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Edito: Zeit des Umbruchs

Einen Fahrplan gab es nicht, als vor gut 30 Jahren die Sowjetunion aufhörte zu existieren und die rote Unionsfahne über dem Kreml eingeholt wurde. Die Oberhäupter von Russland, Belarus und der Ukraine hatten am 8. Dezember die Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken (UdSSR) aufgelöst und die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) gegründet.

Unterdessen zerfiel mit dem blockfreien Staat Jugoslawien eine zweite sozialistische und multinationale Föderation. Kurz nachdem der Kalte Krieg der Großmächte und ihrer Verbündeten zu Ende gegangen war, brachten die Kriege im Westbalkan ab 1991 längst überwunden geglaubte Bilder von Vertreibung und Völkermord nach Europa zurück.

In den vom „Wind of Change“ betroffenen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang brachen sich individuelle Freiheit und das Verlangen nach nationaler Selbstbestimmung Bahn, in Südosteuropa mündeten national-ethnische Konflikte in ein Blutbad. Im westlichen Teil Europas ging derweil die Europäische Gemeinschaft mit dem am 7. Februar 1992 unterzeichneten Vertrag von Maastricht in die Europäischen Union über. Damit wurden nationale Kompetenzen auf eine supranationale Ebene verlagert.

Diese „Ungleichzeitigkeit“ möge manche Friktionen zwischen alten und neueren EU-Mitgliedern erklären, mutmaßt Anne Seibring von der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“. Tatsache ist, dass heute in der früheren belarussischen Sowjetrepublik „Europas letzter Diktator“ herrscht, in der Ukraine eine militärische Invasion Russlands befürchtet wird und in Bosnien und Herzegowina bosnische Serben die Abspaltung der Republik Srpska vorantreiben wollen – und dass in allen drei Fällen der russische Präsident Wladimir Putin einen großen Einfluss ausübt.

Der Maastrichter Vertrag war „ein großer Schritt auf dem Weg zur europäischen Integration“.

War der Umbruch der Jahre 1989 bis 1991 also nur ein Strohfeuer (was in Ex-Jugoslawien zu einem verheerenden Flächenbrand uminterpretiert werden kann)? Ein laues Lüftchen war der „Wind of Change“ sicherlich nicht. Der Kollaps der Sowjetunion, zwei Jahre nach den „Revolutionen von 1989“ in Mittel- und Osteuropa, „war ein bedeutsames Weltereignis“, so die deutsche Historikerin und Politikwissenschaftlerin Kristina Spohr. Es hatte direkt oder indirekt Auswirkungen auf alle anderen Regionen weltweit.

Auch wenn die Demokratiebewegung in der Volksrepublik China mit dem Tian’anmen-Massaker vom 4. Juni 1989 niedergeschlagen worden war, hatten die USA, die Sowjetunion und China im Januar 1991 in einer beispiellosen Zusammenarbeit im UN-Sicherheitsrat eine Resolution herbeigeführt, mit der die größte Kriegskoalition seit dem Zweiten Weltkrieg militärisch auf die irakische Invasion und Annexion Kuwaits antwortete.

Die Ereignisse von 1989/91 spielten nicht nur eine wichtige Rolle für unsere Deutung der Vergangenheit, sondern seien auch für unser Verständnis der Gegenwart von „kritischer Bedeutung“, stellt Spohr fest. Heute erscheine die „Wendezeit“ allerdings in einem ganz anderen Licht. Zumindest betrachtet Putin den Kollaps der Sowjetunion als eine „Tragödie“ und als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“.

„Während Jugoslawien in Blut und Trümmern unterging und das Leben der Menschen in Mittel- und Osteuropa durch den harten Übergang zum Kapitalismus auf den Kopf gestellt wurde, trafen sich die westeuropäischen Staats- und Regierungschefs (…) nach dem Ende des Kommunismus im Dezember 1991 in Maastricht, um über die weiteren Schritte in Richtung auf einen ‚immer engeren Zusammenschluss‘ zu beraten“, schreibt der britische Historiker Ian Kershaw in seinem Buch „Achterbahn“. Die Mehrheit der Europäer war für den „bahnbrechenden Vertrag von Maastricht“, der am 7. Februar 1992 von den zwölf Staats- und Regierungschefs unterzeichnet wurde und am 1. November 1993 in Kraft trat.

Die Hoffnung, die nationalen Interessen überwinden zu können, um eine politische Union aufzubauen, habe sich jedoch nicht erfüllt, konstatiert Kershaw. Trotzdem war Maastricht „ein großer Schritt auf dem Weg zur europäischen Integration“, der Europäische Binnenmarkt ab 1. Januar 1993 und die Vollendung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion auf der Grundlage des Vertrages waren weitere. Die EU erweiterte sich auf 28 Mitgliedstaaten (nach dem Brexit sind es heute 27), darunter Staaten der früheren sowjetischen Einflusszone sowie Kroatien und Slowenien.

Text: Stefan Kunzmann

Author: Philippe Reuter

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