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Edito: Vitamin P

„Ich kam mir vor wie in einem Labyrinth“, sagte Monica Semedo im Oktober 2019 im revue-Interview über ihre ersten Monate im Europaparlament. Ziemlich am Anfang ihrer politischen Karriere war die frühere Fernsehmoderatorin „ein Glücksfall für die DP“, wie das Lëtzebuerger Land kürzlich geschrieben hat. Die Tochter kapverdischer Einwanderer verkörperte den sozialen Aufstieg par excellence. Premierminister Xavier Bettel hatte sie ein Jahr zuvor angeworben, um für die Liberalen auf Stimmenfang zu gehen. Fast hätte sie sich für die CSV engagiert.

Als Max Weber am 28. Januar 1919 die Kleinkunstbühne einer Münchner Buchhandlung betrat, hatte er seine wissenschaftliche Karriere fast hinter sich – seine angestrebte Karriere als Politiker war so gut wie gescheitert. Für die liberale „Deutsche Demokratische Partei“ hatte er nach dem Ende des Ersten Weltkriegs für den deutschen Reichstag kandidiert. Als Studenten ihn fragten, ob er einen Vortrag über „Politik als Beruf“ halten wolle, winkte er zunächst ab und sagte dann doch zu. Weber ist bis heute einer der wichtigsten Soziologen und sein als Buch veröffentlichter Vortrag ein Standardwerk der Politikwissenschaft.

Vielleicht hat Monica Semedo das Reclam-Bändchen gelesen. Schließlich hat sie in Trier ein Masterstudium der Politikwissenschaft absolviert. Wie Max Weber wurde auch sie politisch aktiv und schloss sich einer liberalen Partei an. Gut hundert Jahre nach Webers Münchner Vortrag kandidierte die Luxemburgerin für die Demokratesch Partei 2019 bei den Europawahlen. Ihr Wahlkampf an der Seite des erfahrenen Politikers Charles Goerens war so erfolgreich, dass die damals knapp 35-Jährige Zweitgewählte ihrer Partei wurde und die DP der CSV einen Sitz wegschnappte. Ihre Mandatszeit als Europaabgeordnete begann im Juli 2019. Von da an war sie Berufspolitikerin.

Prominenz ist nicht gleichbedeutend mit politischer Kompetenz.

In „Politik als Beruf“ unterscheidet Max Weber Politiker, die einer Verantwortungsethik folgen und ihr pragmatisches Handeln an den Folgen ihres Tuns ausrichten, von jenen, bei denen eine Gesinnungsethik im Vordergrund steht. Vor allem in Krisenzeiten wie der CoronaPandemie sind Erstere gefragt. Ein Gesinnungsethiker hingegen würde sagen: „Die Freiheit steht über allem.“ Weber bringt beides zusammen: Gesinnungsethik soll nicht verantwortungslos und Verantwortungsethik nicht gesinnungslos sein. Auch Machtinstinkt gehört für Weber zur Grundausstattung der Politik, nur sollte er im Dienst der Sache stehen und nicht nur dem reinen Machterhalt dienen. Außerdem ist Leidenschaft gern gesehen, allerdings mit Augenmaß. Fehlt noch das Charisma, das vielen Politikern heute abgesprochen wird. Staatsmänner wie Willy Brandt und Barack Obama besaßen es. Hierzulande wurde es Robert Krieps oder Gaston Thorn bescheinigt, aber auch Jean-Claude Juncker. Die heutige Politik hat eher ein Nachwuchsproblem, so dass nicht nur eine Regierungspartei wie die DP ihren Personalstand aus dem schier unerschöpflichen RTL-Farmteam aufstockt und dabei auf „Vitamin P“ zurückgreift – P wie Prominenz. Ebenso wissen die anderen Parteien die journalistische Vorbildung von Politikern zu schätzen. Dabei wird jedoch vergessen, dass Kamera- oder Mikrofontauglichkeit nicht gleichbedeutend mit politischer Kompetenz ist. Kaderschmieden der Politik waren bisher meistens die parteilichen Jugendorganisationen und die zivilgesellschaftlichen Bewegungen. Doch seit jeher gilt auch der Promifaktor aus Medien, Sport und Kultur als erfolgsfördernd.

Dass die DP von Semedos Bekanntheitsgrad profitierte, ist unbestritten. Doch der Novizin ist das politische Geschäft im Europaparlament über den Kopf gewachsen, wie EU-Insider bestätigen können. Was ihre Mitarbeiter zu spüren bekamen. Die Abgeordnete wurde für zwei Wochen suspendiert, weil sie ihre drei Assistenten „psychologisch belästigt“ hatte. Ihrer Partei erwies sie damit einen schlechten Dienst. Einem Parteirauswurf kam sie zuvor, indem sie ihren Austritt aus der DP bekanntgab. Dass die Partei vorher lange nichts unternommen hat, ihre Abgeordnete nicht rechtzeitig zur Ordnung rief, während der Anti-Mobbing-Ausschuss des EU-Parlaments ermittelte, und danach erstmal abwiegelte, bevor sie kurz darauf ihren einstigen „Glücksfall“ fallen ließ, ist der Parteiführung anzukreiden. In der „Causa Semedo“ haben sich nicht zuletzt die Liberalen selbst geschadet. Die Politik wurde damit einmal mehr in Verruf gebracht.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Philippe Reuter

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