Wieder ist eine Woche vergangen in der Zeit von Corona. Das Virus SARS-CoV-2 hat die Welt im Griff. Es ist dabei, die Gesellschaften auf längere Sicht zu verändern – so wie andere Pandemien, Hungersnöte und Naturkatastrophen zuvor. Das Coronavirus ist nicht zu riechen und nicht zu schmecken, sein zerstörerisches Ausmaß noch nicht abzusehen. Es ist ein unsichtbarer Feind. Die Menschheit befindet sich in einem globalen Ausnahmezustand, wie sie ihn in ihrer Gesamtheit seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erfahren hat. Sie erlebt das Virus als globale Bedrohung und fürchtet um Gesundheit und Leben. Die Reaktionen in den einzelnen Ländern ähneln einander und sind doch unterschiedlich. Die radikale Isolierung in der chinesischen Millionenstadt Wuhan, dem Epizentrum der Pandemie, ist eine andere als die Ausgangsbeschränkung in den westlichen Demokratien.
Auf die Krise haben die einzelnen demokratischen Staaten, während sich viele nach außen abschotteten, nach innen bisher größtenteils mit Solidarität und Geschlossenheit reagiert, ihre Bürger haben die Einschränkungen mehrheitlich akzeptiert. Aber sind die demokratischen Gesellschaften auf längere Sicht für den Ausnahmezustand gemacht, wenn den Menschen Freiheiten genommen und Rechte gebeugt werden? Können sie den Druck aushalten? Wie viele Einschränkungen werden wie lange hingenommen? Hier zeigen sich bereits Unterschiede: Einige Länder sind besser vorbereitet und haben schneller reagiert als die anderen, in manchen sind die Gesundheitssysteme bereits an ihre Grenzen gelangt. Noch vertrauen viele Menschen den Institutionen ihres Staates und zeigen Verständnis, wenn Verwaltungsbehörden dem öffentlichen Leben eine Zwangspause verordnen und das Privatleben der Bürger reglementieren.
Freiheitsrechte und Recht auf Leben: Es gilt, Maß zu halten.
Aber wie lange noch kann die Wirtschaft stillstehen? Obwohl die Staaten tief in die Taschen greifen und damit versuchen, mit Milliarden-Hilfsmaßnahmen Unternehmen zu retten: Je länger der Shutdown dauert, desto tiefer wird der wirtschaftliche Absturz. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme in Mittel- und Osteuropa sowie der Sowjetunion vor etwa dreißig Jahren schien der Neoliberalismus gesiegt zu haben, der Staat sollte schrumpfen, der freie Markt übernehmen, die Finanzmärkte wurden dereguliert, die Rentenkassen privatisiert, die Gesundheitssysteme kaputtgespart. Nun bedeutet die Corona-Krise, nach der Finanzkrise 2008, eine erneute Zäsur: Der „freie Markt“ mit seinem System von globalisierten Lieferketten hat versagt – oder war gar nur eine Fiktion, weil er nur existieren kann, wenn ihn der Staat stützt. Was die Krise auch zeigt: An der Gesundheit darf nicht gespart werden, das Personal in den Kliniken und andere Helfer müssen ordentlich bezahlt und gewürdigt werden. Sie sind die Helden dieser Tage.
Wenn der Shutdown länger als einen Monat dauert, droht für viele Firmen die Pleite. Andererseits besteht die Gefahr, dass das Virus zurückkommt, wenn die Wirtschaft zu früh wieder anläuft. Wie unsicher die Lage ist, wie fragil die aufkeimende Hoffnung, zeigt Südkorea, das es schaffte, die Infektionen unter Kontrolle zu bringen – bis vor wenigen Tagen ein erneuter Anstieg gemeldet wurde. In China gab es mehrere Tage hintereinander – bis auf die „importierten“ Fälle – offiziell keine Neuinfektionen mehr, die Quarantäne im Epizentrum wurde schrittweise wieder aufgehoben. Mehrere Nachbarländer Chinas meldeten geringe Infektionszahlen oder zumindest niedrige Sterberaten, weil sie nach früheren Epidemien gut vorbereitet waren, ihre Krisenreaktionspläne modernisierten und in die Forschung investierten. Der autoritär regierte Stadtstaat Singapur erzielte durch strenge Isolation und „Contract Tracing“ Erfolge, indem Kontaktpersonen aufgespürt wurden.
Dass neben der wirtschaftlichen Folgen die gesellschaftlichen Nebenwirkungen der Massenquarantäne und Isolierung zu spüren sind, zeigten Untersuchungen, wie dramatisch die psychosozialen Folgen nach dem SARS-Ausbruch 2003 war: Ein Drittel der Personen, die an einer Studie teilnahmen, zeigten Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Doch generell dienen autoritäre Regime nicht als Vorbild. In Demokratien gilt es in vielerlei Hinsicht, Maß zu halten. Erinnert sei an das Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Das heißt zum einen, dass die Einschränkungen der demokratischen Freiheitsrechte ihre Grenzen haben müssen, und zum anderen, dass die Freiheitsrechte eines Einzelnen das wichtigste Grundrecht, das Recht auf Leben, nicht gefährden dürfen.



