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Ein Fenster auf die Welt

Sein künstlerisches Universum gilt als erfrischend, farbenfroh und grenzenlos, doch kratzt man an der Oberfläche, stellt sich heraus, dass es auch eine verborgene Seite beinhaltet. Die ganz persönliche Geschichte des Thomas Iser.

Es ist immer wieder interessant, festzustellen zu können, wie sehr der Schein trügt, besonders in Sachen Kunst. Interpretation nennen es die einen, als Entschlüsselung würde ich es betrachten, denn hinter der Fassade eines Werkes versteckt sich meist ein ungeahntes Universum, das ganz eng mit dem Lebensweg des Künstlers verbunden ist. Mit seiner ganz persönlichen Geschichte, seinen von uns oft ungeahnten Erlebnissen, geprägt von Begegnungen, Enttäuschungen, Ängsten und Schicksalsschlägen. So ist es auch bei Thomas Iser. Auf den ersten Blick wirken seine künstlerischen Schöpfungen fast ein bisschen naiv und vielleicht einen Hauch zu schlicht. Der Künstler selbst fällt mit seiner sportlichen Figur und seinem Hollywoodlächeln ins Auge. Er hat Charme, würde mancher behaupten, doch ohne Ecken und ohne Kanten wirkt er mit seinem Skateboard unter den Füßen und seinem Rucksack vollgepackt mit Spraydosen fast ein bisschen oberflächlich. Zieht man zusätzlich seine 109.000 Abonnenten auf Instagram in Betracht, könnte er glatt als Influencer bezeichnet werden. Doch das ist der 33-Jährige nicht! Es steckt viel mehr hinter der Fassade und den farbenfrohen Fenstern, gefüllt mit blauem Himmel und dicken weißen Wolken, die er landesweit versprüht. „Das ist alles sehr persönlich“, meint er mit ernstem Blick. „Verbunden mit meinem eigenen Leid. Meine Mutter, mein Bruder…!“ Er macht eine kurze Pause, fährt aber sofort fort. „In meiner Jugend besuchte ich meine Mutter regelmäßig im Gefängnis in Schrassig und meinen älteren Bruder in der Psychiatrie. Er hatte jede Menge Drogenprobleme. Das sind Orte ohne Freiheit. Trotzdem habe ich die Hoffnung nie aufgegeben, das Licht am Ende des Tunnels irgendwann zu erblicken. Das steckt hinter meinem Fenster. Es repräsentiert die Öffnung, eine bestimmte Vorstellung vom Paradies.“

PR1_7963In seinem Atelier ist das farbenfrohe Fenster omnipräsent. Auf den Wänden, Türen und sogar auf den Stühlen. Selbst auf seine Hand hat er sich sein Werk tätowieren lassen. „Die Fenster haben unterschiedliche Farben, beinhalten aber dieselbe DNA und die gleiche Form, auch wenn die Linienführung natürlich nie die Gleiche ist. Wie die Menschen. Wir sind alle gleich und trotzdem verschieden.“

Mit meiner Kunst möchte ich Menschen dazu bringen, ihr Leiden zu nutzen, um ihre Träume zu verwirklichen. Thomas Iser

Er überlegt einen Augenblick und kommt zu dem Schluss, dass seine Kunst fast eine Therapie ist. „Sie gibt meinem Leben auf jeden Fall einen Sinn! Als Künstler teilen wir unsere Sicht der Dinge.“ Freiheit ist das Stichwort. Sie ist und bleibt eine permanente Herausforderung für den talentierten jungen Mann. Was die Kunst angeht, gibt es halt keine Grenzen oder zumindest sind sie nicht unüberschreitbar. So wie das Fenster. Ein Sprung genügt, um auf die andere Seite zu gelangen. Doch was sich wohl dort verbirgt? „Der Tod“, meint er. „Am Tag meines Todes werde ich das Fenster durchschreiten.“

PR2_4156Er leidet, aber es geht ihm gut, meint er. Bei dieser Aussage muss ich lachen und ich frage mich zugleich, ob seine lockere, sympathische und dynamische Art eigentlich so zur Geltung käme, wäre ein Teil seines Lebens nicht so chaotisch gewesen. Hätte er überhaupt den heutigen Weg eingeschlagen, den Weg der Freiheit, wenn nicht sogar der Befreiung? Er selbst kann es mir nicht sagen. Thomas Iser bezeichnet sich als Autodidakt. Er wurde nicht in einer Kunsthochschule geformt. Und ganz ehrlich gesagt, scheint es auch ziemlich unwahrscheinlich, dass das Jungtalent sich leicht eingliedern lässt. Er braucht Freiheit. Das betont er mehrmals während unseres Gesprächs. Bereits mit zwölf Jahren begeistert er sich für die Graffitikunst und unterschiedliche Formen des Straßensports wie das Skaten. Mit Sicherheit haben die Szene und ihre Codes seine künstlerischen Kreationen beeinflusst. Doch er selbst scheint sich nicht allzu viele Fragen über das Thema Inspiration zu stellen. „Es kommt einfach aus mir raus“, meint er lachend. „Ich überlege nicht zu viel. Ich mache einfach nur, was mir Freude bereitet. Egal ob als Gemälde oder Streetart im öffentlichen Raum. Das spielt keine Rolle. Ein Gemälde bleibt erhalten. Meine Fenster draußen verschwinden nach einer gewissen Zeit. Das ist schade!“

Jeder zerbrochene Teil meines Körpers repräsentiert menschliche Wesen, die alle unterschiedlich sind und etwas Lebendiges, Einzigartiges bilden. Thomas Iser

IMG_8385-KopieSein bisher größtes Projekt nennt sich „Universal Humanity“ und hat ein weltweites Ausmaß, geprägt von
zahlreichen Begegnungen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Es sei ein Lebenswerk, meint Thomas mit einem Lächeln im Gesicht. „Vor sechs oder sieben Jahren hat alles in Paris angefangen“, erinnert sich der junge Künstler. Er hatte sich auf der Straße als kaputte Skulptur dargestellt, um genauer zu sein hat er sich an der japanischen Kunst „Kintsugi“ inspiriert. Es ist die Methode, mit der gebrochene Keramik wieder zusammengeklebt wird. Bei dieser Technik wird meist Goldpulver verwendet. „Das Gold repräsentiert das Licht und Schwarz ist die Farbe des Raums. Das ist alles sehr symbolisch“, erklärt er mir. Zerbrochen und wieder zusammengeflickt, es ist für mich unverkennbar, dass auch hier persönliche Verletzungen eine Rolle spielen. „Es ist die Sublimierung des Leidens“, fügt er hinzu. „Jeder zerbrochene Teil meines Körpers repräsentiert menschliche Wesen, die alle unterschiedlich sind und etwas Lebendiges, Einzigartiges bilden.“

Ungefähr 9.100 Menschen weltweit hat er mittlerweile für dieses Projekt fotografiert. Zu ihnen gehören sowohl anonyme als auch weltbekannte Persönlichkeiten wie Jean Asselborn, Pharrell Williams, Bob Sinclar, Willem Dafoe, Gigi Hadid oder David Lachapelle, alle immer abgebildet mit einem „Kintsugi-Auge“. „Es repräsentiert mein Auge“, verrät Thomas. „Universal Hu-manity“ kennt keine Grenzen und kein Limit. Der Zufall entscheidet, wer ihm gerade wo über den Weg läuft. „Mit meiner Kunst möchte ich Menschen dazu bringen, ihr Leiden zu nutzen, um ihre Träume zu verwirklichen. Nicht mehr und nicht weniger!“ Ein unendliches Werk. „Und das wird am Tage meines Todes zu Ende gehen!“

Text: Jérôme Beck // Fotos: Philippe Reuter, Thomas Iser

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Author: Philippe Reuter

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