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Edito: Multi-Krise

Begeben wir uns auf eine Zeitreise: Im Jahr 2040 wird Fleisch im Labor gezüchtet, Äpfel und Kirschen sind Luxuswaren, die viele Kinder nur noch aus dem Internet kennen. Denn alle Versuche, die Obstbäume mit Drohnen zu bestäuben, sind gescheitert. Die Pflanzen werden manuell befruchtet, und die Wälder sind aufgrund von Krankheitserregern gesperrt. Die Aussicht, die der Allgäuer Agrarbiologe und Schmetterlingsforscher Josef Settele in seinem Buch „Die Triple-Krise: Artensterben, Klimawandel, Pandemien“ bietet, macht wenig Hoffnung. Dabei ist vieles darin weniger ein Untergangsszenario als ein aktueller Bericht über den Zustand der Erde.

Corona hat die Welt seit mehr als einem Jahr im Griff und wird auch nicht die letzte Pandemie gewesen sein, der Kampf gegen den Klimawandel dauert schon länger und ist ein Wettrennen gegen die Zeit, und laut Bericht des Weltdiversitätsrates könnten in den nächsten Jahren rund eine Million Arten verschwinden, wenn sich der Zustand unserer Ökosysteme weiter so dramatisch verschlechtert wie bisher. Die ökologische Krise wird vielfach unterschätzt oder verdrängt, auch wenn Klima- und Naturschutz längst auf der politischen Agenda stehen, alljährlich an ihre Dringlichkeit erinnert wird und sie im kollektiven Bewusstsein der Bürger angekommen sind – denn nicht selten treten sie miteinander in Konflikt: wenn zum Beispiel Windkraftprojekte aufgrund von Brutplätzen von Greifvögeln aufgegeben werden müssen. Naturschutz trifft auf Energiewende, ein grünes Dilemma.

Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet.

Die Triple-Krise global zu bewältigen, ist nicht zuletzt deshalb ein schwieriges Unterfangen, weil die Krisenbewältigung nicht als ganzheitliches demokratisches Unterfangen begriffen wird. In Teilen der Bevölkerung und besonders in rechten Kreisen ist von einer Ökodiktatur die Rede und werden Klimaschutz und Pandemiebekämpfung als Beweise staatlicher Willkür gedeutet. Rechtspopulisten, sogenannte Klima-Leugner und Corona-Skeptiker sehen sich in einem Boot sitzend, in ihrer persönlichen Freiheit beeinträchtigt und als Widerstandskämpfer gegen die „grünen Khmer“, so die Lobbyorganisation „EIKE“, die den wissenschaftlichen Konsens über die menschengemachte globale Erwärmung ablehnt. Ihr Motto: „Nicht das Klima ist bedroht, sondern unsere Freiheit.“
Auch christdemokratische Politiker wie jene aus der „Werteunion“, einer rechtslastigen Splittergruppe der deutschen CDU, warnen vor einer angeblichen „Klimahysterie“, und das US-amerikanische konservative „Heartland Institute“, das sich dem Abbau von Umwelt- und Klimaschutzvorschriften verschrieben hat, nennt das Netzwerk von Klimaaktivisten und Verfechtern der erneuerbaren Energien schlichtweg die „grüne Maschine“.

Entgegen der allgemeinen Annahme, die Klima- und Umweltbewegung sei per se eine linke Bewegung, sollte nicht vergessen werden, dass es auch einen Umweltschutz von rechts gibt: Nach dem Motto „Rettet die Natur, rettet die Heimat“ bedient sich diese rechte, reaktionäre Ökologie der Globalisierungskritik ebenso wie antimodernistischer und rassistischer Muster. Sie orientiert sich an den konservativen und „völkischen“ Ursprüngen des Umweltschutzes.

Diese verengte Auslegung des Klima- und Naturschutzes widerspricht dem emanzipatorischen Anspruch, den die weltweite Klimagerechtigkeitsbewegung hegt. Diese betrachtet die Klimakrise nicht nur als Umweltproblem. Initiativen wie „System Change not Climate Change“ kämpfen für einen radikalen Systemwandel. Ihnen geht es auch um die Frage der sozialen Gerechtigkeit und um Alternativen zu den bestehenden Verhältnissen. Der Kampf für Klimagerechtigkeit ist demnach auch ein Kampf gegen Rassismus und Nationalismus.

Zur Triple-Krise, in der die Regierenden vor allem dem Rat von Wissenschaftlern folgen, kommt die Krise der Demokratie. Im Kampf gegen die Corona-Pandemie, in der Virologen und Epidemiologen den Regierenden das Rüstzeug fürs politische Krisenmanagement liefern, wie auch in der Klimakrise „ist wissenschaftliche Expertise die zentrale Ressource“, stellt der Soziologe Alexander Bogner fest. In seinem Buch „Die Epistemisierung des Politischen“ hat er untersucht, „wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet“. Politische Streitfragen werden als Wissenskonflikte verhandelt. Unterdessen nimmt im Gegenzug die Wissenschaftsfeindlichkeit zu und blühen Desinformation und alternative Fakten. „Was dabei womöglich auf der Strecke bleibt“, so Bogner kürzlich im „Spiegel“, „ist eine offene Debatte darüber, was für eine Zukunft wir überhaupt wollen.“ Gerade dieser Mangel an politischer Diskussion birgt eine Gefahr für die Demokratie.

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Author: Philippe Reuter

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