Edito: Reise nach Petuschki
Kälter hätte es in der Hitze am Genfer See nicht sein können. Draußen kletterte das Thermometer auf 30 Grad, während in der Villa La Grange Eiszeit herrschte. US-Präsident Joe Biden verzog keine Miene, und Russlands Staatsoberhaupt Wladimir Putin hatte sein bekanntes Pokerface aufgesetzt: betont ausdruckslos.
Die beiden Männer trafen sich vergangenen Mittwoch zum ersten Mal in ihrer Rolle als Staatschefs. Zuvor hatten sie von einem Tiefpunkt in ihren Beziehungen gesprochen. Biden und Putin kamen sich zumindest physisch per Handshake auf neutralem Terrain näher. Immerhin sollen der russische Botschafter in Washington und der amerikanische Botschafter in Moskau wieder auf ihre Posten zurückkehren.
Mehr war nicht zu erwarten. Vor nicht allzu langer Zeit hatte Biden den Russen noch als „Killer“ bezeichnet, und russische Medien hatten den Amerikaner als „Tattergreis“ dargestellt. So konnten die beiden Staatsmänner wenigstens Signale an ihre eigene Bevölkerung senden. Biden ging es darum, sich deutlich von seinem Vorgänger Donald Trump abzugrenzen, und Putin wollte vor den Duma-Wahlen im September punkten. Streitpunkte gibt es genug: Washington wirft Moskau vor, für Cyberangriffe auf die USA verantwortlich zu sein und sich in die US-Wahlen eingemischt zu haben. Einige Konflikte sind noch ungelöst, neben der Ukraine-Frage ist dies die Frage der Menschenrechte in Russland und der Fall des inhaftierten Regimekritikers Alexej Nawalny. Letzteren lässt Putin in einer Strafkolonie etwa zwei Autostunden von Moskau entfernt schmoren.
Zu einer Anhörung war Nawalny kürzlich im Gerichtssaal in der Kleinstadt Petuschki zugeschaltet. Von der Gefängnisleitung forderte er, ihm den Koran auszuhändigen, den er gründlich studieren wolle. Wer wissen möchte, wie die russischen Uhren ticken, dem sei eine literarische Eisenbahnfahrt empfohlen: „Die Reise nach Petuschki“. Das Buch handelt von einem mit dem Autor Wenedikt Jerofejew namensgleichen Ich-Erzähler, der mit dem Zug von Moskau aus in das Städtchen fahren möchte, um seine Geliebte zu besuchen. Im Laufe der Fahrt betrinkt sich „Wenja“. Seine Schilderungen werden immer surrealistischer, bis monströse Fabelwesen auftauchen. Er steigt an einem Bahnhof in den falschen Zug und fährt nach Moskau zurück. Dort wird er zusammengeschlagen, so dass er das Bewusstsein verliert. Das Werk, 1969 entstanden, wird als Parabel auf den damaligen Zustand der Sowjetunion interpretiert – und bietet einen tiefen Blick in die russische Seele.
Kein Durchbruch zwischen Biden und Putin: Für ein Tauwetter hat die Hitze nicht gereicht.
Viel zu klischeehaft, mag kritisiert werden. Schließlich hat sich das Alkoholproblem in Russland deutlich zum Besseren verändert. In den Jahren 2003 bis 2016 sank der Pro-Kopf-Alkoholkonsum um 43 Prozent und liegt mittlerweile unter dem der Deutschen. Außerdem gilt Putin als Asket. „Verstehen Sie Putin?“ fragte die Wochenzeitung „Die Zeit“ letzte Woche. Putin verstehen? Genügt die Sprache der Härte, wie so oft behauptet wird, um von ihm ernst genommen zu werden? Die Stärkung der Nato und gute Beziehungen zur Europäischen Union, dafür setzte Joe Biden vergangene Wochen deutliche Zeichen.
Doch wie gilt es mit Putin umzugehen, der seine Strategie geändert hat? Nachdem der Kreml lange auf eine demokratische Fassade gesetzt hatte, soll nun „jede Opposition ganz offen eliminiert werden“, schreibt Christian Esch, Moskau-Korrespondent des „Spiegel“. Putins Russland bewege sich nach zwei Jahrzehnten dorthin, wo die Sowjetunion vor drei Jahrzehnten aufgehört habe. Oder wie es der russische Soziologe Konstantin Gaase formuliert: „Wir leben zunehmend in einem anderen Land.“ Oppositionelle Organisationen werden als „extremistisch“ verboten, Straßenproteste niedergeschlagen, Regimekritiker verlieren ihre Jobs und ihr passives Wahlrecht – oder landen gleich im Gefängnis.
Wie dem jüngsten Nato-Gipfel zu entnehmen ist, sieht die US-Regierung in China langfristig die größere Bedrohung. Der US-Sicherheitsexperte Michael T. Klare sieht die Welt sogar in einen großen Krieg stolpern: Die drei größten Militärmächte führten sich gegenwärtig so auf wie die damaligen Großmächte vor dem Ersten Weltkrieg. Eine „gespenstische Szenerie“! Umso mehr bedarf es eines Tauwetters. Das Gipfeltreffen in der Genfer Hitze dauerte gut drei Stunden. Für ein Ende der Eiszeit hat es nicht gereicht. Ein Durchbruch wurde nicht erzielt.
Text: Stefan Kunzmann


