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Edito: Die Macht der Gewohnheit

„Du musst dein Leben ändern.“ Mit diesen Worten endet das Gedicht „Archaischer Torso Apollos“ von Rainer Maria Rilke. Mit diesen Gedanken beginnen viele Menschen auch das neue Jahr. Doch jedes Jahr stellen wir fest, wie schnell die guten Vorsätze zu Neujahr an der eigenen Trägheit, an mangelnder Selbstdisziplin und Willenskraft scheitern. An der Macht der Gewohnheit. Zum Jahreswechsel hat die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) darauf hingewiesen, dass die Menschen 40 bis 50 Prozent ihrer Handlungen gewohnheitsmäßig erledigen. Wenn schon der einzelne Mensch daran scheitert, sich über längere Zeit an seine guten Vorsätze – wie weniger Fleisch zu essen oder weniger Alkohol zu trinken, gesünder oder umweltbewusster zu leben – zu halten, wie soll es dann einer größeren Gruppe gelingen, alte Gewohnheiten abzulegen? Und wenn sich schon der Einzelne bei jeder Gelegenheit mit den Worten „Ich würde ja gerne, aber…“ herausredet, wie soll sich dann die Menschheit vor dem Klimakollaps retten?
Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat zu Weihnachten ausnahmsweise etwas Optimismus verbreitet: „Der Umbau hat begonnen. Was allein die Europäische Union in den vergangenen Jahren gesetzgeberisch und reformerisch in dieser Richtung geleistet hat, ist (…) von globaler Bedeutung und historischer Tragweite bis weit in die Zukunft hinein.“ Die schlechte Nachricht wurde aber gleich mitgeliefert: „Rund um den Globus wollen gesellschaftliche Mehrheiten, vor allem in den reichen Ländern, ihren Way of Life nicht noch weiter infrage gestellt sehen.“

Angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit bedarf es engagierter Demokraten.

Die Pandemie ist eine Belastungsprobe für die einzelnen Menschen, für die Gesellschaft und für den Staat. Der weitaus größere Kraftakt dürfte jedoch der Kampf gegen den Klimawandel sein. „Dieses Jahrzehnt ist das wohl entscheidende Jahrzehnt für die Bewältigung der Klimakrise“, schreibt Albrecht von Lucke. „Es ist damit aber auch das entscheidende Jahrzehnt für die Bewältigung der Demokratiekrise.“ Der Politologe wirft die Frage auf: „Gelingt uns die Rettung des ökologischen und zugleich des demokratischen Systems?“ Aktuell ist die Demokratie durch die Corona-Pandemie einem Stresstest ausgesetzt. Dauerhafter ist sie durch äußere (etwa Russland und China) und innere Gegner (zurzeit vor allem Rechtspopulisten und Rechtsextremisten sowie Islamisten) gefährdet. Feinde hatte die Demokratie schon immer. Die Auseinandersetzung mit ihnen ist eine ständige Herausforderung, eine „demokratische Pflicht“, so Stefan Kornelius. Der SZ-Politikressortleiter weist darauf hin, dass Demokraten zur Bequemlichkeit neigen, „weil sie ihr System für den Gipfel der politischen Evolution halten“. Er weiß: „Demokratie aber ist kein Zustand, sondern Arbeit.“

In der Tat ist Demokratie „work in progress“. Dafür bedarf es der Ausdauer – und des Pflichtbewusstseins. „Kann unsereins auch pflichtbewusst sein?“, fragt Peter Unfried in der in Berlin erscheinenden „tageszeitung“ (taz). Der taz-Chefreporter weiß, dass die Pflichten „im Zeitalter der Liberalisierung und Individualisierung nicht nur zurückgedrängt“ wurden, sondern bei Liberalen und Linken als autoritär und spießig gelten. Er weist darauf hin, dass sich selbst Progressive mittlerweile nach Regeln sehnten und bezieht sich auf einen Artikel des Soziologen Andreas Reckwitz in der Wochenzeitung „Die Zeit“ mit dem Titel „Die Pflicht ruft“.

Dass Freiheit nicht nur die „Freiheit zur Unvernunft“ (Unfried) ist, sondern vor allem die „Einsicht in die Notwendigkeit“, wusste schon der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel. In welche Richtung das Pendel ausschlägt, muss in einer demokratischen Streitkultur verhandelt werden. Nicht verhandelbar ist die Demokratie selbst. Diese befinde sich am Kipppunkt, so von Lucke. „Offensichtlich führt die zunehmende Machtlosigkeit der demokratischen Politik zu einem enormen Schwund der Autorität“, stellt er fest, „dass die Loyalität zum demokratischen System weiter erodiert“. In einer Zeit der zunehmenden Polarisierung in der Gesellschaft wächst die Gefahr der Erosion. Daher bedarf es umso mehr engagierter, ausdauernder und pflichtbewusster Demokraten, die in der Lage sind, ihre bisherigen Gewohnheiten zu ändern. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen, unseren Lesern, ein gutes neues Jahr!

Text: Stefan Kunzmann // Foto: Julien Garroy (editpress)

Author: Philippe Reuter