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Ein trockener Monat

Keinen Tropfen Alkohol für einen Monat! Was hat das für positive Auswirkungen auf meinen Körper und wie reagiert mein Umfeld? Um es herauszufinden, wollte ich am „Dry January“ teilnehmen, doch dann kam alles ganz anders.

Der „Dry January“, auf Deutsch „trockener Januar“, besteht darin, während eines Monats ganz auf Alkoholkonsum zu verzichten. Eine Herausforderung, der sich seit 2013 Millionen Briten jährlich stellen. Bereits zweimal hatte auch ich versucht, ohne Alkohol durch den ersten Monat des Jahres zu kommen, doch das Experiment war jedes Mal grandios gescheitert. Spätestens am 2. Januar hatten ein paar Gläser Rosé meinen guten Vorsatz weggeschwemmt. Der Dämon aus der Flasche hatte gesiegt, und zugegeben, ich hatte mich auch nicht sehr lange gegen ihn gewehrt. Gestört hat es weder mich noch mein Umfeld. Alkohol hat nun eben seinen festen Platz in unserer Gesellschaft, und in meinem Leben. Es ist integriert und akzeptiert. Basta!

Von einem kleinen Feierabendgläschen war ich bis jetzt nie abgeneigt und lange Trinkabende haben mich auch nie abgeschreckt. Im Gegenteil. Ich habe kein Problem damit, mich als Gesellschaftstrinker zu bezeichnen. Und Anlässe, Alkohol zu trinken oder zu feiern, wie manch einer sagen würde, gibt es viele, sehr viele. Doch dann kam die Corona-Pandemie und mit ihr der erste Lockdown. Ich weiß bis heute nicht, ob es die miese Stimmung ist, die das Virus verbreitet oder ob ich mitten in einer Midlife-Crisis stecke, eines steht auf jeden Fall fest, es war der Wendepunkt. Von heute auf morgen war bei mir plötzlich Schluss mit lustig. Ich hatte einfach keinen Bock mehr!

Das feierliche Anstoßen und die langen Saufabende am Wochenende ließen mir immer öfter einen sehr bitteren Nachgeschmack. All diese verschwendete Energie und diese kostbare Zeit. Wie viele Wochenenden habe ich in den letzten Jahren auf der Couch verbracht, mich mit fettigem Zeug vollgestopft und nichts Nennenswertes vollbracht? Nicht wenige auf jeden Fall! Meistens verbunden mit einem schlechten Gewissen, das andere einem natürlich ausreden möchten: „Was ist denn schon dabei! Am Wochenende muss man sich auch mal gehen lassen.“ Verdammt, ich habe aber keine Lust mehr, „mich gehen zu lassen.“ Mehrmals habe ich mich gefragt: „Warum tue ich mir das an?“ Doch so bescheuert es auch klingen mag, war ich zuerst viel zu feige, etwas daran zu ändern. Es war eine lästige Gewohnheit geworden. Und die lässt sich nicht so einfach ändern. Dachte ich zumindest. Aus diesem Grund habe ich mich bereits im Oktober für einen Erfahrungsbericht über den „Dry January“ entschieden. So war ich mir sicher, dass ich mich diesmal am Jahresanfang nicht drücken kann! Doch dann kam alles anders.

Von heute auf morgen war bei mir plötzlich Schluss mit lustig. Ich hatte einfach keinen Bock mehr!

Bereits am 15. November habe ich mich klammheimlich entschieden, meinen Alkoholkonsum zu stoppen. Nach langen Überlegungen war mir jetzt klar geworden, dass nicht der Verzicht auf alkoholische Getränke mir ein Problem bereitet, sondern ich befürchtete die Reaktion meines Umfeldes. Die Angst dafür verurteilt zu werden, aus der Gruppe regelrecht herauszubrechen. Ich habe mich sogar für mein Vorgehen geschämt. Das muss man sich mal vorstellen. Der Mann hat wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank! Eigentlich sollte ich stolz auf mich sein. Doch es war leider nicht so. Warum? Das kann ich mir nicht erklären. Die ersten zwei Wochen habe ich also geschwiegen und ich muss zugeben, die Schließung der Bars und Restaurants kam für mich dementsprechend gelegen. Dann fiel mir dieser Satz der Schauspielerin Meryl Streep ein: „Der Moment, in dem Sie sich Sorgen darüber machen, was andere Leute denken, ist der Moment, in dem Sie aufhören, Sie selbst zu sein.“ Viele Freunde und Bekannte haben schlussendlich meine Entscheidung begrüßt, aber nicht nur. Ich habe mich auch viel rechtfertigen müssen und dumme Sprüche anhören müssen wie „Du bist gar nicht mehr witzig, seitdem du nicht mehr trinkst“, „Das ist nicht dein Ernst!“, „Wie lange soll das jetzt so weitergehen?“ oder „Kein Alkohol? Das ist aber langweilig.“

Nicht dass Sie jetzt meinen, ich möchte hier den Moralapostel spielen, ganz nach dem Motto „Nieder mit dem Alkohol!“. Nein, ich möchte einfach nur meine ganz persönliche Erfahrung teilen. Ich war auch von Anfang an neugierig, feststellen zu können, ob die vielen positiven Wirkungen, die Alkoholabstinenz auf den Körper haben soll, auch wirklich eintreten.

friends-1903068-KopieIn einer Studie der „University of Sussex“ in England, die am 2. Januar 2018 veröffentlicht wurde und an der 800 Personen teilgenommen haben, wurden die Vorteile, die der „Dry January“ mit sich bringt, ermittelt. 71 Prozent der Teilnehmer gaben an, besser zu schlafen, 67 Prozent haben das Gefühl, mehr Energie zu haben und 57 Prozent können sich besser konzentrieren. Diese drei Veränderungen habe ich bereits in den ersten zwei Wochen meiner Abstinenz festgestellt und ich muss zugeben, dass ich sehr positiv überrascht war. Ohne zu übertreiben, es war fast wie eine Wiedergeburt, mit der viele neue positive Gewohnheiten entstanden sind. Ade Heißhungerattacken und verpennte Wochenende. Zusätzlich spare ich auch noch Geld. Das ist ein weiterer positiver Punkt, der sich sofort in der Geldbörse bemerkbar macht.

Der Moment, in dem Sie sich Sorgen, darüber machen, was andere Leute denken, ist der Moment, in dem Sie aufhören, Sie selbst zu sein. Meryl Streep

58 Prozent der Befragten gaben in der englischen Studie an, sie hätten seit dem Alkoholverzicht Gewicht verloren. Da sind wir jetzt, bei einem sehr spannenden und heiklen Thema angekommen. Wussten Sie, dass Alkohol anderthalb mal so viele Kalorien enthält als Zucker? 80 Tage, habe ich bis jetzt keinen Tropfen Alkohol getrunken und trotzdem nicht das kleinste Kilo abgenommen, nicht einmal ein paar Gramm. Nichts, nada, niente! Oder ich habe eine defekte Waage. Lassen wir es uns so ausdrücken, das Äußerliche hat sich bei mir nicht verändert, das steht fest.

Als wäre das nicht schon genug, kommen auch noch diese ständigen Bemerkungen dazu: „Aha, du trinkst schon seit Wochen kein Alkohol mehr, dann hast du bestimmt viel abgenommen!“ Nein, nein und verdammt noch mal nein. Ich habe nicht abgenommen. Ich hätte auch lieber schreiend vor dem Spiegel gestanden: „Es ist ein Wunder geschehen!“ Aber nein. Wunder gibt es ab vierzig in dieser Hinsicht halt keine mehr. Das ist die bittere Realität des Lebens. Da müsste ich wohl meine ganzen Ernährungsgewohnheiten umstellen. Das teste ich aber lieber ein anderes Mal.

Obwohl ich am 1. Januar bereits 48 Tage auf alkoholische Getränke verzichtet hatte, lud ich mir trotzdem die App „Sober Buddy Challenge“ der „Fondation Cancer“ auf mein Handy. Auf einen Buddy habe ich allerdings verzichtet. Ich zog mein Vorgehen von der ersten Sekunde an sehr egoistisch alleine durch. Und daran wollte ich auch nichts ändern. Trotzdem ist die App sehr motivierend. Es macht richtig Spaß, jeden Abend auf die Ikone mit dem Victoryzeichen zu drücken und auf dem Kalender festzustellen, dass man schon wieder einen Tag erfolgreich war. Zusätzlich gibt es täglich sehr interessante und manchmal amüsante Informationen. Wussten Sie zum Beispiel, dass die erste alkoholfreie Bar der Welt sich in Irland, um genauer zu sein in Dublin befindet oder, dass die Dating-App „Loosid“ nur Menschen vermittelt, die keinen Alkohol trinken? Schade nur, dass es die App der „Fondation Cancer“ nur während der „Dry January“-Periode gibt.

Eines steht auf jeden Fall fest, ich fühle mich freier. Vor einigen Wochen hätte ich hemmungslos über eine solche Aussage gelacht, doch anders kann ich es nicht beschreiben. Mit Freiheit meine ich, dass ich mich von etwas verabschiedet habe, dass mir nichts Positives mehr brachte. Es sollte nur eine kurze 31-tägige Trennung sein, doch dann kam alles anders… 

Text: Jérôme Beck // Fotos: Yannick Schumacher, Pixabay

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Author: Philippe Reuter

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