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Edito: Rechtsextremer Eiertanz

Während in Deutschland die Koalitionsgespräche zwischen SPD, FDP und den Grünen weiterlaufen, bahnen sich in einem weiteren Nachbarland wichtige Wahlen an. In rund fünf Monaten (genauer gesagt am 10. April) steht in Frankreich der erste Urnengang der Präsidentenwahl an. Zwei Wochen später (am 24. April) wird sich dann entscheiden, wer der Nachfolger von Emmanuel Macron im Elysée werden wird. Bis jetzt sehen die Umfragen den 43-Jährigen als Favoriten für seine eigene Nachfolge an. Alle Meinungsforschungsinstitute listen Macron mit einer Wahlabsicht von rund 25 Prozent ganz vorne.

Allerdings prägen im „Hexagone“ weder die Politik des „La République en Marche“-Strahlemanns noch die politischen Wahlkampfaussagen seiner Kontrahenten den Wahlkampf (der bereits in vollem Gange ist). Es ist viel mehr das Taktieren des rechtsextremen Autors Eric Zemmour, welches medial für Aufsehen sorgt. Der 63-Jährige, der mit beständiger Regelmäßigkeit mit extremen Aussagen im Fernsehen auffällt, indem er seine Verachtung gegenüber Ausländern und Immigranten vom Stapel lässt und auch keinen Hehl aus seinen homophoben und frauenfeindlichen Ansichten macht, hat sich zwar noch nicht offiziell zum Kandidaten erklärt, doch er wirkt schon jetzt auf den Wahlkampf ein. Denn Zemmour, der bewusst offen lässt, ob er tatsächlich ins Rennen um die Präsidentschaft einsteigt, wird in den meisten Umfragen mindestens auf Augenhöhe mit der rechtsextremen „Rassemblement National“-Kandidatin Marine Le Pen (die aktuell meistens als Zweite in den Umfragewerten gelistet wird) geführt.

 

Sollte Zemmour tatsächlich kandidieren, könnte es reichlich spannend werden.

 

Sollte Zemmour tatsächlich kandidieren, könnte es reichlich spannend werden, welcher der beiden Rechtsaußen-Kandidaten den Sprung in die Stichwahl schafft, denn leider sieht es aktuell so aus, dass kaum ein Kandidat einer anderen Partei, es schaffen wird, Le Pen oder eben Zemmour zu überflügeln. Und so dürfte vor allem Marine Le Pen heftig mit den Zähnen knirschen, sollte der Polemiker tatsächlich offiziell kandidieren. Denn Zemmour, der ganz bewusst auf die rechtsextreme Tube drückt, würde dem „Rassemblement National“ am rechten Rand Stimmen abgraben. Vor allem auch, weil Le Pen in den letzten Monaten krampfhaft verursacht hat, sich einen neuen Anstrich zu verpassen, um harmloser und staatsmännischer zu wirken, als ihre politischen Ansichten tatsächlich sind. Ein Schritt, der nicht unbedingt jedem ihrer Wähler schmecken dürfte.
Und so könnte es ganz gut sein, dass die Wahlen im kommenden April eines verdeutlichen: Die Stichwahl könnte erneut eher zu einer Contra- als einer Pro-Wahl werden. Sprich: Viele Wähler könnten am Ende wieder für Macron wählen, obwohl sie nicht unbedingt von ihm überzeugt sind, nur um zu verhindern, dass ein Rechtsextremer ins Präsidentenamt kommt. Ob dies unbedingt der Sinn einer Wahl ist, sei mal dahingestellt, es zeigt vor allem eins: Die klassischen Volksparteien liegen auch in Frankreich am Boden.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Dario Herold

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