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Eine Stellgröße der Natur

Die Coronapandemie ist noch lange nicht vorbei. Das zeigen die aktuellen Infektionszahlen. Zudem stuft die WHO die neue Omikron-Variante als besorgniserregend ein.

„Ohne Viren würden viele Ökosysteme aus dem Gleichgewicht geraten“, sagte der deutsche Virologe Christian Drosten ein Jahr vor Beginn der Corona-Pandemie dem deutschen Nachrichtenmagazin Focus. „Viren befallen etwa Füchse, wenn ihre Beute, die Hasen, eine Pause braucht. Oder die Hasen, damit sich die Karotten erholen können. Selbst Karotten haben Virusinfektionen.“ Viren, so schlussfolgerte er, seien eine „Stellgröße in der Natur, die sich aus gutem Grund über Jahrmillionen gebildet hat“.

Viren, die sich aus gutem Grund gebildet haben? Das hört im Jahr 2021 sicherlich niemand gerne. Denn vor knapp 20 Monaten sind wir Menschen von einem Virus quasi in Geiselhaft genommen worden. Bis Ende November gab es weltweit 262 Millionen bestätigte Infektionen mit Covid-19. 5,2 Millionen Menschen überlebten die Erkrankung nicht. Und obwohl es für viele im Sommer so aussah, als hätten wir das gröbste überstanden, sind die Infektionszahlen jetzt so hoch wie in der gesamten Pandemie nicht. Dazu tauchte just mit Omikron eine weitere Variante des Virus auf, deren Auswirkungen noch nicht bekannt sind, die aber die Wissenschaft durch ihre große Anzahl an Mutationen und schnelle Ausbreitung aufhorchen lässt. Ein paar Fakten rund um Omikron und eine Krise, die wohl nicht so schnell zu Ende sein wird.

24804Warum verändert sich das Virus?
Das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 gehört wie alle Coronaviren zu den RNA-Viren. Da sich das Virus nicht selbst vermehren kann, braucht es eine Wirtszelle dafür. Es muss in die Zelle eindringen und dort veranlassen, dass nicht die Zelle, sondern das Virus reproduziert wird. Diesen Prozess versucht das Virus zu optimieren, indem es sich ständig verändert und anpasst.

Was ist Omikron?
Omikron ist eine aktuelle Variante des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2. Rein wissenschaftlich wird sie B.1.1.529 genannt, doch eine Bezeichnung aus dem griechischen Alphabet hat sich für die breite Bevölkerung als weniger kompliziert erwiesen. Verglichen mit ihren Vorgängern Alpha und Delta – zwei ebenfalls besorgniserregende Mutationen, die durch eine höhere Ansteckung als das ursprüngliche Virus auffielen und sich innerhalb kurzer Zeit dominant verbreitet haben – klingt der Name der neuen Variante Omikron fast schon majestätisch. Im griechischen Alphabet ist Omikron der 15. Buchstabe, er bedeutet „kleines O“ in Abgrenzung zum „großen O“ Omega. Der Unterschied besteht allerdings nicht in der Groß- und Kleinschreibung, sondern in der Aussprache: Omikron ist das kurze O, Omega das lange. Die Buchstaben Nu und Xi werden bei der Namensgebung durch die Weltgesundheitsorganisation WHO ausgelassen, weil Nu im Englischen wie „new“ klingt und Xi ein häufiger Familienname in China ist.

Woher kommt die neue Variante?
Die ersten Meldungen über die neue Omikron-Variante kamen Ende November aus Südafrika, aus der Provinz um Johannesburg. Die Infektionszahlen hatten sich dort im derzeitigen Frühsommer eigentlich beruhigt, plötzlich traten jedoch innerhalb kurzer Zeit vermehrt Infektionsherde auf. Die genaue Untersuchung des Erregers belegte, dass eine neue Variante entstanden war: Omikron. Seitdem versuchen Wissenschaftler herauszufinden, wie Omikron entstanden ist. Weil die Variante so viele Mutationen auf einmal aufweist, gibt es zwei Theorien: Entweder kommt sie aus einer Region, in der nur wenige Erbgutuntersuchungen stattfinden und so einige Zwischenschritte nicht dokumentiert wurden. Oder sie hat sich in einem einzigen Menschen entwickelt, dessen Immunsystem geschwächt war und lange brauchte, um das Virus abzuwehren. Dort hätte es Zeit gehabt, sich anzupassen. Ob Omikron tatsächlich in Südafrika entstanden ist, ist schwer zu sagen. Es gibt Hinweise darauf, dass die Variante bereits im Oktober in Nigeria vorhanden war. Nachträgliche Untersuchungen von Proben haben dies ergeben.

r0_RV_49_p024_027-5Gibt es wissenschaftliche Befürchtungen?
Als am 24. November zum ersten Mal über die neue Variante gesprochen wurde, stufte die WHO sie aufgrund ihrer vielen Mutationen direkt als besorgniserregend ein. Bislang gibt es zwar Hinweise darauf, dass Omikron schneller übertragbar ist, nicht aber, dass die Infektionen schwerer verlaufen. Teilweise wurde allerdings von ungewöhnlichen Symptomen berichtet, wie Schmerzen im gesamten Körper und extreme Müdigkeit. Trotz schneller Versuche, die Ausbreitung der Omikron-Variante in andere Erdteile zu verhindern, wurden bereits Fälle aus allen Kontinenten gemeldet. Eine weltweite Ausbreitung ist nicht zu verhindern, die kommenden Wochen werden zeigen, ob sich die Besorgnis der WHO bestätigt.

r0_RV_49_p024_027-4Was ist das Auffällige an Omikron?
Nicht alle Varianten von SARS-CoV-2 erhalten einen eigenständigen Namen, sondern nur diejenigen, die besonders auffällig sind. Bei der Omikron-Variante wurden bislang mehr als 80 Mutationen gefunden, davon allein etwa 30 am sogenannten Spike-Protein. Dieses Protein sitzt auf der Oberfläche des Virus und ermöglicht ihm den Zugang zur menschlichen Zelle. Was genau jede einzelne Mutation an diesem Prozess vereinfacht oder verändert, ist bislang nicht geklärt. Einige der Mutationen sind aber bereits bei der Delta-Variante entdeckt worden, die bislang ansteckendste und aktuell dominierende Variante des Coronavirus. Es wird befürchtet, dass die Omikron-Variante aufgrund ihrer vielen Mutationen am Spike-Protein einen Weg findet, eine aufgebaute Immunabwehr zu umgehen (das nennt man „Immun-Escape-Variante“). Alle gängigen Impfstoffe zielen darauf ab, dem Immunsystem beizubringen, das Spike-Protein zu erkennen und zu bekämpfen. Umgeht das Virus die Immunabwehr, kann es trotz Impfung vermehrt zu Infektionen kommen. Dass der Impfschutz vollkommen aussetzt, wird von Virologen bezweifelt, da auch die aktuellen Varianten einige der Mutationen am Spike-Protein aufweisen.

FP0_3114Wie ist die Situation in Luxemburg?
Bislang ist hierzulande noch kein Infektionsfall mit der Omikron-Variante gemeldet worden. Alle durch das Laboratoire national de santé (LNS) in den letzten Wochen untersuchten Proben gehörten zur Delta-Variante. Doch das LNS ist auf der Hut. Alle im Land zirkulierenden SARS-CoV-2-Varianten werden ständig überwacht. Dazu untersucht das LNS jede Woche Hunderte positiver Proben aus Krankenhäusern und privaten Laboren. Im Verlauf der letzten Woche traten in vielen europäischen Ländern Infektionen mit der Omikron-Variante auf. Offensichtlich verbreitet sie sich schneller als die bisherigen Typen. Vor Luxemburg wird sie sicherlich nicht Halt machen.

cdc-IFKv3LESkVg-unsplashReicht der Impfschutz gegen Omikron?
Dass Impfungen nicht zu 100 Prozent vor einer Infektion schützen, haben die Impfdurchbrüche der letzten Wochen gezeigt. Als Argument gegen eine Impfung taugt das allerdings kaum. Denn das Versprechen eines vollkommenen Schutzes gab es nie. Stattdessen zeigen alle internationalen Statistiken, dass Impfungen vor Infektionen und schweren Verläufen schützen. Da der Impfschutz allerdings nach einigen Monaten nachlässt, wird eine dritte, sogenannte Booster-Impfung empfohlen. Zudem haben Biontech und Moderna bereits damit angefangen, ihre Impfstoffe an die Omikron-Variante anzupassen.

mufid-majnun-J12RfFH-2ZE-unsplashSind Impfgegner unsolidarisch?
Da es keine Impfpflicht gibt, bleibt es jedem selbst überlassen, sich impfen zu lassen. Allerdings sprechen die Infektionszahlen für sich: Für einen ungeimpften Menschen ist die Wahrscheinlichkeit sich zu infizieren zwei- bis dreimal höher, ebenso steigt das Risiko einer schweren Erkrankung. Laut Berechnungen des deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ liegt das Risiko für Ungeimpfte unter 60 Jahren bei einer Erkrankung intensivmedizinisch betreut werden zu müssen, 17 Mal höher als für Geimpfte.

Als Argument gegen die Corona-Impfung wird häufig die Angst vor sogenannten „Langzeitfolgen“ genannt. Gemeint sind Nebenwirkungen, die lange nach der Impfung auftreten. Solche späten Nebenwirkungen von Impfungen sind generell nicht bekannt, sie treten bis spätestens zwei Monate nach der Impfung auf. Langzeitschäden nach Impfungen sind hingegen dokumentiert, wie etwa nach Hirnhautentzündungen durch eine Pockenimpfung. Diese entwickelten sich aber zeitnah der Impfung und führten in seltenen Fällen zu chronischen Erkrankungen.

Text: Heike Bucher // Fotos: Fabrizio Pizzolante (Editpress), Fusion Medical Animation, CDC, Mediakit Ltd, Mufid Majnun, Mulyadi (Unsplash), Starline (Freepik)

Author: Philippe Reuter

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