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Edito: Ein neuer Trend?

Der Rücktritt von Carole Dieschbourg könnte ungeachtet der Tatsache, wie es für die Ex-Ministerin in dieser Affäre weitergeht, noch für Nachwehen sorgen. Vor allem für die grüne Partei ist das Ausscheiden Dieschbourgs ein nächster Schlag, den es zu verkraften gilt. Dabei zeigt die Nominierung von Quereinsteigerin Joëlle Welfring als Dieschbourg-Nachfolgerin erneut ein Problem von zahlreichen Parteien hierzulande: Die Personaldecke ist dünn.

Dass „déi gréng“ die Chance verstreichen lassen würden, einen Dieschbourg-Nachfolger ins Rampenlicht zu rücken, in dem dieser zu Ministerehren kommt, war in Hinblick auf das Wahljahr 2023 kaum denkbar. Damit schien die Option Claude Turmes endgültig zum „Superminister“ mit den grünen Kernthemen (wie Umwelt, Energie und Klima) mutieren zu lassen, aus dem Spiel. Wahrscheinlich auch, weil Turmes selbst – und dafür braucht man nur in die Kommentarspalten auf Internetseiten oder in die Sozialen Medien einzutauchen – für viele Bürger irgendwie eine Reizfigur ist.

Ob Joëlle Welfring genug politisches Fingerspitzengefühl hat und ob die Zeit bis Oktober 2023 für sie ausreicht,
um sich ausreichend beim Wähler zu profilieren und zu punkten, bleibt abzuwarten. Im Südbezirk, wo die Technokratin antreten wird, fehlen mit Félix Braz und Roberto Traversini die zwei Erstgewählten von 2018, die zusammen bei der letzten Wahl mehr als 44.000 Stimmen für „déi gréng“ einfahren konnten. Noch erstaunlicher – ungeachtet der Kompetenzen der neuen Ministerin – scheint der Schritt von „déi gréng“, wenn man sich anschaut, dass es in den eigenen Reihen durchaus potenzielle Nachfolgerinnen für Carole Dieschbourg gegeben hätte. Als Außenstehender kann man sich nämlich durchaus fragen, wieso man nicht Politikerinnen wie Stéphanie Empain, Chantal Gary oder Djuna Bernard zugetraut hat, Ministerin zu werden.

Der DP-Kniff (Pierre Gramegna und Yuriko Backes lassen grüßen) sich Quereinsteiger ins Boot zu holen, mag zwar legitim sein, allerdings sollten Parteien auch darüber nachdenken, ob man damit nicht die Leute in den eigenen Reihen mittel- bis langfristig verprellt. Wenn Parteien nämlich mit beachtlicher Regelmäßigkeit einfach politisch unbefleckte Technokraten und Technokratinnen auf hohe Posten katapultieren, diese allerdings überhaupt keinen Partei-Stallgeruch besitzen (geschweige denn wissen, wie die Partei im Alltagsgeschäft funktioniert), führen sie ihre eigene Jugendarbeit ad absurdum.

So oder so, Welfring hat sich als Zugpferd vor den grünen Karren spannen lassen und muss rasch eingearbeitet sein, schließlich dürfte bereits im Herbst dieses Jahres der Wahlkampf so langsam an Fahrt aufnehmen, und spätestens dann wird die Opposition den Schongang gegenüber der neuen Ministerin progressiv zurückschrauben. Ein politisches „Greenhorn“ (wie das Tageblatt Joëlle Welfring betitelte) darf man dann nicht mehr sein…

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Dario Herold

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