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Die Wimmelstadt

Wenn wir durch unsere Stadt gehen, haben wir oft Scheuklappen auf. Achten weder auf die Gebäude, Gerüche und Ungewöhnlichkeiten noch auf unsere Mitmenschen. Für all das möchte eine Wiener Theatertruppe Kinder sensibilisieren und führt sie in einer besonderen Vorstellung in der Abtei Neumünster durch die ach so bekannte Stadt.

Ein bisschen dauert es noch, bis alle Kinder und Eltern bereit sind – sich ein Bildchen vom Tisch im Ausstellungsraum ausgesucht haben, die Kopfhörer auf die richtige Lautstärke eingestellt und die 20 Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt sind. Dann ertönt zum ersten Mal die Stimme von Maria aus dem Kopfhörer, eine automatisierte Stimme, sie sagt, alle sollen sich nun genau in der Mitte des Parvis versammeln, des Haupthofs der Abtei Neumünster in Grund, denn gleich geht es los. Die Bewegungen des Sonntagsjoggers, der an unserer kleinen Truppe vorbeiläuft, werden von der düsteren Musik aus dem Kopfhörer untermalt. Ein bisschen fühle ich mich wie Dante, der am Beginn seiner Reise durch den Vorhof zur Hölle steht. Dazu passen Marias einleitende Worte: „Ich bin dein GPS. Ich bin ein System, das Positionen und Richtungen erkennen kann. Ich kenne deinen Standpunkt. Ob du willst oder nicht. Zum Beispiel jetzt.“ Das werden die Kinder in der Gruppe aber wohl nicht so empfinden.

Schon schlägt die Stimme in meinem Kopfhörer einen vergnüglicheren Ton an – wobei die Computerstimme ihre Stimmlage nicht ändert. Anders als die Musik und ihre Worte. „Mache zwei Schritte vorwärts, dreh dich im Kreis. Blicke nach oben, zur Seite, nach hinten“, sagt sie und alle folgen ihren Anweisungen. „Rechts ist der Saal Krieps, da wurde früher Papier hergestellt, heute versuchen dort Künstler und Schauspieler, Kunst herzustellen. Den Felsen da kennst du bestimmt. Der sieht aus wie ein Käse mit Löchern.“ Und schon geht es los. „Wir werden wie ein Schwarm sein“, sagt Maria. „Auf der Suche nach Walter. Die Stadt um dich herum ist wie ein dreidimensionales Wimmelbild.“

Das ist die Idee, die am Anfang des Stückes stand, des Walking Theatre der Wiener Theatertruppe „TwoF2 + Das Kollektiv“. Das erklärt mir die echte Maria nach der Vorstellung. Maria Spanring leitet gemeinsam mit ihrem Mann Giovanni Jussi das Kollektiv, das in Koproduktion mit der Abtei Neumünster das Stück entworfen hat. „Wir wollten schon sehr lang ein Stück zu Wimmelbüchern machen. Dann haben wir gedacht, das beste Wimmelbild ist eigentlich die Stadt.“ Dahinter steckt aber ein bisschen mehr, ergänzt Giovanni: „Wir wollen die Aufmerksamkeit wecken. Du nimmst immer die gleichen Wege, wenn du von A nach B gehst. Nimm dir Zeit, die Stadt anzusehen. Sei Tourist in deiner eigenen Stadt. Was interessiert dich?“ Neue Wege, neue Impulse. Das Stück ist eine Einladung, die Stadt und die Menschen, die sich in ihr bewegen und leben, mit anderen Augen zu entdecken. „Wenn du ein Wimmelbild ansiehst, gibt es zwei Möglichkeiten“, sagt Maria. „Du suchst Walter und siehst aber gar nicht, was auf dem Bild ist. Oder du siehst das Bild an und irgendwann findest du ihn.“ In dem heutigen Wimmelbild ist Walter das Letzte, worum es geht.

 Die Stadt ist wie ein drei-dimensionales Wimmelbild.

– Maria, Computerstimme

„Halte die Augen offen“, mahnt die Maria aus dem Kopfhörer. „Was siehst du? Was interessiert dich? Welche Farben? Grün? Blau? Rot? Meine Lieblingsfarbe ist rot.“ Rot wie Walters Mütze. „Hörst du die Musik? Guter Beat, oder? Wir bewegen uns im Takt der Musik.“ Und verlassen die Abtei in Richtung Rue Münster. „Vor dir rechts ist eine Brücke. Da gehen wir hin.“ Unsere kleine Reisegruppe, bewaffnet mit Regenjacken, Kopfhörern und Beweglichkeit, macht ihren Weg durch den Grund. Wir lernen, dass der Autor von Melusina ein Walter war. Dass es über 200 Jahre her ist, dass in der Alzette Fische schwammen. Während Maria erzählt, lackiert Walter, eine Frau mit roter Mütze, sich die Fingernägel auf einer Bank an der Alzette rot. Zu groß noch die Aufregung, als dass einer der jungen Teilnehmer davon Notiz nähme. Es ist nicht der Walter, den ich auf meinem Passbildchen in der Tasche trage. Nicht mein Walter. Und den, so wie die der anderen Bildchen, werden wir auch nicht finden. Das weiß aber bisher keiner der Suchenden.

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Maria führt uns zum Parkplatz am Skatepark. Eigentlich führen uns die beiden Techniker der Theatertruppe, die auf ihren Tablets, als letzte der Gruppe, die Soundbits anschalten, wenn wir an der entsprechenden Stelle sind. „Wenn du dir wünschen könntest, was hier hingebaut wird“, fragt Maria, als wir neben den Baucontainern stehenbleiben, „was wäre es? Ein riesiger Sandkasten? Ein Haifischaquarium?“ „Das wäre schon cool“, erwidert ein kleiner Teilnehmer.

Wir blicken in die parkenden Autos, auf der Suche nach Hinweisen. Gehört eines davon vielleicht Walter? Wäre das ein Auto, das zu der Person auf dem Foto passen würde? Was verraten uns die Gegenstände im Auto über seinen Besitzer? Ist es sauber oder schmutzig? Merke dir den Anfangsbuchstaben des Kennzeichens, fordert Maria auf, dann geht es hoch. Die Begleiter unseres Zuges ziehen sich gelbe Warnwesten an und legen kurzerhand einen Zebrastreifen auf der Straße aus, sodass alle sicher darüber kommen. Dann gehen wir weiter die Treppen hinauf, fangen an, etwas zu keuchen und Maria sagt: „Hier hat man das Gefühl, als würde man in das Haus von jemandem reingehen. Wer wohnt hier?“ Wir gehen hinauf in die richtige Stadt und Maria stellt weitere Fragen: „Was macht die Stadt zur Stadt? Die Menschen? Der Verkehr? Die Baustellen?“ Fragen, die sich die Teilnehmer zuvor nie gestellt haben. Sie macht aufmerksam auf die Details der Stadt, die Menschen, die sie beleben. Wir hören alle gespannt zu. Und machen, was Maria uns sagt.

Also tanzen wir auf dem Platz vor der Kirche zur Musik. Bis Maria sagt, Freeze. Dann erstarren wir, bis wir weitertanzen dürfen. Wir starren fremde Menschen in der Tram an, versuchen uns in sie hineinzuversetzen, ein Ausflug in einen anderen Stadtbewohner. Und rufen allesamt sogar laut nach Walter in der Tram. Dreimal. Ein paar Leute drehen sich um. „Heißen die etwa alle Walter?“, fragt Maria. „Wohl nicht.“ Die Tramfahrt gibt uns Zeit, die Füße auszuruhen und aus dem Fenster zu schauen. Ein lockiger Junge nickt mit dem Kopf zum Takt der Musik und Maria erklärt, dass sie gerne wartet. Sie verstehe das Warten als Teil des Weges. „Manche wollen nur schnell von A nach B kommen.“ Dabei kann man beim Warten so viel entdecken. In der Stadt werden wir zum Teil des Verkehrs und als wir aus der Tram aussteigen an der Haltestelle Theater und zwei Teilnehmer schnell auf die Toilette verschwinden, warten wir und ich schaue mich um:

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Was entdecke ich Neues an dieser Kreuzung, die ich wöchentlich passiere, immer auf dem Weg irgendwohin? Nun, peinlicherweise, das Grand Théâtre. Das Gebäude ist mir schon aufgefallen, gefragt, was darin ist, habe ich mich noch nicht.
Mit dynamischer Musik im Ohr laufen wir Richtung Stadt, ein Junge hat sich das tanzende Gehen, das Maria uns zuvor nahegebracht hatte, schon zu eigen gemacht, und bewegt sich zum Beat. Wir betreten den Park und halten auf Marias Geheißen die Nase in die Luft, schnuppern, wie unsere Stadt hier riecht, fragen uns, für wen dieser Park eigentlich gemacht ist. Für alte Menschen? Nicht nur. Hier halten sich Studenten, Obdachlose und Liebespaare auf. Dann sehen wir zwei, die uns schon einmal begegnet sind, mit roten Mützen. Sie sprechen über ihre bevorstehende Tanzperformance und die Nackenschmerzen des einen. Eigentlich könnten wir sie nicht hören vom Weg bis zu ihrem Standort auf der Wiese sind es gut 20 Meter und ihre Stimmen sind leise, doch ihr Gespräch wird in unsere Kopfhörer übertragen. Am „Brunnen mit den Pensionisten“, so Maria, vorbei gehen wir zur Plattform des Pfaffenthal-Aufzuges und sehen vor uns das beste 3D-Wimmelbild der Stadt. Wir sehen uns die Häuser, die Menschen, die Kinder an, vergeblich suchen wir Walter und ziehen dann Sprechgesang rufend weiter Richtung Stadtzentrum: „Wo ist Walter? Wir wollen Walter!“

Für wen ist das Stadtzentrum eigentlich gestaltet?

– Maria, Computerstimme

Das GPS-Signal wird schlechter, Rauschen im Kopfhörer, Interferenzen mit den Nachrichten von Radio Walter, so ist das im Stadtzentrum, wo so viele Frequenzen belegt sind, dann haben wir Maria wieder. Es riecht nach frischem Gebäck und Parfüm, macht Maria uns aufmerksam, als wir vor dem Kapuzinertheater stehen. „Für wen ist das Stadtzentrum eigentlich gestaltet? Die Reichen? Für alle? Passt die Person von deinem Foto in dieses Viertel? Was würde sie hier machen? Und du? Was machst du, wenn du hier bist?“
Kurz bevor wir das Ende erreichen, sagt Maria noch einmal „Freeze“. Alle bleiben in ihren Bewegungen erstarrt und ein Passant hinter uns tut es uns aus einem Reflex heraus nach. Es dauert einige Momente, bis er sich entsinnt und amüsiert weitergeht. Als es dann wieder heißt, tanzen, sind wir alle schon viel ungehemmter als beim ersten Mal, tanzen ausgelassen vor dem MNHA und dem vorbeifahrenden Polizeiauto und ich freue mich ehrlich, als Maria meinen Blick nach links lenkt und der zweite Teil unserer Gruppe wieder zu uns stößt. Alles um uns herum wird Teil unseres Stückes, alles und jeder bewegt sich im Takt und die Stadt nimmt ein neues Gesicht an, unter der Musik, die das Theater meines Lebens begleitet.

Schließlich stehen wir auf dem Balkon am Bock, vor uns liegt die Stadt und Maria fragt: „An was willst du dich morgen erinnern? Welche Bilder, Gefühle, Gerüche?“ Schließlich löst sie auf, die Walters von unseren Bildchen waren nicht in der Stadt unterwegs. Aber sie könnten es sein. Jeder könnte Walter sein, auch du. Sei aufmerksam, wenn du durch die Stadt gehst.

Text: Franziska Peschel, Fotos: Neimënster

Author: Dario Herold

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