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„Eine Art Superkraft“

Während der Corona-Pandemie mussten die Tanzschulen lange Zeit geschlossen bleiben. Cathy Moes spricht mit  Revue über ihre und ihren Weg zur Tänzerin sowie über die Faszination zwischen Kunst und Sport.

web__K1A3370-KopieSowohl für den Sport als auch für die Kultur war die Pandemie eine schwere Zeit. Wie war das für Ihre Tanzschule?

Wir hatten viele verschiedene Einschränkungen. Das Schlimmste war, dass wir fünf Monate lang ganz geschlossen waren. Der erste Lockdown dauerte bereits elf Wochen. Damit der Betrieb überhaupt überleben konnte, mussten wir unsere Kurse per Zoom anbieten. Wir wussten erst nicht, dass das fünf Monate dauern sollte. Die ersten drei Wochen fanden viele noch toll. Es war etwas anderes. Aber dann…

Davon im besonderen Maße betroffen war auch Ihre Hauptzielgruppe, das sind vor allem…

…Kinder und Jugendliche. Etwa ein Viertel der Tanzschüler sind Erwachsene. Manche haben erst angefangen, andere sind schon 40 Jahre hier. Man kann auch als Erwachsener bei null anfangen.

Welche Tanzstile bieten Sie an?

Ballett, Modern Dance, Jazz Dance, Hip-Hop, aber auch Kurse, um einfach den Körper zu trainieren.

Was ist das Ziel derjenigen, die teilnehmen? Bestimmt will nicht jeder einmal Ballerina werden.

Die wenigsten wollen später professionell Ballett tanzen. Der Tanz ist für die Seele gut. Er vereint Sport mit Kunst. Schon bei den Kleinen von drei Jahren* bringt es etwas. Sie erlernen Körperkontrolle. Außerdem bedeutet Tanz Gehirntraining. Sie lernen ganz früh, sich zu konzentrieren und auf sich selbst zu fokussieren bzw. an sich zu arbeiten. Musikalisch bringt es etwas, weil das Gehör geschult wird. Es gibt auch Erfolgserlebnisse. Man hat etwas fürs Leben.

Wann ist die richtige Zeit, um anzufangen?

Richtig sinnvoll fängt es mit sechs Jahren an. Das ist das ideale Alter. Wer früher anfängt, hat schon das gewisse Körpergefühl. Das Tanzen erfordert eine große muskuläre „Mémoire“, die man aufbauen muss, um später komplexere Schritte ausführen zu können. Tanzen ist ein Sport, bei dem jeder Muskel angespannt wird. Jeder Muskel wird gebraucht. Das beginnt mit der Basis und wird immer schwieriger. Wenn man dann einmal auf die Bühne geht, das Gefühl und der Ausdruck hinzukommen, bedarf es dieser Grundlage.

Kommt der Ansporn bei den Kleinen nicht vor allem von den Eltern, die sich wünschen, dass ihre – in den meisten Fällen sind es Mädchen – Tochter zum Tanzunterricht geht?

Manche Kinder haben selbst den großen Wunsch zu tanzen. Jedes Kind tanzt gerne. Aber es sind die Eltern, die sie in einen Kurs einschreiben.

Kann jeder tanzen?

Ja, es steckt in jedem drin. Jedes Kind hat den Bewegungsdrang. Dieser wird durch soziale Normen eher unterdrückt. Wie gesagt, Tanzen tut gut und sorgt für körperliches und seelisches Gleichgewicht. Man lernt sich – auf tänzerische Art und Weise – auszudrücken. Deshalb hat das Spektakel, das alle drei Jahre stattfindet, auch so eine große Bedeutung.

Welche Bedeutung hat es für die Tanzschülerinnen und Tanzschüler?

Es bedeutet den Kindern und Jugendlichen enorm viel. Sie haben monate- und jahrelang auf etwas hingearbeitet. Außenstehende wissen oft nicht, was die Jugendlichen in unseren Tanzsälen emotional erleben. Es ist wie eine Therapie, wenn sie lernen, sich auszudrücken. Sie entwickeln eine Art Superkraft, sich mit Hilfe ihres Körpers auszudrücken. Was anderen vielleicht fehlt. Und dann gehen sie auf die Bühne und können ihren Freunden und Familien zeigen, was sie in den letzten drei Jahren gelernt haben. Das gibt ihnen viel Selbstvertrauen.

Wie sieht es mit Lampenfieber aus?

Das gehört einfach dazu. Es ist aber auch schön, sich auf etwas zu freuen. Man sagt immer, Vorfreude sei die schönste Freude. Aber neben oder hinter der Bühne zu stehen und die enorme Aufregung zu spüren, ist etwas Besonderes. Und danach wieder von der Bühne zu gehen und zu wissen, dass man es geschafft hat, ist ein enormes Erfolgserlebnis.

Wann ist der Punkt erreicht, an dem man sich fragt, ob man ernsthaft weitermacht?

Das ist so im Alter von 16 Jahren, wenn Tanzen langsam zur absoluten Priorität wird und sich Jugendliche fragen, was sie mit ihrem Leben machen wollen. Man muss auf einen gewissen technischen und gefühlsmäßigen Level gekommen sein, wenn man sich sagt: „Ok, ohne das kann ich gar nicht leben. Etwas anderes mag ich mir gar nicht vorstellen.“

Wie war das bei ihnen?

Eigentlich auch mit 16. Ich hatte den Vorteil, dass meine Mutter die Tanzschule besaß und ich davon träumen konnte. Ich bin dann nach der Première mit 19 für vier Jahre nach New York gegangen und habe dort mein Studium aufgenommen. Ich machte an der Uni meinen Bachelor of Arts und hatte jeden Tag über sechs Stunden Training und nebenbei akademischen Unterricht in Tanzpädagogik.

Inwiefern hat Ihre Mutter Li Marteling Sie geprägt?

Ich konnte sehen, wie schön der Beruf ist. Angefangen hatte ich mit sechs Jahren. Meine Mutter war erst dagegen. Sie wollte mich nicht dazu drängen. Ich war zuerst beim Tennis, mochte diesen Sport aber nicht. Sie sagte mir, ich sollte etwas anderes versuchen. Ich musste regelrecht darum flehen, wie sie tanzen zu lernen. Es gab zwar zwischendurch auch andere Berufswünsche, aber das hielt meistens nur eine Woche an. Der Wunsch zu tanzen war konstant vorhanden.

Tanzen zu lernen erfordert viel Disziplin.

Ja, man braucht wirklich eine enorme Disziplin. Man muss auf sich selbst blicken, ehrlich mit sich selbst sein und auch Kritik annehmen können, um sich verbessern zu können. Tanzen erlernt man nicht von heute auf morgen. Man braucht viel Training. Das macht es auch erforderlich, sich schulisch zu organisieren, vorauszuplanen, damit man alles unter einen Hut bekommt.

Wie groß sind die Entbehrungen?

Andere sind nach der Schule vielleicht noch mit Freunden weggegangen oder auf eine Party. Da war ich halt nicht dabei. Aber das machte mir nichts aus, denn ich erlebte etwas, was sie nie erlebt hatten. Auf der Bühne kann man das dann zeigen. So auch den Gefühlsaustausch zwischen den Tänzern und Tänzerinnen. Das steht über jeder Party.

 Andere sind nach der Schule vielleicht noch mit Freunden weggegangen oder auf eine Party. Da war ich halt nicht dabei. Aber das machte mir nichts aus.

web__K1A3351-1-KopieKann man sich eine Tanzakademie als besonders streng vorstellen?

Nein, dies ist eher die alte Schule. Es ist vielmehr wie eine Familie.

Gibt es einen großen Leistungsdruck?

In Amerika. Aber auch da ist es mehr ein „positive reinforcement“. Das fördern wir auch in unserer Tanzschule: die positive Ermutigung und nicht das negative Herunterdrücken. Wenn man streng ist, dann mehr auf die Weise zu sagen: „Du weißt, dass du es besser kannst.“ Oder: „Stärke dich doch selbst.“

Was haben Sie getan, als Sie von New York zurückkehrten?

Ich bin zuerst nach Paris gegangen. Ich wollte mir überlegen, ob ich professionelle Tänzerin werden und diesen Weg einschlagen sollte. Ich fing damit an, stellte aber fest, dass es nichts für mich war, weil man von Engagement zu Engagement lebt, von Vertrag zu Vertrag und ständig zum Vortanzen muss. Zwar ist die Bühne etwas sehr Schönes, aber es ist ein Vagabundenleben. Ich bin eher ein familiärer Mensch und wollte Wurzeln schlagen. Zudem hat mich Tanzpädagogik schon immer begeistert. Man hat jedes Mal ein Erfolgserlebnis, wenn man Kindern von klein auf etwas beibringen kann. So fing ich dann nach einem Jahr hier an. Zuerst assistierte ich bei den Kursen, um ein Feeling für die Tanzkurse zu bekommen. Auf der Schule hatte ich neben der Tanzpädagogik Businessmanagement gelernt, was mich auch begeistert. Derweil ist meine Mutter sehr froh, nur noch im Tanzsaal unterrichten zu müssen. Sie sprang für mich ein, während ich meine zwei Kinder bekam.

Schauen Sie sich oft Tanzspektakel an?

Ja, vor allem in New York genieße ich Live-Spektakel. Aber auch Kurse zu machen.

Weisen Sie manche Schülerinnen und Schüler darauf hin, wenn sie ein Talent entdecken?

Das müssen sie schon selber wissen. Ich will niemanden zu etwas zwingen. Es muss von Herzen kommen. Denn es ist ein schwieriger Weg, sowohl physisch als auch mental. bei dem es auch manche Enttäuschungen und Frustrationen gibt. Damit muss man rechnen. Bei der Tanzausbildung fließen manchmal die Tränen. Man ist in der Kritik mit sich selbst und misst sich mit anderen. Aber das ist der Weg eines Tänzers, aber auch eines jeden Künstlers, dass man nur weiterkommen kann…

… wenn man sich nicht verletzt…

Das ist das große Risiko in dem Beruf. Umso verantwortungsvoller muss man sein. Man geht nicht mal eben Snowboardfahren. Bei einer Verletzung kann man monatelang ausfallen – und demnach als Berufstänzerin ohne Job sein.

Männliche Tänzer sind noch immer in der Minderheit. Hat sich in dieser Hinsicht etwas verändert?

In Frankreich oder den USA gibt es inzwischen mehr Jungs. In Luxemburg leider noch nicht.

Fotos: Shiva Akhaghi

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold