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Edito: Verhärtete Fronten

„Elefant im Raum“ ist im englischen Sprachraum eine Metapher für ein offensichtlich anwesendes Problem, welches aber nicht ausdiskutiert wird. Die angekündigte Verschärfung des Covid-Check-Systems ist alles andere, als besagter Elefant, denn seit der Pressekonferenz am 8. Oktober, als Premierminister Xavier Bettel die neuen Regeln aufgrund der stagnierenden Impfquote ankündigte, beherrscht das Thema die Diskussionen in den Medien, unter Freunden, im Familienkreis und in den sozialen Netzwerken.

Nimmt man Letztere, um den Puls der öffentlichen Meinung zu messen, kann man schnell den Eindruck gewinnen, dass kaum einer sich mit dem neuen System anfreunden kann. Vor allem Impfskeptiker und -gegner sind scheinbar zu Tastatur-Kriegern mutiert, die mit Vehemenz ihre Meinung – selten mit Argumenten unterfüttert – durch den digitalen Äther mäandern lassen. Impfbefürworter melden sich auf diesen Kanälen kaum bis gar nicht zu Wort, vielleicht auch, weil sie unlängst resigniert haben und ihren Diskussionsbedarf auf null heruntergeschraubt haben.

Auch wenn man den Einfluss von Facebook, Twitter und Co nicht unterschätzen sollte – wie die aktuelle Arte-Doku „Propagandamaschine Social Media“ (noch bis zum 12. Dezember in der Mediathek verfügbar) eindrucksvoll zeigt –, sind sie dennoch in Sachen öffentliche Meinung nicht der Weisheit letzter Schluss. Denn als vor etwas mehr als einem halben Jahr die Impfstoffe nicht schnell genug herbeikamen und Tests das A und O in Sachen Pandemiebekämpfung waren, wurden diese Tests von vielen als völlig unzuverlässig hingestellt. Jetzt, wo es andere Voraussetzungen gibt, wird eben auf diese Tests geschworen. Eine Kehrtwende in Sachen Meinung, die schwer nachzuvollziehen bleibt.

Impfskeptiker und -gegner sind zu Tastatur-Kriegern mutiert, die mit Vehemenz ihre Meinung durch den digitalen Äther mäandern lassen.

Fakt ist, die Fronten haben sich verhärtet, der Umgangston ist rauer geworden und die gesellschaftliche Spaltung wird größer und könnte sich noch weiter vergrößern. Denn auch wenn man die neue Covid-Check-Regelung durchaus als Druckmittel auf Nicht-Geimpfte ansehen kann, so ist der Druck, welchen die Regierung hierzulande ausübt, noch vergleichsweise gering, wenn man den Blick über den rot-weiß-blauen Tellerrand wagt. Das Problem wird allerdings sein, dass selbst dieser erhöhte Druck mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zu dem gewünschten Effekt führen wird – sprich eine Impfquote von 85 Prozent. Die Regierung hätte neben allen anderen Mitteln unlängst auch eine konsequentere Kommunikationsstrategie und Aufklärungskampagne fahren müssen.

So wird einfach gehofft, dass unter dem Viertel der Bevölkerung über zwölf Jahre, welche sich bisher noch nicht für eine Impfung entschieden hat, die Skepsis sich durch das neue Covid-Check-System in Luft auflöst. Dass dies passiert, ist allerdings ziemlich unwahrscheinlich, und so darf man gespannt sein, wie das Zusammenleben nach dem 1. November aussehen wird.

Text: Hubert Morang / Foto: Fabrizio Pizzolante

Author: Philippe Reuter

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