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Edito: Nicht zu fassen

Tote und Vermisste, eingestürzte Häuser und überflutete Dörfer. Es sind Szenen wie nach einer Monsun-Flut: Schlamm- und Wassermassen wälzen sich durch Ortschaften, spülen Autos fort, zerstören Gebäude und Brücken, Tausende Haushalte ohne Strom sowie abgerissene Verkehrsverbindungen. Die Bilder stammen nicht aus Bangladesch, sondern aus Europa. Die Zerstörung sei „nicht zu fassen“, sagt ein Feuerwehrmann, der nach Rheinland-Pfalz gekommen war, dem neben Nordrhein-Westfalen am schlimmsten von der Flutkatastrophe betroffenen Bundesland, um zu helfen. Er hat zwei Tage lang ohne Schlaf durchgearbeitet, zusammen mit seinen Feuerwehrkameraden und weiteren Freiwilligen. „Unfassbar“ sagt eine Frau, die sich gerade noch vor den Fluten retten konnte, aber ihr ganzes Hab und Gut verloren hat. Bis Sonntagabend waren es mehr als 150 Menschen, die ihr Leben ließen, und unzählige Verletzte. Andere Regionen Europas waren ebenfalls den Fluten ausgesetzt. Die Traumata der Überlebenden werden bleiben.

Auch die Benelux-Staaten waren vom Hochwasser betroffen. Luxemburg konnte jedoch trotz der großen materiellen Schäden in Gemeinden wie Echternach, Rosport und Vianden aufatmen. Einmal mehr ist von einem „Jahrhunderthochwasser“ die Rede ist. Erinnerungen an die verheerende Oder-Flut 1997 oder an das Hochwasser an Elbe und Donau 2002 werden wach. Dabei drängt sich die Frage auf: Wird es in den nächsten Jahren noch viele solcher Überschwemmungen geben? 2020 war es zu einer Hitzewelle und damit verbunden zu Dürre und Waldbränden gekommen, 2019 hatte ein Tornado im Süden Luxemburgs eine Schneise der Zerstörung geschlagen, dieses Jahr sind es unzähmbare Wassermassen: Es gilt als sicher, dass der fortschreitende Klimawandel einen deutlichen Einfluss auf solche Wetterereignisse hat. Er führt dazu, dass bestimmte Wetterlagen über einer Region verharren. Zu dem Starkregen kommt es infolge eines Tiefdruckgebiets, das sich in der Region regelrecht „festgefressen“ hat, wie Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung erklärt. Die Niederschlagsmenge habe zwar über lange Zeit kaum zugenommen. Bisher sei es jedoch nicht möglich, so das deutsche Umweltbundesamt, statistisch gesicherte Aussagen über Änderungen von Starkniederschlagsereignissen zu treffen. Auffällig hingegen seien die ex-tremen Niederschläge im Winter. Und es gibt eine Tendenz: Wenn der Regen fällt, dann intensiver.

Klimaschutz ist auch Katastrophen-schutz.

Zum Problem wird der Starkregen, wenn das Wasser nicht abfließen kann. Je weniger Raum es hat, desto größer sind die Schäden. Demnach ist das Hochwasserrisiko dort größer, wo mehr Flächen versiegelt werden. Das Wasser kann nicht versickern und fließt stattdessen rasend schnell in die Kanalisation oder Flüsse. Zusätzlich zum effizienten Katastrophenschutz bedarf es also einer nachhaltigen Politik. Forscher in Nordrhein-Westfalen haben herausgefunden, dass der Anteil der stark versiegelten Flächen in dem Bundesland innerhalb von 30 Jahren um etwa ein Drittel zugenommen hat. Als Gegenmaßnahme bedarf es daher einer verstärkten Renaturierung bzw. „grüner Infrastrukturen“. In dieser Hinsicht ist in Luxemburg in den vergangenen Jahren schon einiges unternommen worden. Doch reicht das aus? Zur Hochwasserbekämpfung und -prävention gehört eine kluge Infrastrukturpolitik und Landesplanung, die vor ökonomischen Belangen nicht zurückstecken darf. Besonders geschützt werden müssen Ortschaften in Tälern, die überschwemmungsgefährdet sind; Dörfer, Städte und Landschaften sollten wie Schwämme konzipiert werden. Wurde in den 1990er Jahren „It’s the economy, stupid!“ zum weltweit geflügelten Wort, muss es jetzt heißen: „It´s the environment!“ oder „It’s the climate!“ Ohne diesen Paradigmenwechsel gehen langfristig auch die Volkswirtschaften den Bach runter.

Es war vielleicht ein Zufall, wie die Süddeutsche Zeitung am Samstag schrieb, dass die EU-Kommission ausgerechnet vergangene Woche mit dem „Green Deal“ Vorschläge für einen grünen Umbau der europäischen Wirtschaft vorlegte: Mit einem ganzen Gesetzespaket – einem „sauberen Dutzend“ aus zwölf Gesetzen und Verordnungen – will die Brüsseler Behörde erreichen, dass die Europäische Union ihre Klimaziele für 2030 erreicht und 2050 klimaneutral ist. Es ist aber kein Zufall, dass die Naturkatastrophen in unseren Breiten häufiger werden, aber auch immer mehr Menschen aus noch stärker betroffenen Gegenden der Welt auswandern. Umso dringlicher ist gemeinsames politisches Handeln. „Unfassbar“ wäre es, wenn die EU dies versäumen würde. Denn Klimaschutz ist auch Katastrophenschutz.

Text: Stefan Kunzmann

Author: Philippe Reuter

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