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Edito: Grabenkämpfe

Das Coronavirus hat nicht nur Menschen erkranken und sterben lassen, sondern auch scheinbar dafür gesorgt, dass ein Großteil der Menschheit dünnhäutiger, reizbarer, aggressiver und unversöhnlicher geworden ist. Die Sozialen Medien fungieren dabei als eine Art Katalysator, der täglich zeigt, wie erwachsene Menschen ziemlich emphatielos aus Angst vor einem Virus und einer Impfung ihren Hass durch den digitalen Äther jagen und auch nicht davor zurückscheuen, bei (unangemeldeten) Demos und Montags-Spaziergängen ihrem Unmut wahlweise mit Schwurbel-Parolen und/oder Böllern Luft zu machen. Egal ob in Luxemburg, Deutschland, Frankreich oder Belgien, die Bilder und Vorgehensweisen ähneln sich.

Immer ganz nach dem Motto: Hauptsache dagegen!

Doch auch, wenn sich herauskristallisiert, dass die Pandemie dieses Phänomen des Hasses innerhalb der Gesellschaft noch einmal verstärkt hat, so loderte dieser schon lange vor dem Jahr 2020 in der westeuropäischen Gesellschaft. Denn vor Corona ärgerten sich viele Wutbürger gerne über andere Dinge im Internet. Vom Klimawandel bis zu Migrationswelle war alles dabei, was die Aktualität zu bieten hatte. Alles immer mit dem Fokus darauf, möglichst reißerische und steile Thesen zu verbreiten, an denen in der Regel kaum ein Funke Wahrheit dran ist. Und so verwundert es auch nicht, dass hierzulande, im Zuge der Verfassungsreform, ein Teil der Referendums-Befürworter und Mitglieder des „comité d’initiative“ – als sie merkten, dass dieses Fell schneller davonschwamm, als ein ausgewachsener Segelfisch – im Internet rasch zu den Wortführern in Sachen Coronapolitik und einer etwaigen Impfpflicht mutierten. Alles, um krampfhaft an „15 Minutes of Internetfame“ zu kommen und immer ganz nach dem Motto: Hauptsache dagegen! Dass fundierte Sachkenntnis dabei längst zu einem scheinbar unwichtigen Anhängsel degradiert wurde, ist ein Kollateralschaden, der unser Zusammenleben und unsere Diskussionskultur auf längere Zeit prägen wird.

Auch, weil auf politischer Ebene mittlerweile Parteien vom rechtspopulistischen Rand sich diesem Teil der Bevölkerung verstärkt annehmen und nicht davor zurückschrecken bewusst die gereizte Stimmung weiter anzuheizen, alles mit dem Ziel sich als Stimme des Volkes zu inszenieren. Auch dies ist kein neues Phänomen, und auch wenn die Pandemie (hoffentlich bald) Schnee von gestern ist und zu einer Endemie übergegangen ist, müssen wir uns wohl oder übel daran gewöhnen, dass die gesellschaftliche Spaltung und damit unser Zusammenleben nachhaltig durch die Krise verändert wurde. Ob sie je wieder zu kitten sein wird, hängt sicherlich auch damit zusammen, ob die Politik es schafft pragmatische und schnelle Antworten auf wichtige gesellschaftliche Fragen zu finden und so den Populisten das Wasser abzugraben. Denn auch, wenn sie aktuell weniger im Fokus der Aktualität stehen, sollten Klimawandel, Wohnungsbau und soziale Ungerechtigkeiten mindestens so Ernst genommen werden wie die Pandemie. 

Author: Philippe Reuter

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