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Dr. Mabuse lebt

Mit ihrer neuen Bande dessinée „La Mauvaise heure“ ist Marc Angel und Jean-Louis Schlesser eine spannende Reminiszenz an den Schriftsteller Norbert Jacques gelungen.

Die Geschichte beginnt idyllisch im Rheintal. Weinberge, Reben, sanfte Hügel. Ein Schnellzug schießt durch die Landschaft. Darin sitzt ein Schriftsteller. Er ist ein älterer Herr und Erzähler der Graphic Novel „La Mauvaise heure“ von Marc Angel und Jean-Louis Schlesser. Aus dem Zugfenster schauend, gibt er einiges über sein bisherigs Leben preis: „Je suis né dans un pays de calotins, un pays qui pue le renfermé et que j’ai dû quitter parce que j’avais rendu grosse l’épouse du directeur de mon lycée.“ Und danach: „J’ai parcouru le monde, mais je ne suis resté nulle part.“ Er spricht von seiner Schriftstellerei und sagt, dass er den Zug rheinaufwärts genommen habe, um in einem Dorf einen alten Freund zu treffen, „un vieux salaud de communiste“. Er betritt ein Wirtshaus und kommt mit der Kellnerin Lore ins Gespräch, während er sich Notizen macht. In dem Notizblock sind die Worte „Une histoire d’amour“ zu lesen. Der Erzähler denkt an einen Fremden, der ihm im Zugabteil gegenüber saß und ein Monokel trug, „un homme inquiétant“, der ihn zu der Geschichte inspiriert habe und den er fortan M. nennt.

Die Kellnerin fragt ihn, ob sie auch in dem Buch vorkomme. In der Tat gibt der Erzähler ihr in der Geschichte eine Rolle, und zwar die einer drogensüchtigen Sängerin. Die Geschichte spielt in der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus. Sie beginnt in einem Nachtclub, in dem die Sängerin Perla von einer Gruppe von Nazis belästigt wird. Die beiden Zeit- und Handlungsebenen der Graphic Novel, die Gegenwart des Schriftstellers und die erzählte Vergangenheit unterscheiden sich im Stil der Zeichnungen: Während die Rahmenerzählung mit dem Schriftsteller in der für Comics üblichen Tuschetechnik gezeichnet ist, hat Marc Angel für die Perla-Erzählung mit Lavier-Technik gearbeitet und dabei die Spuren der Bleistiftvorzeichnung bewusst sichtbar gelassen. Zwischen den beiden Ebenen wird schnell eine Verbindung ersichtlich, ebenso zwischen Lore und Perla, zwischen den Geschehnissen im Gasthaus und denen im Nachtclub. Mehr soll von der Handlung der Graphic Novel nicht verraten werden, außer dass der Zeichner Marc Angel und der Szenarist Jean-Louis Schlesser zwei Handlungsebenen miteinander verwoben haben und dabei in einer Zeit eingetaucht sind, in der Europa schon von Krisen gebeutelt war und in der die Demokratien noch jünger und vor allem unstabiler waren. Im Hintergrund bahnt sich die Gefahr des aufkommenden Faschismus an.

Wieder haben Angel und Schlesser einen Mythos aufgegriffen, dieses Mal den des Dr. Mabuse.

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Angel und Schlesser haben immer wieder geschichtliche Themen aufgegriffen: der 1960 in Diekirch geborene Angel etwa mit „D’Geschicht vu Lëtzebuerg a Bandes Dessinées“ (1988), einer Vorarbeit für das dreibändige „Deemols. Episoden aus der Lëtzebuerger Geschicht“ (1998-2001), bei der sowohl die Zeichnungen als auch die Texte von ihm stammten. Zu einer Zusammenarbeit mit Jean-Louis Schlesser kam es 2015 bei der Graphic Novel „De Jas…“, die vorab in der Wochenzeitung Le Jeudi erschien und eine Neubearbeitung der Legende vom „Jasmännchen“ ist, das im Ösling Angst und Schrecken verbreitete. Der erste Band ist in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges angesiedelt, der zweite unter dem Titel „De Ja kënnt zréck. Déidlch Allianz“ (2017) spielt während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. „De Jas…“ erschien zuerst auf Luxemburgisch und Französisch, 2019 kam eine deutsche Fassung heraus. Angel adaptierte im selben Jahr in „Zeeechen“ drei Kurzgeschichten von Samuel Hamen. Historische Comics über Legenden sind auch „De Schëmmelreider vun Useldéng“ (2016) und „Schichtwiessel. Eng Déifferdanger Aarbechtergeschicht“ (2017). „Den Edouard – Op der Gare“ (2018) über einen jungen Franzosen, der zur Zeit der Pariser Studentenunruhen nach Luxemburg kommt, wurde zuerst in der revue veröffentlicht. Der 1947 geborene Schlesser ist seit 2001 als freier Autor tätig. Er schrieb unter anderem Filmdrehbücher – etwa „Le Club des chomeurs“ (2001) oder, zusammen mit Nicolas Steil, „Réfractaire“ (2008) – und versuchte sich außerdem als Theaterautor. Sein erster Roman „La Troisième Crise“ (2011) ist ein dystopischer Thriller.

Mit „La Mauvaise heure“ ist es Angel und Schlesser einmal mehr gelungen, einen Mythos mit den Mitteln der Graphic Novel lebendig zu machen. Kaum eine Zeit eignet sich für ihre Kunstform besser als jene Epoche der 1920er Jahre und der teils expressionistischen Stummfilme von F.W. Murnau und Fritz Lang. Damals wie auch in späteren Filmen Langs spielen schwarz-weiße Kontraste eine besondere Rolle. Sie finden in Angels Zeichnungen eine Entsprechung. Erinnert sei nicht zuletzt wegen des Kürzels M an „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) mit Peter Lorre und Gustav Gründgens in den Hauptrollen. Vor allem erinnert die Hauptfigur M. der in der Vergangenheit spielenden Geschichte, nicht zuletzt durch das markante Monokel, an Langs Stummfilm „Dr. Mabuse, der Spieler“ (1921/22) und schließlich an seinen Tonfilm „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1932). Ersterer geht zurück auf die Romanvorlage von Norbert Jacques Roman „Dr. Mabuse“ (1920), der zweite Streifen diente wiederum dem luxemburgischen Autor als Vorlage für eine Umsetzung als Roman.

Dass Angel und Schlesser ihrem Landsmann eine Reminiszenz erweisen, liegt nahe – nicht nur aufgrund der direkten biografischen Bezüge zu dem Schriftsteller: Eingangs wird etwa erwähnt, dass der Erzähler am Bodensee wohnt, wo Jacques sich zu Beginn der 20er Jahre eine Zeit lang aufhielt. Dies gilt auch für die inhaltlichen Elemente. Bei Jacques wie auch bei Lang spielen Nachtlokale bzw. das ausschweifende Nachtleben allgemein sowie Gesetzlosigkeit und Lasterhaftigkeit eine Rolle als typisch für die Weimarer Republik, ähnlich wie auch heute in der Fernsehserie „Babylon Berlin“. Die Figur des Dr. Mabuse zeigt als Superverbrecher Spuren von Friedrich Nietzsches Übermensch. Er wird als Verkörperung des Herrschers ohne Gewissen interpretiert, der die Menschen ausbeutet und terrorisiert. Langs „Das Testament des Dr. Mabuse“ wurde in den Wochen der Machtergreifung der Nazis fertig, die ihn vor der Aufführung verboten.

In diesem Zusammenhang ist die Beziehung von Norbert Jacques zu Deutschland und den Nazis sowie zu seinem Heimatland Luxemburg interessant. Der 1880 in der Hauptstadt geborene Sohn eines Kaufmanns nahm nach seinem Abitur am Diekircher Lyzeum ein Jurastudium an den Cours supérieurs und an der Universität Bonn auf, das er jedoch abbrach, um als Journalist zu arbeiten. Unter anderem schrieb er für die Frankfurter Zeitung und mehrere Literarturzeitschriften. Ausgedehnte Reisen durch Europa sowie nach Südamerika, Afrika und Asien prägten Jacques. Die meiste Zeit arbeitete er als freischaffender Romanautor und Reiseschriftsteller, Journalist und Drehbuchautor. In Brasilien war er eine Zeit lang als Berater einer Filmfirma tätig, mit Fritz Lang unternahm er eine Reise in die Türkei. Jacques war außerdem Herausgeber und Übersetzer. Insgesamt schrieb er 55 Romane und veröffentlichte Erzählungen ebenso wie Gedichtbände und Essays. Seine Autobiografie erschien unter dem Titel „Mit Lust gelebt“.
In seinem Werk setzte er sich mehrfach kritisch mit Luxemburg auseinander. Sein Verhältnis zur Heimat war, gelinde gesagt, schwierig. Im Ersten Weltkrieg, in dem er als Kriegsberichterstatter arbeitete, wurde ihm die Parteinahme für Deutschland übelgenommen. Ihm wurde außerdem vorgeworfen, dass er in seiner Kritik an Luxemburg das Land verzerrt dargestellt habe. In den 30er Jahren bemühte sich Jacques um die luxemburgische Staatsbürgerschaft für seine Töchter, während seine jüdische Frau nach der Scheidung ins amerikanische Exil floh. Er entschied sich trotz einer zweiwöchigen Gestapohaft und eines Schreibverbots zum Bleiben. Er erwies sich als ziemlich linientreu und stellte sich in den Dienst der reichsdeutschen Kulturpropaganda in Luxemburg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Jacques der Kollaboration und des Landesverrats bezichtigt. Im Juli 1946 wurde er ausgewiesen. Die Tabuisierung seiner Person in Luxemburg hielt, wie es dem luxemburgischen Autorenlexikon zu entnehmen ist, bis über seinen Tod 1954 hinaus an. Seine Tochter Adeline wurde 2004 in der Zeitschrift Forum folgendermaßen zitiert: „In Luxemburg haben sie nach meinem Vater nicht einmal eine Hintergasse benannt, weil sie ihn, der keiner war, für einen Nazi hielten. Dabei konnte in seinem Werk nichts gefunden werden, das auf eine nationalsozialistische Gesinnung des Schriftstellers hinwies. Mit „La Mauvaise heure“ ist Marc Angel und Jean-Louis Schlesser eine Hommage auf diesen vom breiten Publikum fast vergessenen Auto in der Form einer Graphic Novel gelungen. Zeichner und Szenarist spielen hier ganz ihre Stärken aus. Für weitere Generationen kann es nun heißen: „Dr. Mabuse lebt.“

Illustrationen: Marc Angel

Das 28. Festival International de la Bande dessinée, bei dem etwa 50 Autoren anwesend sein werden, steigt am 16. und 17. Juli in Contern 

web_La-mauvaise-heure-Cover-KopieMarc Angel, Jean-Louis Schlesser: La Mauvaise heure. Editions Mosquito. 76 Seiten. Auf Französisch. 16 Euro.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold