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Edito: „Clickwork“ Orange

April 2021 – das Jahr zwei der neuen Zeitrechnung: In Saarbrücken schreitet die Polizei gegen etwa 500 Feiernde ein, die Polizeibeamte werden mit Flaschen beworfen. Zahlreiche Personen tragen keine Masken. Drei Wochen zuvor stoppten die hiesigen Ordnungshüter eine Party auf Drei Eicheln. Ob „illegale“ Feiern im Ösling oder Menschenansammlungen im Süden, bei denen „Musik vernommen wurde“, wie es einmal hieß – solche Meldungen hätte man vor nicht langer Zeit noch als Teil einer gesellschaftlichen Dystopie eingestuft.

Etwa eine wie Stanley Kubricks Film „Clockwork Orange“, der vor 50 Jahren für Aufsehen sorgte. Der auf Anthony Burgess’ gleichnamigem Roman basierende Streifen irritierte und schockierte mit seinen Gewaltszenen, beinhaltet jedoch auch in seiner Gesellschaftskritik, wie der Ich-Erzähler Alex, Anführer der Jugendbande namens „Droogs“, als Versuchsobjekt missbraucht und indoktriniert wird.
Auch wenn sich heute noch einige Fußballfans auf den Streifen beziehen, indem sie sich „Droogs“ (Frankfurt und Saarbrücken) oder „Drughi“ (Juventus) nennen, und auch wenn manche Menschen glauben, ihnen würde durch die Anti-Corona-Maßnahmen die Freiheit genommen und der Staat würde ihnen mittels der „Systempresse“ eine Gehirnwäsche verabreichen wollen: Was einst in den Kinosälen als Science Fiction lief, ist größtenteils Fiktion geblieben.

Was dagegen längst gesellschaftliche Realität wurde, ist eine Ökonomie, die immer mehr Menschen ins soziale Abseits gedrängt hat, wie dem jüngsten Sozialpanorama der Arbeitnehmerkammer zu entnehmen ist. Die Auswirkungen von Wirtschaftskrisen lassen sich seit jeher anhand der Arbeitslosenzahlen bemessen. Wobei sich Luxemburg von den meisten anderen Staaten der Europäischen Union mit einer relativ niedrigen Arbeitslosenquote abhebt. Selbst in Krisenzeiten stieg sie nur moderat. Dagegen ist die Jugendarbeitslosigkeit weiterhin hoch. Nach dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr erreichte sie einen neuen Höchstwert.

Die Share Economy wurde zum Vehikel für eine neue Lohnsklaverei.

Was im Vorfeld des Internationalen Tages der Arbeit zu denken gibt: Im vergangenen Jahrzehnt hat der Anteil der Menschen zugenommen, die dem Armutsrisiko ausgesetzt sind, nicht zuletzt die Zahl derer, die trotz Arbeit Gefahr laufen zu verarmen – und es schwer haben, sich aus dieser Abwärtsspirale zu befreien. Dabei ist Arbeit, wie wir wissen, nicht nur ein Mittel zum Zweck, um den Lebensunterhalt zu verdienen, sondern bedeutet Status und steht für Selbstverwirklichung.

„Sie verortet uns in der Gesellschaft“, schreibt die deutsche Journalistin Anette Dowideit, die in ihrem Buch „Die Angezählten“ schildert, wie es ist, „wenn wir von unserer Arbeit nicht mehr leben können“. Was zwei andere Journalisten, Nadja Klinger und Jens König, schon vor 15 Jahren in ihrem Bericht „Einfach abgehängt“ beschrieben, die neue Armut, der Abstieg der Mittelschicht und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, ist aktueller denn je.

Die Ausbeutung durch Niedriglohnjobs und erzwungene Flexibilität wurde ergänzt durch die Auswüchse der Share Economy – oder besser: „Gig Economy“. In dieser übernehmen Freiberufler oder geringfügig Beschäftigte Aufträge über eine Onlineplattform, die als Mittler zwischen den Auftragnehmern und Kunden fungiert und deren Betreiber eine Provision kassiert. Mittlerweile gibt es Plattformen für fast alle Dienstleistungen. Eine gab dem Phänomen einen Namen: Uber vermittelt über seine App Menschen aneinander, von denen die einen Fahrdienste anbieten und die anderen diese nutzen. Im Zeitalter der „Uberisation“ nutzt der Kunde die niedrigen Preise, der Uber-Fahrer verzichtet dafür auf ein geregeltes Gehalt. Auch wenn es Uber hierzulande nicht gibt: Die „Uberisation“ ist in vollem Gange.

Zu Beginn der Share Economy wurde diese neue Art, die Wirtschaft und Gesellschaft zu organisieren, selbst von Kapitalismuskritikern gepriesen. Uber & Co. expandierten mit Hilfe von Großinvestoren wie Goldman Sachs und Google. Anstatt traditionelle Strukturen des Neoliberalismus aufzubrechen, wurde „eine weitere Runde der Monopolbildung“ eingeläutet, schreibt die Wochenzeitung „der Freitag“. Ein weiteres Phänomen der Individualisierung und Entsolidarisierung der Gesellschaft entstand mit dem „Clickworker“, einem Internetnutzer, der mittels einer Crowdsourcing-Plattform Arbeitsaufträge für Unternehmen erledigt. Sein Verdienst beläuft sich nicht selten auf weniger als drei Euro die Stunde. Die moderne Lohnsklaverei hat einen neuen Namen: Clickwork.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Philippe Reuter

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