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Edito: Zoff im Elfenbeinturm

Es war fast wie immer: Soldaten und Panzer, Veteranen und Fahnen. Zum Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Nazi-Deutschland am 9. Mai gab es die übliche Parade auf dem Moskauer Roten Platz. Nur die Flugshow fiel kurzfristig aus. Russlands Präsident Wladimir Putin nutzte die Gelegenheit, die „Sonderoperation“ seiner Armee gegen die Ukraine zu rechtfertigen: „Russland hat präventiv die Aggression abgewehrt, das war die einzig richtige Entscheidung.“

An der Frage des gerechten Krieges scheiden sich die Geister.

Der Zweite Weltkrieg ging vor 77 Jahren zu Ende, Putins Krieg in der Ukraine dauert diese Woche schon 77 Tage. Ohne den Kremlherrscher werde es keinen Frieden geben, hat kürzlich Michael Merten in seinem Leitartikel für das Luxemburger Wort geschrieben. Obwohl Putin ein Kriegsverbrecher sei, müssten sich die Staatenlenker bald an einen Tisch setzen. Aber kann man das mit einem Kriegsverbrecher? An der Frage des gerechten Krieges oder des unbedingten Friedens scheiden sich die Geister. Der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge schrieb zusammen mit anderen Künstlern und Intellektuellen, etwa dem Luxemburger Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar, einen offenen Brief an den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz. Die Unterzeichner warnten davor, dass die Lieferung schwerer Waffen das Risiko eines Dritten Weltkrieges erhöhen würde. Deshalb müsse es schnellstmöglich einen Waffenstillstand geben. Sogar von Kapitulation war die Rede. Also Frieden um jeden Preis.

Sicherlich schwingt, seit Putin mit seinem nuklearen Potenzial droht, immer wieder die Angst vor einer weiteren Eskalation mit. Aber aus der sicheren Komfortzone eines westlichen Elfenbeinturms herab ein Einlenken vor dem Aggressor Putin zu fordern, erscheint vor allem den Ukrainern gegenüber anmaßend. Sie verteidigen nicht nur ihr Land und ihre Freiheit, sondern auch die westlichen Werte. Außerdem wäre die Aussicht auf Frieden nicht vollends gewährleistet. Es wäre sogar „strategisch sehr unvernünftig“, wie die österreichische Philosophin Claudia Paganini betont: „Wenn ich einen völlig unberechenbaren Aggressor habe, ist selbst das Aufgeben ein Risiko.“

Europa muss sich auf eine lange Konfrontation mit Putin einstellen. Sein Sturz in Russland ist zurzeit unwahrscheinlich. Vielmehr ist er in der Lage, mit derselben Kaltblütigkeit, mit der er ukrainische Städte bombardieren lässt, auch Waffen aller Art gegen russische Bürger einzusetzen. Putin darf nicht wieder hoffähig werden. Aufgrund der Drohung mit Atomwaffen habe er sich einen asymmetrischen Vorteil gegenüber der Nato verschafft, stellt der Philosoph Jürgen Habermas in seinem in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Beitrag „Krieg und Empörung“ fest. Die Nato könne sich aber auch nicht beliebig erpressen lassen. Würde sie die Ukraine ihrem Schicksal überlassen, „wäre dies nicht nur unter politisch-moralischen Gesichtspunkten ein Skandal, es läge auch nicht im eigenen Interesse.“

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold

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