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Edito: Im Steinbruch der Geschichte

Die Geschichte ist wie ein Steinbruch. Hinter jeder Gesteinsschicht offenbaren sich weitere Schichten. Daraus entwickelt sich eine Archäologie des Wissens. Eine neue Generation luxemburgischer Historiker hat in den vergangenen zehn Jahren Beachtliches geleistet, um etwa die Kollaboration von Luxemburgern während der deutschen Besatzungszeit und bei der Judenverfolgung zu beleuchten. Wie anhand zweier aktueller Ausstellungen zu sehen ist, gibt es weitere Forschungsfelder, die zu erkunden junge Geschichtswissenschaftler auf den Plan gerufen hat: „Luxemburgs koloniale Vergangenheit“ im Nationalen kunsthistorischen Museum (MNHA) und „D’Koreaner aus dem Lëtzebuerger Land“ im Nationalen militärhistorischen Museum (MNHM).

Erstere zeigt, „dass das Thema Kolonialismus nicht nur für Länder, die über Kolonialbesitz verfügten, relevant ist“, stellt der Geschichtsdoktorand Kevin Goergen, der an einer Studie über die kolonialistische Vergangenheit Luxemburgs des Centre for Contemporary and Digital History (C2DH) arbeitet, in seinem Beitrag über „Koloniale Verflechtungen Luxemburgs“ im Tageblatt fest. Die koloniale Herrschaft sei „vielschichtig und komplex“ gewesen, schreibt er. „Eine globalhistorische Analyse“ ermögliche es nun, „Luxemburg als Teil der kolonialen Metropole zu begreifen und (…) die Einflüsse des Kolonialismus auf die luxemburgische Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur zu untersuchen“. Luxemburg als „Trittbrettfahrer“ des Kolonialismus zu betrachten, greife zu kurz.

Die Diskussionen über Kolonialismus und Rassismus sind wichtige Schritte, sie dürfen nicht die einzigen sein.

Goergen attestiert Luxemburg ein fehlendes Problembewusstsein der eigenen kolonialen Vergangenheit. Dass dies so ist, zeigte das vom MNHA organisierte Rundtischgespräch „Lëtzebuerg: e koloniale Staat?“ vor gut einem Monat. Der Rassismus habe sich wie ein „roter Faden“ durch die Veranstaltung gezogen, schrieb Isabel Spigarelli in der woxx. Die Table Rond „hielt nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der Politik den Spiegel vor“, so die Journalistin. Das Gespräch offenbarte zudem, wie zögerlich die Regierung mit dem Thema umgeht. Wirtschafts- und Kooperationsminister Franz Fayot etwa hielt eine offizielle Entschuldigung Luxemburgs für die Beteiligung an Kolonialverbrechen für problematisch.

Dass die Frage nach Luxemburgs kolonialer Vergangenheit sensibel sei, weil sie die Fundamente unserer Gesellschaft hinterfrage, wird Sandrine Gashonga zitiert, Mitbegründerin der antirassistischen Organisation „Lëtz Rise Up“. Die koloniale Vergangenheit zu erforschen, bedeute schließlich auch zu sehen, wie der Reichtum von heute einige dunkle Seiten hat, weil er auf Sklavenarbeit und Ausbeutung aufgebaut war.

Der Präsident von Fairtrade Luxemburg, Jean-Louis Zeien, wies kürzlich bei einer Pressekonferenz darauf hin, „dass sich der Staat tatsächlich auch aktiv an der Unterstützung kolonialer Projekte mit staatlich subventionierter Kolonialpropaganda beteiligte“. Er fügte hinzu, dass Kaffee eine der „Kolonialwaren par excellence“ gewesen seien. Dass damit Ausbeutung und Sklaverei verbunden waren, ist bis heute nicht vergessen. Dies kann Joachim Munganga bestätigen, der zu Gast in Luxemburg war. Als der Präsident der kongolesischen Solidarité paysanne pour la Promotion des Actions café et développement intégral (Sopacadi) 1959 zur Welt kam, war seine Heimat noch eine Kolonie.

Ausbeutung, Sklaverei und Zwangsarbeit gibt es noch heute. Sie sind die „offenen Adern“ – nach dem vor gut 50 Jahren erschienenen, auf Lateinamerika bezogenen Buch des uruguayischen Schriftstellers Eduardo Galeano – der Nord-Süd-Thematik, wie die erschreckende Ungleichheit, die in Zeiten von Pandemie und Krieg noch größer zu werden droht. Umso wichtiger ist es, den „Teufelskreis in einer globalisierten Ökonomie immer mehr zu durchbrechen“, wie Zeien forderte.

Auf die luxemburgische Rolle im Kolonialismus bezogen, bedeuten Ausstellungen wie jene über den Kolonialismus und Luxemburgs Rolle, begleitende wissenschaftliche Studien und Diskussionen wie über Rassismus und die Verantwortung von Unternehmen für die Einhaltung von Menschenrechten in den Lieferketten wichtige Schritte nach vorn. Begleitet von einer gesellschaftlichen Debatte, können und dürfen sie nicht die einzigen gewesen sein.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold