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Digitale Aufklärung mit Comics

Sexualisierte Übergriffe im Netz sind keine Seltenheit. Im Gegenteil. Fälle von Cybergrooming und Sexting steigen rasant, wie internationale Studien belegen. Zwei Comics von ECPAT Luxembourg und Illustrator Andy Genen sollen dabei helfen, aufzuklären – und das Schlimmste zu vermeiden.

Ein Junge hat Zoff mit seinen Eltern. Es geht um die Schule. Mal wieder. Er verkriecht sich in seinem Zimmer und lässt seinen Ärger in einem sozialen Netzwerk raus. „Meine Alten gehen mir voll auf den Wecker. Checken voll nix”. Eine ihm unbekannte Person meldet sich und gibt ihm Zuspruch. Die beiden freunden sich virtuell an, chatten immer häufiger über dies und das – Freunde und Hobbys im echten Leben geraten immer mehr ins Hintertreffen. Denn die neue Bekanntschaft hört so gut zu und ist auch so nett. Harmlos, oder? Nicht ganz, denn die Geschichte in Form eines Comics ist nur der Anfang einer Erzählung zum Thema Cybergrooming, und die ist Teil einer Sensibilisierungskampagne von ECPAT Luxembourg, einer NRO, die sich weltweit gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern einsetzt. Illustrator Andy Genen hat, gemeinsam mit Mitgliedern von Ecpat You(th) Together, zwei Comics umgesetzt, die wichtige Botschaften vermitteln.

„Das Internet und die neuen Technologien, die zwar viele Vorteile mit sich bringen, hegen auch zahlreiche Gefahren, etwa sexuelle Übergriffe. Wir wollen über diese möglichen Gefahren aufklären, denn die Zahl der Betroffenen steigt immer weiter an”, erklärt Noémie Losch von Ecpat Luxembourg.

Sie bezieht sich auf Untersuchungen der britischen Organisation Internet Watch Foundation (IWF), die ebenfalls für den Schutz von Kindern vor Missbrauch im Netz aktiv ist. Deren aktuelle Studie wurde vergangene Woche veröffentlicht. Die Zahlen zu sexualisierten Übergriffen im Netz sind demzufolge 2021 so hoch gewesen wie nie zuvor. Erklärt wird dies zum Teil mit dem Fakt, dass Kinder während der Coronapandemie mehr Zeit online verbracht haben. Vor allem Mädchen seien, mit 97 Prozent, Übergriffen sexualisierter Natur, darunter auch Grooming, ausgesetzt.

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Die Zahlen zu sexualisierten Übergriffen im Netz sind 2021 so hoch gewesen wie nie zuvor.

Wer sich nun fragt, was Cyber-Grooming denn nun konkret bedeutet: Grooming (anbahnen) beschreibt einen Vorgang, bei dem ein Erwachsener, anonym oder unter einer falschen Identität, über Wochen oder Monate ein Vertrauensverhältnis zu einem Minderjährigen im Internet aufbaut, mit dem Ziel, ihn/sie zu sexuellen Handlungen, online und offline, zu überreden. Das ist die Definition, die BEE SECURE, einer der Partner von ECPAT Luxemburg, angibt.

Und genau das ist es auch, was dem Jungen im Comic passiert. Zunächst entsteht ein lockerer Kontakt über eine Online-Plattform, etwa Instagram oder Facebook, es wird Vertrauen aufgebaut, und dann folgen oft Bitten, Nacktbilder von sich zu machen und zu versenden. Nicht selten enden diese mit Sextortion, also eine Form der Erpressung, und Treffen. Der Junge im Comic lehnt es zwar ab, Nacktbilder von sich zu verschicken, immerhin hat eine Schulkameradin durch das Versenden solcher Fotos, also Sexting, Schlimmes erlebt. Doch als die Frage nach einem Treffen kommt, will er trotzdem zusagen.

Doch dazu kommt es nicht, denn auf einmal steht seine Klassenkameradin vor ihm. Sie ist da, um ihn zu warnen. Unbekannten, die man im Netz kennengelernt hat, sollte man weder Nacktbilder von sich schicken noch sich mit solchen Leuten treffen. Und sie weiß, wovon sie spricht, war sie doch die Protagonistin im ersten Comic von ECPAT namens „Schick mir ein Bild von dir….”. Das Thema: Sexting. Eine weitere Form sexualisierter Gewalt im Netz. Bilder, die sie an einen angeblichen Freund geschickt hatte, waren im Netz gelandet. Schon bald redete die ganze Schule über sie, machten ihr gar Vorwürfe. Statt den Täter zu verurteilen, wurde sie an den Pranger gestellt. Mit der Hilfe einer Superheldin schaffte sie es aber, ihre Scham zu überwinden und sich Hilfe zu holen. Denn nur so können auch die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Wie viele Fälle von Grooming und Sexting es hierzulande gibt, ist schwer zu sagen. „Oft sind solche Fälle eine Kombination mehrerer Straftaten, wodurch es uns nicht möglich ist, separate Statistiken darüber zu führen. Zudem befürchten wir, dass es eine gewisse Dunkelziffer gibt, denn wir können nur die Fälle in unseren Statistiken aufnehmen, die auch gemeldet werden“, erklärt ein Sprecher der Polizei. Betroffene sollen sich demnach unbedingt bei der Polizei melden, um die nötigen Schritte in die Wege leiten zu können.

Für viele Jugendliche sind solche Vorfälle allerdings schon fast Normalität. Das erfahren die Mitarbeiter von ECPAT bei ihren Workshops. „Wir halten Kurse für den Cycle 4, also für Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren. Und es sind immer Kinder dabei, die schon Bilder gesehen haben, die definitiv nicht für sie bestimmt sind. Die Besitzer von Smartphones und Tablets werden ja auch immer jünger“, erklärt Noémie Losch. Das bestätigt auch eine Studie von BEE SECURE, der zufolge bereits 40 Prozent aller Kinder in Luxemburg vor dem zwölften Lebensjahr ein eigenes mobiles Gerät besitzen.
Es gehe aber nicht darum, das Internet bzw. die neuen Technologien zu verteufeln. „Wir wollen auf keinen Fall Panik verbreiten, es ist nicht so, dass die Digitalisierung allgemein eine schlechte Sache ist oder jedes Kind zwingend davon betroffen ist. Aber es ist wichtig, junge Menschen darüber aufzuklären, dass im Internet nicht immer alles so ist wie es auf den ersten Blick zu sein scheint”, so Noémie Losch. Vieles davon passiere auch nicht im Darknet, wie viele glauben, sondern in öffentlichen Netzwerken. Plattformen wie Instagram, Facebook oder Chats in Online-Videospielen dienen Tätern als Anlaufstelle.
Andy Genen, der die Comics gezeichnet hat, bestätigt das: „Die Jugendlichen von heute wachsen mit diesen Technologien auf. Für viele von ihnen scheint es normal zu sein, mit unangemessenen Inhalten konfrontiert zu werden. Das ist zumindest mein Eindruck, den ich durch die Feedbacks in Workshops, die wir in Schulen halten, gewonnen habe”, erklärt er.

Auch im privaten Umfeld habe er, nach der Veröffentlichung des ersten Comics, Rückmeldungen erhalten. Viele haben bestätigt, dass es wichtig sei, diese Thematik anzusprechen und Kinder aber auch Erwachsene aufzuklären. Ich konnte mir, bevor ich mich für die Ausarbeitung des Comics damit auseinandergesetzt habe, auch nicht vorstellen, was da im Netz alles abgeht. Wir Erwachsenen haben oft keinen blassen Schimmer, weil wir ganz anders aufgewachsen sind”, erklärt er.
Um die Sicht der Jugendlichen besser widerzuspiegeln, wurden die Geschichten der Comics mit Mitgliedern von Ecpat You(th) Together ausgearbeitet. „Solch sensible Themen mit Bildern in einem kompakten Comicformat darzustellen, das war schon eine Herausforderung, denn die Geschichte sollte ja authentisch rüberkommen“, so Andy Genen, der sich vorstellen kann, an weiteren Projekten dieser Art zu arbeiten, einfach weil es ihm eine Herzensangelegenheit ist. Ein Comic eigne sich aber hervorragend dazu, komplexe Inhalte leicht verständlich zu erklären. Nicht nur Kinder, auch Eltern, Lehrer und Erzieher sollen mit den Comics, zu deren Bearbeitung es übrigens auch einen pädagogischen Leitfaden für Lehrpersonal gibt, angesprochen werden.

 

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 Das Internet und die neuen Technologien, die zwar viele Vorteile mit sich bringen, hegen auch zahlreiche Gefahren, etwa sexuelle Übergriffe. 
Noémie Losch

 

Dass im Bereich digitaler Jugendschutz noch viel getan werden muss, weiß Noémie Losch allerdings auch. Mit der Vereinbarung zur Einrichtung des Digital Services Act, einer EU-weiten Regulierung digitaler Dienste, sollen Internetnutzer zwar besser geschützt werden, der Jugendschutz gehe aber noch nicht weit genug. „Deswegen wollen wir nicht nur Privatpersonen, sondern auch Unternehmen, die solche Inhalte auf Plattformen hosten etwa, informieren und sensibilisieren“, so Noémie Losch. Jeder, der solche Bilder sieht, ist dazu aufgefordert, dies etwa bei der Stopline von BEE SECURE oder der Polizei zu melden.
Gefordert sind aber auch und vor allem die Erziehungsberechtigten. Man sollte Kinder nicht allein lassen mit ihrem digitalen Medienkonsum. Offene Gespräche zu führen über das, was Kinder im Internet so erleben, welche Apps sie nutzen, könne auch schon viel zur Prävention beitragen. Statt Betroffene zu verurteilen, sei es wichtig, so Noémie Losch weiter, zuzuhören und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Denn es gibt, unter anderem in Form von Beratungsstellen, Hilfe aus diesen vermeintlich ausweglosen Situationen.

Der Junge aus dem Comic „Sag mir, wer du wirklich bist”, war sich zwar sicher, dass dieses Mädchen, mit dem er chattet, doch eigentlich eine ganz Nette sei, traut sich aber schließlich doch, mit seinen Eltern darüber zu sprechen. Kurze Zeit später bekommt er mit, dass die Polizei bei einem Mann aus der Nachbarschaft vorstellig wird. Dessen Computer wird beschlagnahmt. Was der wohl hat, denkt er noch, der habe doch immer so freundlich gegrüßt.

Text: Cheryl Cadamuro
Fotos: Philippe Reuter (2), ECPAT Luxembourg (2)

Author: Dario Herold

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