Edito: Der Zauberlehrling
„You´re fired!“ Mit diesen Worten hat Donald Trump in jeder Folge seiner Castingshow „The Apprentice“ (Der Lehrling) einen Kandidaten entlassen. Dem Sieger jeder Staffel der Reality-Serie winkte ein hoch dotierter Einjahresvertrag in einem von Trumps Unternehmen. Die Show hat seit der Erstausstrahlung bei NBC im Jahr 2004 einen Riesenerfolg und wurde in mehreren Ländern gezeigt und kopiert. Als der Milliardär vor 18 Monaten zu den Vorwahlen der Republikanischen Partei antrat, wurde er kaum ernst genommen. Doch als er einen Kandidaten nach dem anderen aus dem Weg räumte, wie ein Kandidat seiner eigenen Castingshow, wurde er zunehmend gefürchtet.
In seiner Fernsehsendung hat Trump die Welt in Sieger und Verlierer eingeteilt. Viele Zukurzgekommenen der Globalisierung aus dem Süden, dem Mittleren Westen und der als Rostgürtel bezeichneten Industrieregion der Vereinigten Staaten haben den künftigen US-Präsident gewählt und ihm zu seinem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen verholfen. Doch dies allein erklärt nicht das Phänomen Trump. Nach seinem Wahlsieg beteuerte der „Trumpator“ zwar, Präsident aller Amerikaner zu sein. Doch in einer gespaltenen Nation, die sich inmitten eines Kulturkampfes zwischen Konservativismus und Liberalismus sowie zwischen Moderne und Anti-Moderne befindet, haben ihn vor allem weiße Wähler, die mit der aufgeklärten, multikulturellen und zumeist urbanen Welt, für die der noch amtierende Präsident Barack Obama steht, nichts anfangen können.
Trump gab sich rassistisch und chauvinistisch. Er versprach, an der mexikanischen Grenze eine Mauer zu bauen und illegale Einwanderer aus dem Land zu jagen. Er forderte ein Einreiseverbot für Muslime, verhöhnte behinderte Menschen und brüstete sich mit seinem Sexismus. Er hat nichts gegen die Foltermethode Waterboarding und sprach davon, Abtreibung nur in Ausnahmefällen zuzulassen und die von Obama eingeführte Krankenversicherung für alle wieder abzuschaffen (in seinem ersten Interview seit der Wahl zog er gegenüber dem „Wall Street Journal“ in Erwägung, Teile der unter dem Namen Obamacare umgesetzten Reform des Gesundheitssystems beizubehalten). Kurz: Er will das Rad der Geschichte zurückdrehen.
Aber Trump wurde nicht nur von den Hillbillys, den Hinterwäldlern der rückständigen ländlichen Regionen gewählt, sondern von vielen Wählern der Mittelschicht, um dem politischen Establishment eins auszuwischen. Letzteres repräsentierte niemand so sehr wie Hillary Clinton. Trump polterte gegen die Washingtoner Arroganz und alles, was elitär ist. Dass er bisher kein politisches Amt ausgeübt hat, war sein Plus. Da spielte es keine Rolle, dass er als Immobilienmogul und Boss eines Mischkonzerns selbst der Elite angehört. Als er in den Wahlkampf gegen Clinton zog, forderte er, die Demokratin ins Gefängnis zu werfen. Doch kaum jemand glaubte, dass er mit seinem Vulgärpopulismus durchkommen würde. Er blieb ein Außenseiter und Clinton haushohe Favoritin. Mit seinem Sieg rechneten die wenigsten.
Es ist nicht nur Hillbilly gegen Hillary, und der Kulturkampf findet nicht nur in Amerika statt.
Seine Versprechen sind groß: „Make America Great Again“ heißt Trumps Schlachtruf. Es wird sich zwar einiges ändern: Seine Außenpolitik dürfte aber eine Fortsetzung dessen sein, was schon unter Obama in Maßen begann: Amerikas Rückzug auf sich selbst. Sein Slogan „America first“ bedeutet, dass er die Interessen der USA in der Welt knallhart verfolgen wird. Die Stunde null der amerikanischen Neuzeit hat damit geschlagen. Der Glockenschlag ist nationalistisch. Der künftige Präsident hat seine Geringschätzung von Nato und UN deutlich gemacht. Er steht für Mauern und Zölle. Und für eine Neuverhandlung von Freihandelsabkommen. Die internationale Politik wird künftig um einige Unwägbarkeiten bereichert. Zu befürchten ist jedenfalls, dass die USA aus dem Weltklimavertrag aussteigen. Trump hält ihn schlicht „schlecht fürs Geschäft“.
Die Gefahr besteht, dass Trumps Erfolg andere autoritäre Staatsmänner wie Viktor Orbán und Wladimir Putin sowie rechtspopulistische Politiker wie Marine Le Pen und Geert Wilders beflügelt. Für sie ist der Trump-Sieg wie Doping. Als ersten britischen Politiker traf er nach der Wahl ausgerechnet den Brexit-Vorkämpfer und früheren Ukip-Chef Nigel Farage. Nicht wenige sehen das Zeitalter der Demagogen eingeläutet. Ähnlich wie die europäischen Rechtspopulisten fischte Trump im Gewässer jener „vergessenen Männer und Frauen“, die Angst vor dem sozialen Abstieg haben. Für die Verfechter von Demokratie und Rechtsstaat ist sein Triumph eine Warnung mit dem Zaunpfahl und zeigt, wie gefährdet die offene Gesellschaft sein kann.
Eine Gefahr ist jedoch auch Trumps Unberechenbarkeit. Er hat in vielen politischen Fragen allerlei gegensätzliche Meinungen vertreten. Alles ist vorstellbar. Was wird er tun? Es ist schwer abzuschätzen, wie weit ihm die republikanische Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses folgt. Schwerwiegende Folgen wird jedenfalls die anstehende Neubesetzung des Obersten Gerichtshofes haben, des Supreme Courts. Doch welche Folgen wird Trumps Sieg für das politische System und die amerikanische Gesellschaft haben? Vertieft sich deren Spaltung? Trump hat Zwietracht gesät – und den Sieg geerntet. Die Geister, die er rief, sind Hass und Intoleranz. Nach seiner Wahl mehrten sich Berichte von rassistischen Übergriffen. „Die Geister, die ich rief, werd´ ich nun nicht los“, heißt es in Goethes Zauberlehrling. Trump muss jetzt vom Wahlkampf- auf den Präsidentschaftsmodus schalten. Er selbst ist nun „Apprentice“, der Lehrling. Sollte er die Geister, die er rief, nicht mehr loswerden, kann es für ihn nach vier Jahren nur heißen: „You´re fired!“


