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Düstere Poetin

Die Dichterin Miriam R. Krüger hat ihre eigene Sprache entwickelt, düster und ausdrucksstark – in ihrer „visuellen Poesie” zieht sie blank. Ein Sturm der Gefühle in Worten, Bild und Video. 

Miriam R. Krüger wird angekündigt, was kommt, erwartet keiner, der sie zum ersten Mal auf der Bühne sieht. Statt einer erhabenen Dichterin im Abendkleid kommt eine Frau im weißen Overall hinter dem Vorhang hervorgeschlurft, hinter sich her schleift sie einen großen Koffer. Sie ist zerstreut, die schwarzen Haare durcheinander, guckt links, rechts, murmelt vor sich hin, kratzt sich in clownesker Manier am Kopf, fragt sich laut, ob sie nicht irgendetwas vergessen habe. Langsam sagt sie: „Ich habe das Gefühl, dass ich nicht allein bin hier.” Lachen im Corona-bedingt begrenzt besetzten, aber ausgebuchten Saal. Eine Pause, dann mutmaßt sie zögerlich: „Entweder sind Sie zu früh oder ich bin zu spät.” Sie öffnet den Reißverschluss des Koffers, die Erwartung im Publikum steigt. Dann verteilt sie eifrig wahllose Objekte auf dem Tisch, eine Mini-Staffelei, Stifte, Papiere, Schminkzeug. „Ich nehme den Raum ein”, erklärt sie. „Das hat man mir auf der Kunstschule gesagt, Miriam, du musst immer etwas zu früh sein, um dir den Raum zu eigen zu machen.”

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Nach anfänglichem Klamauk schließlich liest sie doch. In ihrem Gedicht „Je suis ici” solidarisiert sie sich mit allen Frauen, die wegen ihres Geschlechtes diskriminiert werden, die Gewalt erleben. Es ist der 8. März, als sie im Stadhaus Differdingen den literarischen Montag bespielt, das Thema also kaum willkürlich. Doch auch die Wahl der Künstlerin für diesen Abend ist wohl überlegt. Seit Jahren setzt Miriam R. Krüger sich für Frauen ein. Für die Sichtbarkeit von Künstlerinnen und Frauen, die Gewalt erlebt haben. Ihr neuestes Werk erschien vergangenen Montag, ein Video mit dem Titel „Sorority”, in dem sie 21 Künstlerinnen zusammengebracht hat. Sie gibt ihnen Raum, ihre Werke vorzustellen, im Live-Chat konnten Zuschauer Fragen stellen.

Schon als Kind hatte Miriam R. Krüger Schwierigkeiten zu verstehen, warum Männer anders behandelt werden sollen als Frauen. Die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Peru, eine Gesellschaft, die sie als machohaft bezeichnet. Doch für Miriam ist Gewalt kein lokales Problem, kein Frauenproblem, es betrifft die ganze Gesellschaft und passiert tagtäglich. Sie erzählt von ihrer Tochter, die in der Schule häufig von einem Jungen geärgert und geschlagen wurde, die Lehrerin habe ihr gesagt, dass sei normal, Jungen würden sich eben ab und zu ärgern und dann reagieren sie so. Also gab Miriam ihrer Tochter den Rat, „Versuch, dich zu verteidigen.” Das hat die Kleine getan, der Junge weinte, sie wurde bestraft, denn man schlägt nicht.

„Allen voran bin ich Dichterin.”

Diese und andere Erfahrungen bestätigen Miriam in ihrem Kampf immer wieder. Sie erzählt diese Geschichte am Esstisch in ihrem Wohnzimmer. In der Ecke des Raumes steht ein Hochzeitskleid. Das Werk hat sie im vergangenen Jahr beim Gare Art Festival ausgestellt. Das Kleid besteht aus Stoff, für das Unterkleid hat Miriam eine dicke Papierrolle aufgerollt, um die Brust eine Rolle Verbandsstoff. Mit roten Stecknadelköpfen sind kleine Zettelchen an Brust und Hals gespickt. Schwarzer Filzstift, wenige Worte, fünf Sprachen. Die Puppe im Kleid erzählt, die roten Stecknadelköpfchen erzählen, nur fünf Worte dazu reichen, um im Kopf ein Gefühl, eine Geschichte, eine Assoziation zu erwecken. Eine persönlichere, als eine fertige Geschichte sie schaffen könnte, von Fantasie gestützt. Das ist, was Miriam R. Krüger visuelle Poesie nennt. Ihre Werke sind Fotografien, Videos, Skulpturen oder Malerei, begleitet von einigen Worten. Ihr neuestes Buch zeigt auf jeder zweiten Seite ein Foto von ihr, schwarz-weiß und düster – verschwommen, das Gesicht mal zum Schrei verzogen, mal die Arme über dem Kopf verkrampft, die Seite daneben einige Worte. „Für mich ist das ein Gedicht.“ Genau wie das Kleid. Sie spielt mit diesen Kunstformen, „aber allen voran bin ich Dichterin.“

Sie will zeigen, dass Poesie für jeden zugänglich ist, dass jeder Poesie in sich trägt. Die wenigen Worte lassen viele Assoziationen zu, ihre Sprache ist klar, nicht mit Metaphern und Allegorien verschlüsselt, kein Euphemismus, der Gefühle beschönigt. Dichtung ist nicht für die Elite, das vermittelt sie regelmäßig in Workshops an Kinder und Erwachsene. „Ich möchte, dass mich alle verstehen können.” Deshalb schreibt sie in allen Sprachen, die in Luxemburg gängig sind. Die Sprachen waren einst ausschlaggebend, dass Miriam von der reinen Dichtung zu ihrer individuellen, visuellen Form der Poesie wechselte. „Wenn man Poesie übersetzt, ist die Bedeutung nicht mehr die gleiche.”

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Dennoch ist ihre Dichtung nicht nur pädagogisch zu verstehen. „Für mich ist dieses Kleid ein Gedicht. Das ist nicht rein, um zu gefallen oder jemanden an-
zusprechen. Das kommt aus mir. Ich bin nicht da, um zu gefallen. Ich mache Kunst, keine Deko.”

Auf der Bühne im Stadhaus läuft vor Miriams Auftritt eine Powerpoint-Präsentation im Hintergrund. Ein Projekt, das sie seit mehreren Jahren laufen lässt. Englisch, Französisch, Luxemburgisch, Finnisch – kurze Gedanken oder mehrere Sätze. Für das Projekt hat Miriam zunächst Künstler und Dichter gebeten, ihre Gedanken zu äußern zu Gewalt gegen Frauen, später auch alle anderen. „Jede Stimme zählt gleich viel, die eines Schriftstellers wie die einer Erzieherin.” Inzwischen hat sie die Texte auf ihrem Blog veröffentlicht und zeigt sie bei jeder Gelegenheit. Einige der Autoren haben selbst eine Gewaltsituation erlebt und das Bedürfnis, darüber zu sprechen. „Opfer von Gewalt haben immer das Gefühl, sehr einsam zu sein. Ich möchte ihnen sagen, ihr seid nicht allein. Das ist kein Ende. Es geht weiter.”

Auf der Differdinger Bühne verschwindet sie nach dem ersten Gedicht hinter den Vorhang. Dort wirft sie den weißen Overall ab und betritt wenige Momente später wieder die Bühne im schwarzen Abendkleid, schwarze Ringe und Striche unter die Augen gemalt. Sie hat geweint. Doch ist es nicht Miriam, die nun auf der Bühne wimmert, dann schreit, sich einem imaginären gewalttätigen Gegenüber machtlos hingibt. Vor dem Publikum steht die „Créature émotionelle”. Miriams Schöpfung, die all ihre Dunkelheit, ihren Schmerz, ihren inneren Kampf und auch ihre überschwängliche Freude nach außen trägt. „Mit der Créature werfe ich mich in die Gefühle”, erklärt Miriam später. „Alle Gefühle. Die Leute sagen mir manchmal, meine Kunst sei zu schwarz. Doch wir alle haben diese Gefühle in uns. Die Créature schämt sich nicht, sie zu zeigen.”

 Mit der Créature werfe ich mich in die Gefühle.

An der Kunstschule habe ihr ein Professor gesagt, sie müsse ihren eigenen Stil finden, sodass man sieht, dieses Werk ist von ihr. „Das habe ich gefunden”, sagt sie. Miriam macht alles groß. Sie lacht laut, redet viel – ihre Kunst zeigt das gegenteilige Extrem. Ihr Wohnzimmer ist gleichzeitig Atelier. Es kommt also vor, dass jemand an der Tür klingelt, wenn Miriam gerade schwarze Trauer unter die Augen gemalt hat, weil sie dabei ist, ein Video zu drehen. „Einmal habe ich den Menschen fast angeschrien, gesagt: Nicht jetzt!” Der Mensch vor der Tür muss verwundert gewesen sein, denn Miriams Klingelschild lässt so eine harsche Reaktion kaum erwarten. Neben den Klingelknöpfen ihrer Nachbarn stehen in gestanzten Lettern auf silbernen Plättchen ihre Vor- und Nachnamen. Neben Miriams Klingel klebt ein Zettelchen, darauf ihr mit Kuli gekritzeltes Porträt und der Name „Miriam“. Ihre harsche Reaktion auf einen nichts ahnenden Klingeler war keine Bosheit. „Wenn ich eine Rolle spiele, bin ich ganz drin. Es kommt vor, dass mich das sehr mitnimmt, wenn ich die Kreatur spiele. Dann sage ich mir, ich muss aufhören. Es gibt Momente, in denen mir das Angst macht, weil die Emotionen so stark sind.”

Dabei weiß sie, dass sie das nicht ist. Miriam R. Krüger ist Protagonistin und Model fast aller ihrer Kreationen. Doch nie stellt sie sich selbst dar. Vielmehr benutzt sie sich als Material. „Ich benutze mich selbst. Ich falte mich wie ein Papier.” Ihre Ästhetik – schwarz und dunkel – passt kaum mit ihrem lockeren Charakter zusammen. Ihre Kunst hilft ihr, sie selbst zu sein, sich von sich selbst zu entfernen. „Ich bin das nicht.“ Ihre Kinder haben sich an die Gefühlsausbrüche der Créature gewöhnt – und falls Sie einmal eine Frau mit Engelsflügeln über die Straße spazieren sehen, könnte es gut Miriam R. Krüger sein.

Text: Franziska Peschel, Fotos: Philippe Reuter (2), Yves Géraud (3)

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ist seit 2015 im „Dictionnaire des auteurs luxembourgeois“ zu finden. 2019 hat sie Luxemburg beim „Printemps des poètes“ vertreten.
Seit 2011 organisiert sie jedes Jahr das Festival „Cri de femme“
in Luxemburg, eine weltweite Initiative gegen Gewalt an Frauen.
Wer sich für ihre Bücher, Gemälde und Workshops interessiert,
kann über ihre Webseite www.mrk.lu Kontakt aufnehmen.

Author: Dario Herold

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