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Edito: Systemwandel

Greta Thunberg hat mit ihrer emotionalen Rede beim UN-Klimagipfel in New York für Furore gesorgt. Die Klimaschutzaktivistin aus Schweden trifft den richtigen Ton, um zu überzeugen, und bringt genau das auf den Nenner, was Sache ist. Seit Jahren verlieren Politiker mit „ihren leeren Worten“ über ein für immer anhaltendes wirtschaftliches Wachstum nur Zeit im immer dramatischer werdenden Kampf um den Klimawandel. Scheinheiligkeit und Lippenbekenntnisse regieren. Auch wenn es von unterschiedlichen Seiten Kritik am medialen Hype um die Sechzehnjährige gibt und die taz-Journalistin Bettina Gaus die Thunberg entgegengebrachte Verehrung an religiöse Erweckungserlebnisse erinnert: Die junge Aktivistin hat Recht – und die Welt hat Glück, dass es eine Greta Thunberg gibt.

Denn zu lange wurde nur um den heißen Brei herumgeredet. Längst ist es an der Zeit zu handeln. Und nie war die Chance größer. Denn es handelt sich nicht mehr um eine kleine Minderheit von Klimaschützern, sondern um eine große Zahl von Bürgern, die eine Veränderung wollen. Während am vergangenen Freitag weltweit Millionen und hierzulande einmal mehr tausende junge Menschen für den Klimaschutz auf die Straße gingen und sich zahlreiche Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften ihnen anschlossen, scheint ein großer Teil der Gesellschaft zu der Überzeugung gekommen zu sein, dass sich etwas ändern muss. So sind laut einer Umfrage 73 Prozent bereit für einschneidende Maßnahmen in Form von Gesetzen oder Steuern gegen den Klimawandel. Denn Letzterer zeigt sich nicht mehr nur abstrakt in den Warnungen der Wissenschaftler vor einem ansteigenden Meeresspiegel und schmelzenden Gletschern. Der Klimawandel ist Realität. Und ein Großteil der Gesellschaft hat das begriffen.

Als Folgen der klimatischen Veränderungen drohen Armut und humanitäre Katastrophen. Dabei schließt sich ein Kreis. Denn die ökologische Wende kann nur auch als eine sozial gerechte Wende begriffen werden und als ein wirtschaftlicher Paradigmenwechsel. Der grüne „New Deal“ gegen den Klimawandel könne nur mit einem Systemwechsel, also mit einem anderen Wirtschaftssystem gelingen, schreibt der Leitartikler des Tageblatts Luc Laboulle. Die ökologische Transition ist außerdem nur dann möglich, wenn die gesamte Weltgemeinschaft daran teilnimmt, wenn in den derzeitigen Bremserstaaten wie Brasilien oder den USA wieder andere Regierungen das Ruder übernehmen, wenn zum Beispiel in Entwicklungsländern investiert wird. Es hilft jetzt nichts zu lamentieren, dass die Europäer jahrhundertelang selbst ihren eigenen und andere Kontinente ausgebeutet haben, sondern es gilt Wiedergutmachung zu leisten im Blick auf morgen. In Greta Thunbergs Aussage, das Klima vertrage keine Kompromisse, einen „antidemokratischen Affekt“ zu erkennen, wie es der frühere deutsche Bundestagspräsident Wolfgang Thierse tat, bedeutet nichts anderes, als die Tatsache zu verkennen, dass die wahren Antidemokraten die Leugner des Klimawandels sind und der „antidemokratische Effekt“ des Klimawandels noch viel größer ist.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Philippe Reuter

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