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Eine Frage von Privilegien

Mit ihrem Erstling „Ich hasse Männer“ hat die junge französische Feministin Pauline Harmange einen Nerv getroffen.
Dabei fordert sie vor allem eins: mehr Solidarität unter Frauen.

Dieser Buchtitel klingt wie eine Provokation. Ein Berater der französischen Gleichstellungsministerin wollte das Büchlein kurz nach Erscheinen im August dieses Jahres deshalb auch am liebsten sofort verbieten lassen. Er drohte dem kleinen Verlag Monstrograph mit einer Anzeige wegen Anstiftung zum Hass. Sein Aktionismus ging nach hinten los: Das in winziger Auflage erschienene Essay der feministischen Bloggerin Pauline Harmange war sofort vergriffen und musste nachgedruckt werden. Zudem wurde es blitzschnell in 15 Sprachen übersetzt. Seit Mitte November ist es auf Deutsch erhältlich.
Das etwas elegantere „Moi Les Hommes, Je Les Déteste“ hat der Hamburger Rowohlt Verlag in das schnörkellose „Ich hasse Männer“ übersetzt. Ein Titel, der aufhorchen lässt, aber auch neugierig macht.

web_Harmange_Pauline_(C)-Magali-Delporte-KopieKann es sein, dass eine junge Frau das tatsächlich ernst meint? Die Antwort gibt sie gleich auf der vierten Seite: „Ich hasse Männer. Alle, wirklich? Ja, alle. Ich habe prinzipiell keine hohe Meinung von ihnen.“ Das sitzt. Bei vielen Männern scheinbar tief. „Schnurrbärtige Frustnudel“, „Lesbe“, „schlecht gefickt“ und „hysterisch“ wurde sie öfter in ihrem Blog genannt. Morddrohungen hat sie ebenfalls erhalten. Für Pauline Harmange sind solche Kraftausdrücke lediglich ein „Mechanismus des Zum-schweigen-Bringens:
ein Mittel, die manchmal zwar heftige, aber immer legitime Wut der Unterdrückten auf ihre Unterdrücker verstummen zu lassen“. Darauf will sie sich erst gar nicht einlassen.
Pauline Harmange ist mit ihren 25 Jahren sehr jung. Immer wieder kommt sie in ihrem Buch auf ihre eigene Geschichte zurück. Sie beschreibt, wie sie als Heranwachsende darauf trainiert war, ihren eigenen Wert über die Anerkennung zu bestimmen, die ihr von Jungen und Männern entgegengebracht wurde. Wie verunsichert sie war, wenn diese Anerkennung nicht kam und wie sie immer wieder probiert hat, sich selbst durch einen männlichen Blick zu sehen. Und obwohl sie mit einem Mann verheiratet ist, überlegt sie heute, wie diese tiefverwurzelte Gewohnheit, Männern zu vertrauen und gefallen zu wollen, mit der Realität vereinbar sei, da jeder doch mindestens eine Frau kenne, die im Laufe ihres Lebens einem oder mehreren sexistischen Übergriff(en) zum Opfer gefallen ist.

Für Harmange sind Männer „gewalttätige, egoistische, faule und feige Wesen“. Sie fragt sich, „weshalb wir als Frauen gezwungen sein sollten, diese Schwächen – ach was, Makel – gutmütig zu akzeptieren, während die Männer uns schlagen, vergewaltigen und töten.“ Natürlich weiß sie, dass nicht alle Männer Mörder, Vergewaltiger oder Gewalttäter sind. Doch andersherum wird ein Schuh draus: (Fast) alle Mörder, Vergewaltiger oder Gewalttäter sind Männer. Und Männer, die sich davon distanzieren, die meinen, es seien eben nur ein paar Durchgeknallte, die Gewalt ausüben, sind selbst Produkte des sexistischen Systems, weil sie das Patriarchat für eine Einbildung von Feministinnen halten und sich auf ihren eigenen Privilegien ausruhen.

Es geht der Autorin nicht nur um Frauenquoten und gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Sie will, dass Mädchen und Frauen sich keine Gedanken mehr darüber machen müssen, wie sie nachts nach Hause kommen, wenn sie allein unterwegs sind. Sie will, dass von Mädchen und Frauen nicht erwartet wird, nett, liebreizend und freundlich zu sein. Und sie will, dass Männer von selbst auf die Idee kommen, ihre Privilegien, die sie seit Jahrhunderten besitzen, zu hinterfragen und sich von ihnen zu lösen.

 „Ich hasse Männer.“
„Alle, wirklich?“
„Ja, alle.“
– Pauline Harmange

Damit erfindet Pauline Harmange das feministische Rad nicht neu. Doch ihre Lösung ist eine andere. Sie sucht keinen Diskurs mit Männern, sie will sie abservieren, damit Frauen sich dem eigentlich Wichtigen widmen können: sich solidarisch zusammenzutun, über sich selbst klar zu werden und frei zu sein. Im Gegensatz zur bei Männern weit verbreiteten Misogynie, dem Hass auf Frauen, unterliegt ihrer Misandrie, ihrem Hass auf Männer, keine gewaltbereite Motivation. Sie will Männer nicht demütigen, verletzen oder unterdrücken. Sie will sie einfach so gut es geht ignorieren. „Wenn wir Männer nicht mehr so wichtig nehmen, können wir auch besser ihre offensichtliche Inkompetenz erkennen und uns trauen, sie zu übertreffen.“

Das klingt einfach, aber kaum realisierbar. Es gibt noch zu viele Männer, die auf ihren mächtigen Posten sitzen und zu viele Frauen, die sie darin unterstützen. Sie zu ignorieren, ist für die meisten Frauen keinerlei Option. Gerade erst hat die Amokfahrt in Trier wieder gezeigt, wie festgefahren die gesellschaftlichen Bilder von Frauen und Männern sind. Dass es wieder ein Mann war, der mit seinem Auto gezielt ihm völlig unbekannte Menschen getötet hat, wird einfach so von den Medien und der Politik hingenommen, als sei die Gewalt an sich männlich. Wenn wir solche Taten in Zukunft verhindern wollen, müssen wir uns aber der Frage stellen, warum es immer Männer sind, die sie begehen. Und warum Frauen es nicht tun. Es leichtfertig auf die Hormone zu schieben, tut allen Menschen Unrecht. Schließlich können wir Hochhäuser, Flugzeuge und Atombomben bauen, das eigene Verhalten zu steuern, sollte da doch ein Klacks sein.

Harmanges Buch hat sicherlich Schwächen. Eine ist, dass viele ihrer Argumente auf eigener Beobachtung beruhen und empirisch nicht untermauert sind. Beim Lesen spürt man zwar, dass sie recht hat, trotzdem wartet man auf die unwiderlegbaren Beweise, die aus dem Gefühl eine Gewissheit machen und ihre Argumentationskette vor Angriffen schützen. Denn das ist die große Gefahr: dass sie von ihren Kritikern mit großem Getöse in der Luft zerrissen wird. Für alle anderen kann ein Exkurs in Harmanges Gedanken eine erfrischende Aussicht bieten. Auch für Männer.

Fotos: Magali Delporte, Rowohlt Verlag, Éditions Monstograph, Pixabay

Ich hasse Männer
– Pauline Harmange
ISBN: 978-3-499006753
Rowohlt Verlag, 8 Euro

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Dario Herold

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