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Edito: Nicht einheitlich

Aktuell begleitet die Gesundheitsbehörde verschiedene Events hautnah, um herauszufinden, ob vielleicht alternative Modelle mit leicht abgeänderten Corona-Maßnahmen zu ähnlichen Resultaten führen könnten. Dazu gehörte auch der Auftritt von Luxemburgs Volkstroubadour Serge Tonnar in der Rockhalle. Bis zu 1.000 Menschen hätten maximal teilnehmen können, 600 hatten vor zwei Wochen den Weg nach Belval gefunden. So weit, so gut und sicherlich werden die gesammelten Erfahrungswerte bei solchen Veranstaltungen dazu führen, dass der Alltag irgendwann wieder normaler wird. Hoffentlich. Alle anderen müssen aus publikumstechnischer Sicht noch immer kleinere Brötchen backen.

„Evenementer sinn an dëser Phase vun der Pandemie ob 150 Leit limitéiert. Dat ass d‘Reegel“, hatte Gesundheitsministerin Paulette Lenert Mitte Mai erklärt. Auch, weil scheinbar zahlreiche Anfragen auf eine Ausnahmeregelung im Ministerium eingegangen waren. Und sie untermauerte noch einmal, dass nur sehr restriktiv Genehmigungen verteilt würden. Wie und welche Kriterien neben dem eingereichten Hygienekonzept für die Auswahl der Events – seien sie sportlicher oder kultureller Natur – gelten, um eine Sondergenehmigung zu erhalten, wurde nicht erklärt.

Inwieweit darf der Staat sich herausnehmen, darüber zu entscheiden, welchen Events eine Sondergenehmigung erteilt wird und welchem nicht?

Und genau hier drückt der Schuh. Inwieweit darf der Staat sich herausnehmen, darüber zu entscheiden, welchen Events – immer vorausgesetzt, das sanitäre Konzept passt – eine Sondergenehmigung erteilt wird und welchen nicht? Die Antwort ist so simpel wie pauschal: überhaupt nicht. Denn ein Staat, der sich dies herausnimmt, übt immer eine Art Zensur aus. Wer kann überhaupt abwägen, ob ein dieses Basketballspiel wichtiger ist, als jenes Fußballspiel? Wie will man beurteilen, ob das Konzert einer alternativen Hardcoreband nicht auch potenziell tausend Besucher verdient hätte?

Die Kultur wählte während der Pandemie notgedrungen den Weg der Digitalisierung der Live-Formate. Am Anfang wurden diese aus der Improvisation heraus geborenen Angebote auch dankend angenommen, schließlich boten sie die nötige Abwechslung vom monotonen Alltag mit Home-Office und Online-Meetings, doch Kultur lebt vom Live-Austausch zwischen dem Künstler – egal ob Theaterschauspieler oder Musiker – und seinem Publikum. Dass seit geraumer Zeit Kulturevents vor kleinerem Publikum möglich sind, ist nicht nur lobenswert, sondern auch wichtig für eine lebendige Kulturszene. Schließlich ist es für kaum einen Schauspieler oder Musiker besonders erstrebenswert nur zu proben, ohne eine Aussicht darauf zu haben, sein Können vor Publikum unter Beweis zu stellen. Und auch Sportevents entfalten ihre ganze Faszination inklusive der gesellschaftlichen Relevanz erst, wenn Publikum zugelassen ist.

Die Pandemie war und ist für alle Demokratien ein Stresstest. Leider wurde in vielen Ländern vergessen, dass Kultur und Sport auch Systemrelevanz haben und nicht nur die Funktion von gesellschaftlichen Sahnehäubchen erfüllen. Es wäre wünschenswert, dass der Staat in Sachen Lockerungen deshalb alle Veranstaltungen gleich behandelt, alles andere ist unfair.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Dario Herold

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