodukte aller Art, Limonaden, Säfte und Zucker.

Um den pH-Wert des Blutes konstant zu halten, muss der Körper viel arbeiten.

Ob ein Lebensmittel als sauer oder basisch bezeichnet wird, liegt nicht daran, wie sauer oder basisch das Lebensmittel selbst ist, sondern welche Auswirkungen es im Körper hat. Gemüse steckt beispielsweile voller Kalium, Calcium und Magnesium, alles Stoffe, die basenbildend sind. Tierische Produkte hingegen stecken voller säurebildender Proteine. Wer viele tierische Produkte isst, wird mehr Säure ausscheiden als jemand, der sich überwiegend von Obst und Gemüse ernährt. Der pH-Wert des Blutes wird dadurch aber nicht verändert.

Befürworter von basischer Ernährung weisen darauf hin, dass nicht nur das Blut, sondern alle Körperflüssigkeiten und Ausscheidungsorgane wichtig sind. Zu viel Säure in Niere, Lunge, Haut und Darm würden die Organe stressen, weil sie zu sehr mit dem Abbau der Säure beschäftigt sind. Müsste etwa die Niere viel Säure abbauen, bildet der Körper vermehrt Ammoniak, wodurch verstärkt Cortisol ausgeschüttet wird. Erhöhte Cortisolwerte können wiederum Krankheiten anfeuern. Ob die Menschen aber wirklich übersäuerter sind als früher und ob Menschen, die sich basisch ernähren, wirklich gesünder sind, dafür gibt es bislang keine wissenschaftlichen Belege.

fruits-1114060-KopieWer sich gesund ernähren möchte, sollte auf jeden Fall auf basische Lebensmittel zurückgreifen. Nicht deshalb, weil sie basisch sind, sondern weil sie voller Mineralien, Ballaststoffe und Vitamine stecken und wenige Kalorien haben. Denn Obst und Gemüse bilden sowieso die Grundlage einer gesunden Ernährung, während Fleisch, Süßigkeiten und Mehlspeisen aufgrund ihres Fetts, der Kohlenhydrate und Salze nur in Maßen konsumiert werden sollten. Mit Basen und Säuren hat das eher wenig zu tun. Und von irgendwelchen basischen Zusatzprodukten wie Basenpulver, Basenbäder, basische Kosmetik, Basentees, etc. kann man ohnehin getrost die Finger lassen. Es gibt keinen Beweis für ihren gesundheitlichen Nutzen.

Text: Heike Bucher // Fotos: Pixabay

Author: Philippe Reuter

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