Home » Politik & Wirtschaft » Editorial » Edito: Problematischer Evergreen

Edito: Problematischer Evergreen

Die Lage auf dem Immobilienmarkt spitzt sich seit langer Zeit zu. Die Preise für Häuser und Wohnungen steigen von Jahr zu Jahr, oft im zweistelligen Prozentbereich (2020 waren es 14,5 Prozent ) und auch die Mietpreise schnellen unaufhaltsam in die Höhe. Das Ganze passiert ganz unbehelligt von der Tatsache, dass seit Jahren massiv gebaut wird. Weil die Einwohnerzahl ebenfalls seit Jahren wächst, nimmt der Druck, der auf dem Markt lastet, unaufhörlich zu. Seit Jahrzehnten wird von Seiten der Politik versucht, der Problematik beizukommen. Doch bis jetzt konnte die irrsinnig schnell drehende Preisschraube noch nicht gebremst werden, geschweige denn ein einigermaßen normales Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage hergestellt werden. Die Wohnungsknappheit, ein ungeliebtes Nebenprodukt des wirtschaftlichen und demografischen Booms der letzten Jahre, wird nicht zuletzt durch die notorisch niedrigen Zinsen, die für eine erhöhte Nachfrage sorgen, weiter angeheizt.

Es bleibt zu befürchten, dass der Traum vom Eigenheim oder der bezahlbaren Miete in Zukunft noch stärker zur Utopie wird.

Der aktuelle Wohnungsminister Henri Kox und mit ihm die aktuelle Regierung erhofft sich insgeheim mit dem neuen Pacte Logement 2.0 der Problematik zumindest teilweise beikommen zu können. Ob dies mittel- bis langfristig gelingt, wird sich zeigen. Es bleibt allerdings zu befürchten, dass der Traum vom Eigenheim oder der bezahlbaren Miete in Zukunft noch stärker zur Utopie wird. Mit üblichen Denkweisen und dem Ausschöpfen der klassischen Strategien ist dem Problem scheinbar nicht beizukommen und längst müsste über innovative Lösungsansätze nachgedacht werden, wenn man jüngeren Menschen oder Haushalten mit geringem oder mittlerem Einkommen Perspektiven aufzeichnen will. Denn die Preise für das Wohnen steigen im Vergleich zum Einkommen unproportioniert schnell, wie der LISER (Luxembourg Institute of Socio-Economic Research) in einer rezenten Studie festgehalten hat.

Die Krux: Es ist schnelles Handeln aller politischen Akteure gefragt und Maßnahmen müssen schlüssig ineinandergreifen. Es macht zum Beispiel nicht viel Sinn, wenn Wohngemeinschaften von vielen Experten als ein (wenn auch kleiner) Lösungsansatz angesehen werden, zeitgleich allerdings die zweitgrößte Stadt des Landes, Esch, Wohngemeinschaften fast unmöglich macht.

Jedem ist bewusst, dass die Einflussfaktoren komplex und die Herausforderungen vielfältig sind und gerade deshalb müssten die Wege raus aus der Wohnungskrise möglichst breit angelegt werden. Es fängt beim Mobilisieren von brachliegendem Bauland und leerstehenden Wohnungen an, wo wirklich abschreckende Steuern der Spekulation den Garaus machen müssten. Aber es dürfte auch kein Tabu sein, Baustandards zu überdenken. Qualitative aber vielleicht schlichtere Wohnungen, dafür überaus erschwinglich, könnten das Angebot erweitern. Auf jeden Fall – und das ist allen Akteuren bewusst – kann es nicht unendlich so weitergehen wie im Moment.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Philippe Reuter

Login