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Edito: Brandstifter

Die Erstürmung des Kapitols in der vergangen Woche schockte weltweit und in der Tat konnten die Bilder der entfesselten fanatischen Trump-Anhänger Beobachter fassungslos zurücklassen. Vor allem weil sie nicht nur zeigen, wie gespalten die amerikanische Gesellschaft ist, sondern auch, wie nah am Abgrund die älteste und mächtigste Demokratie der Welt nach vier Jahren Trump-Präsidentschaft wandelt. Der ehemalige Geschäftsmann hat – verstärkt nach der verlorenen Wahl im November (lesen Sie auch den Artikel auf Seite 18) – so lange mit Worten (vor allem auf Twitter) gezündelt, bis es schlussendlich am Rande einer ProTrump-Manifestation zu eben diesen bürgerkriegsähnlichen Szenen im Kapitol kam. Eine Aktion, die wie eine logische Konsequenz des Verhaltens von Donald Trump wirkt und ganz bewusst heraufbeschworen wurde.

Dass die Trump-Präsidentschaft Spuren hinterlassen wird – vor allem, aber nicht nur in den USA – ist jetzt schon klar. Ob die „beschädigte Demokratie“ (wie der Spiegel schrieb) überhaupt wieder zu kitten ist, muss die Amtszeit von Joe Biden zeigen. Dem
Rest der Welt sollte die Trump-Ära vor allem als Denkzettel dienen. Denn in vielen Ländern – auch westeuropäischen – klopfen Politiker, die einen ähnlichen Stil pflegen und sich gleichermaßen wenig um demokratische Werte scheren wie ihr amerikanisches
Vorbild, an die Türen der Macht.

Ob die „beschädigte Demokratie“ überhaupt wieder zu kitten ist?

Die eingesetzte Methode kupfern sie dabei ganz ungeniert von Trump ab. Populismus als Werkzeug zur Machtergreifung. Auch Trumps Rhetorik über die korrupte Elite, welche nicht mehr wüsste, was die einfachen Leute wollen, wird allzu gerne von einigen europäischen Politikern – von Marine Le Pen in Frankreich über Matteo Salvini in Italien und Viktor Orbán in Ungarn bis zu der Speerspitze der deutschen AfD – aus dem Hut gekramt, um sich bei der breiten Masse anzubiedern und sich parallel dazu selbst als vermeintlichen Retter hochzujazzen. Dass dies durchaus seine Früchte trägt, zeigen die Resultate aus den Wahlurnen mit beängstigender Regelmäßigkeit. Schon jetzt kann man gespannt sein, wie der „Rassemblement national“ mit Marine Le Pen bei der Präsidentschaftswahl 2022 in Frankreich abschneidet und welches Resultat die AfD bei der deutschen Bundestagswahl in diesem Jahr einfährt.

Dass ähnliches wie in den USA auch in Deutschland möglich scheint, hat der Mob aus Verschwörungstheoretikern und Rechtsextremen gezeigt, die Ende August im Zuge einer Anti-Corona-Demonstration in Berlin zum „Sturm auf den Reichstag“ angesetzt hatten. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte damals von einem „unerträglichen Angriff auf das Herz unserer Demokratie“ gesprochen. Worte, die wie die Faust aufs Auge passen, wenn es darum geht zu beschreiben, was vergangene Woche in Washington passierte.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Philippe Reuter

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