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Edito: Die Kurve kriegen

Jährlich grüßt der Klimagipfel, dieses Jahr aus Schottland. Die UN-Weltklimakonferenz in Glasgow (COP26) wurde im Vorfeld als „letzte Chance“ für die Rettung der Welt bezeichnet. Der britische Premierminister Boris Johnson wies darauf hin, dass es eine Minute vor Mitternacht auf der „Doomsday Clock“ sei, der Weltuntergangsuhr. Zumindest meinte es der Himmel in der ersten Hälfte des zweiwöchigen Gipfels gut und zeigte sich hellblau und sonnig. Auch klangen die ersten Meldungen mehr heiter als wolkig: Indiens Ministerpräsident Narendra Modi legte den Klimaplan seines Landes vor, das bis 2030 die Hälfte des Energiebedarfs mit erneuerbaren Energien decken und 2070 klimaneutral sein will.

Alles eitel Sonnenschein, so scheint es. Delegierte berichteten von „unglaublich konstruktiven“ Gesprächen in der ersten COP-Woche. Jeden Tag gab es eine gute Nachricht: Am Dienstag verpflichteten sich etwa hundert Staaten, den Ausstoß von Methan um 30 Prozent zu senken und Länder wie Brasilien versprachen, bis 2030 die Entwaldung zu stoppen – die Realität sieht dort momentan anders aus; am Mittwoch gab die Finanzindustrie bekannt, künftig 40 Prozent der weltweiten Investments klimaneutral einzusetzen; am Donnerstag zeigten sich neue Allianzen zum weltweiten Kohleausstieg; am Freitag wurde bei einer Kundgebung von „Fridays for Future“ in Sprechchören ein Systemwechsel und ein höheres Tempo im Kampf gegen den Klimawandel gefordert.

Am Samstag meinte es das schottische Wetter nicht mehr ganz so gut. Am River Clyde wehte ein starker Wind und ein Regenschauer durchnässte die Demonstranten bei ihrem Zug durch die Glasgower Innenstadt. Zu wenig und zu langsame Fortschritte bringe die Klimakonferenz. Von zu viel „business as usual“ und „Blabla“ sprach „Fridays for Future“-Ikone Greta Thunberg. Wird der Gipfel ein Flop? Einige Umweltschützer sehen das anders. Schließlich sei eine COP („Conference of the Parties“) eine Gelegenheit, bei der die reichen Industriestaaten direkt mit den Problemen der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder konfrontiert würden.

Für Lippenbekenntnisse ist keine Zeit mehr.

Die COP26 ist sozusagen die Stunde der Wahrheit für das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015, welches jedem Staat seinen Beitrag zum globalen Klimaschutz freigestellt hat. Doch weder die Freiwilligkeit der Staaten noch die auf die einzelnen Menschen zielenden Moralpredigten halten den Klimawandel auf. Bei weitem nicht alle Menschen können sich den Verzicht leisten. Weil sie nichts haben, auf das sie verzichten können. So bleibe nichts anderes als strenge Regeln und Verpflichtungen. Dabei wurde das Versprechen, die globale Erderhitzung bis zum Jahr 2100 auf höchstens 1,5 Grad Celsius über die Mitteltemperatur von 1850 steigen zu lassen, also zu vorindustriellen Zeiten, zur Messlatte, zum Maß aller Dinge. Ursprünglich war von zwei Grad ausgegangen worden. Nach einem Gutachten des Weltklimarates (IPCC) würde dies jedoch nicht reichen: Praktisch alle Korallenriffe würden absterben, der Meeresspiegel um zehn Zentimeter steigen, einige hundert Millionen Menschen würden ihre Heimat verlieren und wären von Armut bedroht.

Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müssten sich laut IPCC-Berechnung die weltweiten Emissionen zwischen 2010 und 2030 halbieren. Doch der Ausstoß aus fossilen Brennstoffen ist weiter gestiegen, die Konzentration von CO2 in der Atmosphäre hat seit Paris zugenommen, und die globale Durchschnittstemperatur klettert und klettert. Außerdem sind die Industriestaaten mit ihrem Versprechen, jährlich 100 Milliarden US-Dollar für Klimaschutz in armen Ländern bereitzustellen, im Zahlungsrückstand. Das Pariser Abkommen war ein Meilenstein, doch seine Unterzeichner haben bislang versagt, indem sie wertvolle Zeit verstreichen ließen. Dabei hat der Klimawandel längst die reichen Länder erreicht. Schnelles Handeln ist erforderlich. Der Bewegung „Fridays for Future“ bzw. „Youth for Climate“ sowie Nichtregierungsorganisationen, Forschungsinstituten, Universitäten, Think-Tanks und Stiftungen geht es berechtigterweise nicht schnell genug. Auch Banken, Investmentfonds und Unternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt. Nun müssen die Regierungen liefern. Es ist keine Zeit mehr für Lippenbekenntnisse, sondern höchste Zeit für den Ausstieg aus der Kohle. Es muss Schluss sein mit Subventionen für fossile Brennstoffe! Auch brauchen Emissionen einen Preis! Die Investitionen in saubere Energiealternativen und ins Energiesparen müssten drei bis vier Mal so hoch sein. Nur so ist die Kurve noch zu kriegen.

Text: Stefan Kunzmann // Foto: The White House

Author: Philippe Reuter

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