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Edito: Kontrolle ist gut

Das Wetter der letzten Wochen war für Fahrradfahrer der reinste Genuss. Denn egal, ob Pendler oder sportlich ambitionierte Hobbyfahrer, es gibt nichts Besseres, als bei schönem Wetter mit dem Drahtesel unterwegs zu sein. Wie entspannt eine solche Ausfahrt oder das Pendeln ist, hängt natürlich davon ab, welche Route man wählt und welche Wege man als Ziel anvisiert. Denn Konfliktpotential zwischen Rad- und Autofahrern im normalen Verkehr gibt es zur Genüge, vor allem wenn beide sich ein Duell in Sachen Engstirnigkeit, Intoleranz und asozialem Verhalten liefern.
Zwar monieren viele Autofahrer – man braucht sich nur eine x-beliebige Kommentarspalte unter einem Pro-Fahrradartikel anzuschauen –, die Zweiradfahrer seien systematisch alles Rüpel, die ohne Sinn und Verstand jede rote Ampel überfahren und über Bürgersteige heizen würden, doch dies entspricht natürlich einer verzerrten Wahrnehmung. Auch wenn es selbstverständlich bei Radfahrern einen gewissen Prozentsatz an schwarzen Schafen gibt.

Fakt ist allerdings, Radfahrer sind – nach Fußgängern – das schwächste Glied in der Verkehrskette, und solange es keine vollwertigen und durchgehenden Radwege (auch im urbanen Umfeld) gibt, müssen Autofahrer dazu angehalten werden, Radfahrern mit Respekt zu begegnen. Auch deshalb wurde im Jahr 2018 eine 1,50-Meter-Abstandsregel für das Überholen von Fahrradfahrern eingeführt. Man muss allerdings nicht wirklich oft mit dem Zweirad auf den Straßen des Großherzogtums unterwegs zu sein, um zu merken, dass diese Regel alles andere als in den Köpfen der Mehrheit der Autofahrer angekommen ist.

Die Frage ist natürlich, was ein Gesetz bringen soll, das nicht kontrolliert werden kann.

Verständlich, dass sich Ende Mai der Piraten-Abgeordnete Sven Clement mittels parlamentarischer Anfrage beim Polizeiminister Henri Kox (déi gréng) erkundigte, wie viele Autofahrer wegen der Nichteinhaltung dieses gesetzlich vorgesehenen Abstands von der Polizei im letzten Halbjahr protokolliert wurden. Die Antwort des Ministers fiel knapp aus: keiner. Dies ist allerdings viel weniger auf das vorbildliche Auftreten aller Autofahrer zurückzuführen als auf die pauschale Tatsache, dass die Polizei keine richtigen Kontrollmöglichkeiten habe, wie Kox auf eine zweite Anfrage von Clement zugeben musste. Die Frage ist natürlich, was ein Gesetz bringen soll, das nicht kontrolliert werden kann. Wie Mobilitätsminister François Bausch vergangene Woche erklärte, soll ab 2023 kontrolliert werden…

Die sanfte Mobilität im Alltag hat – Pandemie und Energiekrise sei Dank – auf jeden Fall den Wind in den Segeln, und immer mehr Menschen entdecken die Vorteile des Radfahrens, auch zum Pendeln. Initiativen wie der Vëlosummer, der dieses Jahr in die dritte Runde geht, und Pop-up-Fahrradpisten, wie etwa in Esch/Alzette, sind zwar nett gedachte Ideen, damit das Fahrrad aber weiter an Attraktivität gewinnt, muss weiterhin konsequent an der Infrastruktur gearbeitet werden, dazu gehört auch, den Fahrradfahrer zu schützen – auch durch polizeiliche Kontrollen. Denn bekanntlich ist Vertrauen gut, Kontrolle aber besser…

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Dario Herold