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Edito: Angst nehmen

Sie war müde von der Arbeit, als sie auf dem Weg nach Hause in einem Bus Platz nahm. Als der Busfahrer Rosa Parks aufforderte, ihren Platz für einen weißen Fahrgast freizumachen, weigerte sie sich und blieb sitzen. Dafür wurde die Afroamerikanerin am 1. Dezember 1955 festgenommen. Mit dieser mutigen Geste der damals 42-jährigen Näherin und den Protesten im Fall Emmett Till kam die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA ins Rollen. Ob sie nun an jenem Ereignis in Montgomery im US-Bundesstaat Alabama festzumachen ist, sei dahingestellt. Rosa Parks wurde eine Ikone der Bewegung, auch wenn sie nicht die erste Frau war, die ihren Platz nicht für einen Weißen räumen wollte.

Trotz des Bürgerrechtsgesetzes von 1964, das Diskriminierung aufgrund von Rasse, Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder nationaler Herkunft in den USA verbietet, und trotz des Wahlrechtsgesetzes von 1965, das die Beteiligung von Minderheiten bei US-Wahlen sichern soll, trotz des ersten afroamerikanischen Präsidenten Barack Obama von 2009 bis 2017, trotz des Endes der Apartheid in Südafrika 1994: Der Kampf um Gleichberechtigung aller Menschen und gegen Rassismus ist noch lange nicht am Ziel, nicht nur in Amerika und Südafrika, sondern weltweit.

Weil es immer wieder zu gewalttätigen Razzien der Polizei in Kneipen mit trans- und homosexuellem Publikum kam, brach in der Bar Stonewall Inn in der New Yorker Christopher Street ein Aufstand von Homosexuellen aus – mit tagelangen Straßenschlachten. Seitdem wird, um an diesen Protest zu erinnern, der Christopher Street Day gefeiert, in vielen Ländern als Gay Pride bezeichnet. Bis heute muss die LGBTIQ*-Bewegung für Anerkennung und gegen Diskriminierung kämpfen. Auch wenn in einigen Ländern mittlerweile Ehen oder eingetragene Partnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare erlaubt sind, gibt es noch immer viele Länder, in denen Homosexuelle per Gesetz ausgegrenzt oder gesellschaftlich diskriminiert werden – und in denen sie sogar verfolgt werden. Selbst in westeuropäischen Ländern sind Homo- und Transphobie noch verbreitet.

Der Weckruf von Aktivisten wie Rosa von Praunheim hat also bis heute nichts an Aktualität verloren: Dem deutschen Autor, Film- und Theaterregisseur hat die queere Szene viel zu verdanken. Fast genau vor 50 Jahren – am 3. Juli 1971 – hatte sein Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ Premiere. Der Streifen richtete sich an die Homosexuellen selbst: Sie sollten ihre Angst überwinden und solidarisch für eine Gleichberechtigung kämpfen und sich zu ihrer Homosexualität bekennen.

Der Kampf gegen Diskriminierung geht weiter.

Vor 50 Jahren kam es auch in Deutschland zu Demonstrationen gegen den Paragraphen 218, der den Schwangerschaftsabbruch unter Strafe stellt. Parallel zur antirassistischen Bürgerrechts- und der Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg hatte bereits in den Jahren zuvor die zweite große Welle der Frauenbewegung eingesetzt. Trotz vieler Errungenschaften ist auch sie – angesichts von nach wie vor ausgeprägter Frauenfeindlichkeit und von Sexismus, den die #MeToo-Bewegung anprangert – und von Gehälterungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern längst nicht am Ziel. Den Antirassismus-, LGBTIQ*- und Frauenbewegungen und ihren gesellschaftlichen Debatten, die sie angestoßen haben, ist eines gemeinsam: die „Lotta continua“, wie einst eine linke italienische Gruppe hieß – „der Kampf geht weiter“.

Das klingt radikal, genauso wie manchen Gegnern und Kritikern der sogenannten Identitätspolitik die Genderisierung der Sprache zu radikal ist und sie die „Cancel Culture“ ablehnen. Bisweilen werden die Aktivisten sogar als „Jakobiner“ bezeichnet, in Anspielung auf den Terror der Französischen Revolution. Doch „Protest ist immer radikal und nie radikal genug“, sagte kürzlich der französische Intellektuelle Didier Eribon in einem Interview.

Auch Rosa Parks, Rosa von Praunheim und die Feministinnen der ersten Stunde riskierten etwas und überschritten Grenzen – und nahmen dadurch vielen die Angst. Nur darf nicht vergessen werden: Emanzipation muss stets einhergehen mit einer Kritik und der Bekämpfung der sozialen Ungleichheit. Einst linke Parteien haben diesen „Klassismus“ auf ihrem Weg in die politische Mitte aus den Augen verloren oder zumindest vernachlässigt. Nicht wenige Menschen aus der Unterschicht, der früheren Arbeiterklasse, sind somit bereits den falschen Verführern in die Hände gefallen.

Text: Stefan Kunzmann, Chefredakteur

Author: Philippe Reuter

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