In einem Symphonieorchester spielt neben dem Dirigenten die erste Geige eine prominente Rolle und ist in der Hierarchie eines Orchesters direkt an der zweiten Stelle. Der verlängerte Arm des Chefs sozusagen. Doch damit das Orchester in seinem Ganzen reibungslos funktioniert, sind noch zahlreiche andere Musiker gefragt: Vom Paukenspieler bis zu dem Mann oder der Frau am Triangel trägt jeder sein Teil dazu bei, dass die Musik nicht zu einer Kakofonie mutiert.
In der Politik ist das nicht anders, die Regierung mit dem Premierminister als eine Art Chefdirigent ist genauso wichtig wie die Töne (also Meinungen) des letzten Hinterbänklers. Eine oft unterschätzte (vor allem aber äußerst unbeliebte) Rolle spielt dabei die Opposition. In einer funktionierenden Demokratie ist es Aufgabe und Pflicht der Parteien, die nicht am Regierungsgeschäft beteiligt sind, politische Alternativen zu entwickeln und diese zu thematisieren. Das ist in Krisenzeiten nicht anders, auch wenn es sicherlich nicht ganz einfach ist.
Überhaupt gibt es von der Regierungsbank sehr wenige schiefe Töne zu hören.
Die größte Oppositionspartei hierzulande scheint sich aber noch immer nicht ganz so recht mit dieser Rolle identifizieren zu können und macht in der aktuellen Krisenzeit nicht unbedingt die beste Figur. Wenn unter anderem CSV-Fraktionschefin Martine Hansen in Zeiten von „Social distancing“ fordert, Minister sollten in den unterschiedlichen Kommissionen physisch präsent sein und sich dann beschwert, weil auf den sozialen Netzwerken ein „Shitstorm“ über sie einbricht, dann fragt man sich, ob die CSV schrecklich gut beraten ist. Sich an solche Nichtigkeiten (in einer Zeit, wo viele nicht ihrem geregelten Job in gewohnter Manier nachgehen können) zu klammern, um auf sich aufmerksam zu machen, ist als würde der Triangelspieler während einer ganzen Symphonie wie wild im Sechszehntelrhythmus auf sein Schlaginstrument eindreschen – sprich: völlig deplatziert und unnötig. Dabei könnte man durchaus kritische Fragen aus der Opposition herausstellen, die sollten allerdings gut durchdacht sein, denn man bewegt sich zugegebenermaßen auf dünnem Eis.
Um bei der Metapher vom Orchester zu bleiben: Der „Dirigent“, also Xavier Bettel, zeigt sich in diesen Krisenzeiten als sehr staatsmännisch und sachlich. Bettel hatte zu Beginn seiner Premierminister-Zeit im Jahr 2013 dieses Format des Staatsmannes noch nicht und wirkte hin und wieder wie der sorglose, joviale Kumpel, der gleich um die Ecke wohnt. Aber „learning by doing“ funktioniert scheinbar auch in der Politik. Apropos lernen: Viel Zeit dazu hatte die „erste Geige“ in dieser Pandemie nicht. Paulette Lenert übernahm erst Anfang Februar den Posten als Gesundheitsministerin, zeigt aber einen Monat später, dass sie Herrin der Lage ist und wie ihr Regierungskollege Bettel mit Sachlichkeit zu punkten weiß. Überhaupt gibt es von der Regierungsbank sehr wenige schiefe Töne zu hören, entscheidend wird allerdings auch sein, welche politische Musik nach der Corona-Krise angestimmt wird. Und auch dann sind die Partituren der Oppositionsparteien nicht irrelevant.



