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Edito: Das große Staunen

Chuck Norris hat bis Unendlich gezählt. Zwei Mal… Es kann gut sein, dass Sie über diesen Witz nicht (mehr) lachen können, aber vor nicht allzu langer Zeit waren sogenannte „Facts“ über den kultigen 80er-Jahre-Actionhelden das Nonplusultra der Internetwitze. Mittlerweile läuft – oder besser gesagt fährt – allerdings Christopher Froome dem US-Kampfkünstler im Netz den Rang ab.

Witze wie „L’Etat islamique revendique l’attaque de Chris Froome“, „Sky en a marre du Tour de France. L’an prochain, elle participera au Championnat du Monde de F1 en alignant Froome sur son vélo!“, „Un jour Froome remportera une étape en vélo d’appartement“ tauchten nach Froomes fulminantem Nähmaschinen-Angriff auf der 10. Etappe der diesjährigen Tour de France hinauf nach La Pierre-Saint-Martin haufenweise in den sozialen Netzwerken auf.

Die Ironie-Keule und das Credo „Alle Radsportler sind gedopt“ schwingen immer mit.

Trotz der Leistung des 30-jährigen Engländers bei der Tour scheinen sich viele vor allem wegen der Dopingseuche in der Radsportgeschichte schwer damit zu tun, den sportlichen Erfolg als solchen zu akzeptieren. Die Ironie-Keule und das Credo „Alle Radsportler sind gedopt“ schwingen genau deshalb irgendwie immer mit.

Aber nicht nur im Netz und beim breiten Publikum wurde die Leistung des Toursiegers kritisch beäugt. Selbst Experten und Sportjournalisten kommentierten Froomes Leistungsdaten, analysierten Watt-Zahlen und stritten sich darüber, ob der Engländer einer der begnadetsten Radfahrer aller Zeiten ist, der einfach nur Außergewöhnliches leistet, oder ob er in die Reihe der Betrüger à la Armstrong einzureihen ist.

Das Team des Engländers sah sich sogar genötigt, am zweiten Ruhetag der Tour eine PR-Offensive zu starten und Froomes Werte zu veröffentlichen, um zu versuchen, die Dopingverdächtigungen zu entkräften. Nicht zuletzt, weil es nicht das erste Mal ist, dass der Sky-Fahrer durch seine Performance Argwohn auf sich zieht. Bei der Tour 2013 hatte Froome in der Etappe hinauf nach Ax-3 Domaines seine Konkurrenz nach Strich und Faden dominiert, was schon vor zwei Jahren bei manchen Sportexperten für Stirnrunzeln sorgte.

Diese Diskussionen rund um die Leistung eines Radsportlers zeigen vor allem eins, nämlich wie schwer der Imageschaden ist, welcher in der Vergangenheit von Dopingsündern angerichtet wurde. Dabei wird oft vergessen, dass im Radsport, seit im Jahr 1998 die Festina-Affäre ans Tageslicht kam, wie kaum in einer anderen Sportart versucht wird, Doping vehement zu bekämpfen. Dieses Jahr wurden, um den Verdacht des sogenannten E-Dopings (der Einsatz von Fahrrädern mit kleinen Elektromotoren im Rahmen) gar nicht erst aufkommen zu lassen, Fahrräder nach dem Zufallsprinzip gescannt.

Genau diese offensive Vorgehensweise ist beinahe die einzige Chance, das ramponierte Image des Radsports über eine mittelfristige Dauer wieder aufzupolieren. Vielleicht hilft es auch, die Kritiker und Dauerzweifler verstummen zu lassen. Immer vorausgesetzt, die Skandale bleiben aus…

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Martine Decker

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