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Edito: Von wegen Clash

Zum alten Eisen gehören will niemand. Wer das Pensionsalter erreicht hat, möchte nicht aufs Abstellgleis, sondern weiter ein Teil der Gesellschaft sein. Doch seit Beginn der Corona-Krise wurden ältere Menschen vor allem zur Risikogruppe deklariert. Nicht grundlos, schließlich lag das Durchschnittalter der an Covid-19 Verstorbenen zuletzt bei 71 Jahren.

Schon zu Beginn der Pandemie wurden Alten- und Pflegeheime abgeschottet. Besuche waren verboten, um Ansteckungen und die weitere Verbreitung des Virus in den Betreuungsstrukturen zu vermeiden. Den Kindern und Enkelkindern selbst jener Senioren, die zu Hause leben, wurde nahegelegt, ihre Eltern und Großeltern nicht zu besuchen – bis diese geimpft wurden. Diese Schutzmaßnahmen waren gerechtfertigt.

Trotzdem schien es, als stünde eine ganze Generation unter Dauerquarantäne. Wie eine Studie der Uni Luxemburg unter Menschen ab 60 Jahren ergab, fühlten sich rund 20 Prozent der Befragten während der Pandemie wegen ihres Alters unfair behandelt und nannten verschiedene Aspekte der Altersdiskriminierung.

Im zweiten Jahr von Corona richtete sich der Fokus verstärkt auf die jüngere Generation. Während der Corona-Krise wurden Jugendliche nicht nur einmal als verantwortungslose Partymacher abgestempelt, als Treiber der Pandemie, wenn sie gegen die auferlegten Restriktionen verstießen. Selbst Erwachsene, die sich einst dem Rebellentum verschrieben hatten, zeigten sich pikiert ob des angeblich skandalösen Verhaltens der Heranwachsenden.

Die Stilisierung zum Generationenkonflikt lenkt vom eigentlichen Problem ab.

Bei aller Inzidenz- und Corona-Gefahr: Wer wollte es den Jugendlichen verdenken, Freunde zu treffen? Auch wenn nicht jeder an einer illegalen Corona-Party zwischen vier Wänden oder auf einer Feier bei den „Dräi Eechelen“ dabei war: Es wurde wieder auf den Nachwuchs geschimpft wie eh und je. Sie würden „Kaz a Maus“ spielen, zitierte das Lëtzebuerger Land einen Polizisten, der mit seinen Kollegen Jugendliche durch die Hauptstadt verfolgte. In einigen europäischen Großstädten ging es deutlich härter zur Sache, erst kürzlich bei Randalen in mehreren deutschen Regionalmetropolen.

„Denn sie wissen nicht, was sie tun“, hätte der eine oder andere bibelfeste Corona-Moralapostel sagen können – in Anspielung auf den deutschen Titel des berühmten James-Dean-Films zur Zeit der sogenannten Halbstarken. „Jugend ohne Sommer“ schrieb Armand Back im Tageblatt im Juli vergangenen Jahres über die „Vergessenen der Corona-Krise“ und betonte: „Wer Jugendlichen nun in der Corona-Krise ihre Jugend vorwirft, ist ein Kleingeist.“ Und wer alle in einen Topf warf, hat übersehen, dass die Mehrheit der Adoleszenten sich in den vergangenen Monaten durchaus verantwortungsbewusst verhalten hat.

Als die ersten Forschungsstudien und Medienberichte erschienen, die wenig überraschend bestätigten, dass der seelische Druck bei jungen Menschen im Laufe der Pandemie gestiegen sei und dass sie zunehmend unter psychischen Problemen litten, depressiver wurden und ihre Ängste gestiegen waren, zum Beispiel die Angst, den Anschluss zu verlieren, dass die Jüngeren zugunsten der Älteren übermäßig Verzicht üben mussten – spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Blatt gewendet. Die Jugend war als Opfer ausgemacht. Das Bild von der „Generation Corona“ war entstanden.
In Deutschland hat die Familienministerin unlängst vor einem Generationenkonflikt bei der Impfverteilung gewarnt, und in Frankreich ergab eine Studie im Februar, dass 56 Prozent einen Clash zwischen Jung und Alt befürchteten. Die Weltjugendorganisation UNICEF zeigte sich alarmiert. Zwar stimmt es, dass den jungen Menschen viel abverlangt wurde und dass sie in den vergangenen Monaten ihre Jugend nicht ausleben durften, dass Schüler nun einen Lernrückstand aufholen müssen und Studenten, die letztes Jahr an der Uni anfingen, noch kein richtiges Studium hatten.

Aber kann man daraus einen Konflikt zwischen Jung und Alt ableiten? Eher nicht. Die Stilisierung zum Generationenkonflikt lenkt vielmehr vom eigentlichen Problem ab: Die größer werdende Kluft in der Gesellschaft verläuft nicht entlang der Altersgruppen, sondern zwischen sozialen Milieus, zwischen Wohlstand und Prekariat, Reichen und Armen. Und es sind vor allem Letztere, die Gefahr laufen, den Anschluss zu verlieren.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold

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