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edito – Vorsicht

2020 war ein Jahr, welches sich aufgrund der Pandemie nur schwierig mit anderen Jahren vergleichen lässt. Vor allem, weil das Leben während des ersten Lockdowns völlig zum Erliegen kam, Homeoffice zum neuen heiligen Gral mutierte und die Straßen selbst zu Spitzenstunden wie leer gefegt waren. Und auch mit der progressiven Rückkehr zu einer gewissen Normalität am Ende des Frühjahrs war in Luxemburg noch längst nicht alles beim Alten in Sachen täglicher Blechlawine. Eine Tatsache, die sich auch in den Statistiken für den Straßenverkehr im Jahr 2020 widerspiegelt. So lag die Anzahl von schweren Verkehrsunfällen im März, April und Mai deutlich unter den Zahlen des Jahres 2019.

Unglücklicherweise zog die Zahl von Verkehrstoten im selben Zeitraum allerdings wieder an. 26 Menschen ließen 2020 ihr Leben auf den Straßen, vier mehr als im Vorjahr. Hauptursache: überhöhte oder unangepasste Geschwindigkeit. Im Gegensatz zu Luxemburg ist die Anzahl der Verkehrstoten in unseren Nachbarländern in den letzten zwölf Monaten gesunken. In Deutschland um 10,7 Prozent und in Frankreich sogar um 21,4 Prozent. Allerdings sind auch in diesen Ländern, genau wie in Luxemburg, vor allem die schwächeren Verkehrsteilnehmer, wie etwa Fahrradfahrer oder Fußgänger, diejenigen, die am gefährdetsten sind. „Gerade die schwächeren Verkehrsteilnehmer werden auch in den kommenden Jahren ein Schwerpunkt der Verkehrssicherheitsarbeit sein müssen – allen bisherigen Verbesserungen der Verkehrssicherheit zum Trotz“, untermauerte der Präsident des deutschen ADAC Gerhard Hillebrand im Zuge der Veröffentlichung der deutschen Verkehrsstatistik.

Bis Fahrradfahrer und Fußgänger die überfällige Sicherheit genießen können, bleibt aus Selbsterhaltungszwecken
Vorsicht geboten.

Hier hinkt Luxemburg hinterher. Zwar wiederholte Transportminister François Bausch bei der Präsentation der Verkehrsstatistiken von 2020 erneut, dass mehr Raum für die sanfte Mobilität und das Fahrrad geschaffen werden müsste, doch genau dies passiert vielerorts eher schleppend. Eine Neuaufteilung des öffentlichen Raums ist nämlich nicht ganz so einfach, wie manch einer es sich wünscht und die Autolobby ist hierzulande trotz boomender Fahrradkultur noch immer sehr stark.

Es ist also schwer zu glauben, dass der Straßenraum der vorwiegend Auto-orientiert ist, in naher Zukunft eine Revolution durchlaufen wird. Denn kein Politiker, auch nicht Transportminister François Bausch, wird in den nächsten 24 Monaten darauf erpicht sein, es sich im Vorfeld des Superwahljahres 2024 mit den PS-Aficionados zu verscherzen.

Bis Fahrradfahrer und Fußgänger endlich die überfällige Sicherheit genießen können, bleibt deshalb aus Selbsterhaltungszwecken Vorsicht geboten.

Denn wer regelmäßig einen Drahtesel auf Luxemburgs Straßen bewegt, der merkt schnell, dass die eigentliche Verpflichtung für Autofahrer mit mindestens 1,50 Meter Abstand zu überholen, von vielen Autofahrern eher als optional angesehen wird. Eine Polizeikontrolle brauchen sie diesbezüglich eh nicht zu befürchten.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Dario Herold

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