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Echt jetzt?

Memory-Spiele gibt es seit Ewigkeiten. In Deutschland werden sogar Gedächtnismeisterschaften ausgetragen. Dennoch hat keiner meiner Freunde Spaß am „Impressionismus Memo-Spiel“ gehabt. Schade eigentlich.

Von 2016 bis 2019 bereist Christoph Irrgang für das Potsdamer Museum Barberini die Gegenden und Orte, an denen der französische Maler Claude Monet und weitere Impressionisten gearbeitet haben, und fotografiert die Entstehungsorte zahlreicher Meisterwerke aus der Perspektive der Künstler. Dass die Gegenüberstellung der Gemälde mit den Aufnahmen von heute vor allem von verblüffenden Übereinstimmungen geprägt ist, ist angesichts der Industrialisierung und Stadtentwicklung in den letzten 150 Jahren unglaublich verwunderlich. Und daher eine tolle Grundlage für ein etwas anderes Memo-Spiel.

Allerdings sind meine üblichen Spielpartner ziemlich verhalten. Memory-Spiele seien langweiliges Gedächtnistraining für Senioren. Außerdem hätten sie schon so oft mit ihren Söhnen und Töchtern dieses Bilderpaare-Sammeln gespielt, dass sie es leid seien. Bleibt nur mein Liebster, der sich schließlich erbarmt und bereit ist, seine Merkfähigkeit mit meiner zu messen. Unter der Voraussetzung jedoch, dass das Spiel keine Dreiviertelstunde dauert. Prompt liegen die 72 Kärtchen mit der Bildseite nach unten auf dem Tisch. Ich decke die beiden ersten auf: Eugène Boudins Sonnenaufgang in Le Havre und Claude Monets Pappeln in Giverny. Es folgen ein Foto vom Fort Carré in Antibes und von einer Baumallee, die überall sein könnte. Bis das erste zusammengehörige Paar gefunden ist und aus dem Spiel genommen werden kann, vergehen etliche Minuten. Nicht weil wir uns die Kärtchen so schlecht einprägen können, sondern weil wir deren wunderschönen Motive gern länger betrachten. Idyllische Landschaften, romantische Gärten, der Palazzo Contarini in Venedig – das „Impressionismus Memo-Spiel“ lädt nicht nur zum Träumen ein, sondern macht zudem neugierig auf mehr.

Idyllische Landschaften, romantische Gärten, der Palazzo Contarini in Venedig – das „Impressionismus Memo-Spiel“ lädt zum Träumen ein.

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Ein höchst cleverer Schachzug des im Januar 2017 eröffneten Museums Barberini, das sich innerhalb kürzester Zeit zu einem der weltweit wichtigsten Zentren impressionistischer Landschaftsmalerei gemausert hat – dank der umfangreichen und einmaligen Sammlung seines Gründers Hasso Plattner. Was man Schönes in Potsdam machen könnte, fragt plötzlich mein Spielrivale und schaut suchend nach seinem Handy. Zwei Sekunden später weiß ich, dass das Schloss Sanssouci und der Filmpark Babelsberg die touristischen Highlights der Hauptstadt des Landes Brandenburg sind. Wandern könnten wir dort ebenfalls. Zum Glück erweist sich die Google-Suche nach einer Bahnverbindung etwas umständlicher, sodass wir das Spiel fortsetzen.

Was die Gedächtniskraft leicht schmälert, sind die unterschiedlich intensiven Farben. Die Stilrichtung des französischen Impressionismus kennzeichnet sich durch eine helle Palette und einen skizzenhaften Farbauftrag aus. Die Aufnahmen von Christoph Irrgang sind indes gestochen scharf und weitaus lichtkräftiger als deren Vorlagen. Man muss schon sehr aufmerksam hinschauen, um Claude Monets Petites-Dalles bei Ebbe, die er 1884 gemalt hat, in dem Bild zu erkennen, das der Fotograf vor höchstens vier Jahren vor Ort geschossen hat. Aber genau dieser Gegensatz ist das Spannendste. Und so geht es uns irgendwann gar nicht mehr darum, wer am Ende gewonnen haben wird, stattdessen staunen wir bei jedem Bildpaar über vorhandene und nicht vorhandene Veränderungen. Vor allem aber bekommen wir Lust, ebenfalls an die Orte zu reisen, an denen die Meisterwerke impressionistischer Kunst entstanden sind. Auf einer Karte sind sie eingetragen. Port-en-Bessin, Le Havre, Etretat, Pourville, Berneval – Städte, die alle (nicht allzu weit voneinander entfernt) in der Normandie liegen.

Ob wir knobeln müssten, fragt mein Liebster. Entweder nach Potsdam ins Museum Barberini oder an die Küste Nordfrankreichs. Nein, müssen wir nicht. Wir werden ans Meer fahren, um die Farben, das flimmernde Licht und die flüchtigen Momente des Impressionismus mit eigenen Augen einzufangen. Wer von uns beiden das bessere Gedächtnis gehabt hat? Nun, wir haben die Kärtchen nicht mehr gezählt, nur voller Bewunderung angeschaut.

Prestel Verlag,
Alter: 4-99, für 2-6 Personen, Spieldauer:
ca. 15 Minuten,
72 Karten, 19 Euro, www.prestel.de

Fotos: Eckhard Waasmann (Prestel Verlag)

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Dario Herold

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