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Eingespieltes Duo

Vor wenigen Monaten erklomm Marie Schiltz das Treppchen der Weltrangliste. Als drittbeste (Kutschen)-Fahrerin der Welt rutschte sie Anfang dieses Monats auch in den Promotionskader des COSL. Wir stellen die bisher relativ unbekannte Athletin vor.

Bei schlechter Laune hilft nur eins: Nudeln. Legt sich die anfängliche Enttäuschung eines weniger guten Turniertags bei Marie Schiltz, wirken die gekochten Teigstückchen Wunder. Lachend nickt auch ihr Vater Franz. Dabei kann man sich schlechte Laune bei der 21-Jährigen kaum vorstellen, beendet sie doch fast jeden ihrer Sätze mindestens mit einem breiten Grinsen, manchmal sogar mit einem lauten Lachen. Marie ist eine Frohnatur. Sie kann aber auch anders, versichert uns ihr Vater: „Sie ist sehr ehrgeizig, schießt damit aber auch manchmal noch über das Ziel hinaus.“ So ganz auf sich sitzen lassen will Marie diese Aussage nicht: „Ich hatte doch schon erklärt, dass ich manchmal stur sein kann. Das ist ja eigentlich das Gleiche.“ Vater und Tochter blicken sich kurz tief in die Augen. Dann lachen beide los – gute Stimmung herrscht im Hause Schiltz auf jeden Fall. Das hat auch seine Gründe.

Seit Oktober 2021 weilt Marie nämlich auf dem Treppchen der FEI Weltrangliste im Fahren. „Als ich erfuhr, dass ich auf Platz drei aufsteige, war ich natürlich mächtig stolz. Es bestätigt die harte Arbeit und unterstreicht die Erfolge, die ich in den letzten Monaten feiern durfte“, so die Studentin. 2017 begann ihr Weg im internationalen Pferdezirkus. Zwei Jahre später erbte Marie den Oldenburger (eine norddeutsche Pferderasse) Hengst Frodo von ihrem Vater. Ein Schritt, der die Sportstudentin leistungstechnisch nach vorne katapultierte. „Frodo ist 2012 zu uns gekommen. Anfangs habe ich mit ihm gearbeitet. Irgendwann war Marie dann an dem Punkt, wo sie mit ihrem alten Pferd keine weiteren Fortschritte machen konnte. Und weil das Zusammenspiel zwischen Marie und Frodo so gut funktioniert hat, habe ich ihr den Vortritt überlassen. Aber nur unter der Bedingung, dass ich ihn jederzeit zurückkriege, wenn ich das will“, erklärt Franz Schiltz lachend und leicht provozierend in Richtung seiner Tochter.

Letztes Jahr war unglaublich erfolgreich. Es gab keinen Wettbewerb, bei dem ich nicht auf dem Treppchen gelandet bin. Marie Schiltz

In der Saison 2021 erreichte das Duo Marie-Frodo dann ihre bisherige Leistungsspitze. „Letztes Jahr war unglaublich erfolgreich. Es gab keinen Wettbewerb, bei dem ich nicht auf dem Treppchen gelandet bin.“ Den Lohn für die gute Saison erntete Marie – neben dem Aufstieg in der Weltrangliste – dann Anfang dieses Monates, als sie vom COSL in den Promotionskader aufgenommen wurde. „Ich konnte es anfangs nicht glauben. Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet und war dementsprechend voller Freude, als der FLSE-Präsident uns die Nachricht überbrachte.“ Noch etwas ungläubiger als Marie selbst waren nur ihre beiden Brüder Louis (23) und Felix (18). „Was verzapfst du da?“, sollen die beiden in Reaktion auf die frohe Botschaft gefragt haben. Ein lockeres „cool“ ließen die beiden sich dann dennoch als Anerkennung für ihre Schwester entreißen.

2021-Selestat-LUX-©AM-0477-KopieDie Disziplin des Fahrens ist eine weniger verbreitete Art des Pferdesports. Bei ihr sitzt der Protagonist nicht auf, sondern hinter dem Pferd, genauer in einer Kutsche. Neben denen für Vier- und Zweispannern organisiert die FEI (Internationales Komitee des Pferdesports) auch Wettbewerbe für Einspänner – in diesen tritt Luxemburgs dynamisches Duo an. Das Fahren an sich besteht aus drei unterschiedlichen Prüfungen. Zum einen müssen die beiden eine vorgegebene Dressuraufgabe, also eine technisch anspruchsvolle Bewegungsfolge, meistern. Die Dressurprüfung wird von Richtern mit einer Note zwischen Null und Zehn bewertet. Die Kegelfahrt zeigt Parallelen zur Abfahrtsdisziplin im Ski-Alpin. Hier muss der Fahrer Pferd und Kutsche möglichst schnell durch eine Folge an Kegeltoren steuern. Ein verpasstes oder ausgelassenes Tor bedeutet die Disqualifikation. Abschließend geht es dann noch an die Ausdauer. Beim Marathon überqueren Fahrer und Pferd zwischen 15 und 18 Kilometer auf unterschiedlichsten Untergründen. Die Kombination der drei Disziplinen ergibt die Endwertung und entscheidet über den Gewinner.

Als Nummer drei der Welt steigen natürlich auch die Erwartungen. Zu sehr davon beeinflussen lassen will sich die 21-Jährige allerdings nicht. Auch nicht in Bezug auf die Weltmeisterschaft im September: „In der Einzelwertung mache ich mir keinen Druck. Ich werde versuchen, den anderen Fahrern auf die Nerven zu gehen und mein Bestes zu geben. Eine genaue Platzierung oder eine Medaille habe ich aber nicht im Kopf.“ In der Mannschaftswertung sieht das anders aus. Dort visiert Team Luxemburg mindestens die Medaillen an. Und ein Blick in die Weltrangliste gibt ihm Recht. Dort stehen neben Marie Schiltz (3) auch Nicolas Kandel (7) und Franz Schiltz (8) unter den besten zehn Fahrern.

Ihren vollen Fokus auf das Fahren legen will und kann sie allerdings nicht. „Es ist nicht so wie im Dressur- oder Springreiten, dass man davon leben kann“, erklärt Marie. Eigentlich wollte die sympathische Sportlerin immer Pilotin werden. Diesen Wunsch hat sie mittlerweile allerdings durch ein Sportstudium an der LUNEX, der International University of Health, Exercise and Sports in Differdingen, ersetzt. Was genau sie mit ihrer abgeschlossenen Sportwissenschaftsausbildung später mal machen will, steht noch in den Sternen. „Es ist schon lustig, wenn ich bedenke, dass Professoren mich schon gefragt haben, wo genau eigentlich der Sport beim Fahren liegt“, sagt Marie leicht schmunzelnd. Etwas stolz erzählt sie, dass zumindest einer der Professoren nach ihrer Erklärung zum Schluss kam, dass es wohl doch mehr Sport ist als er anfangs angenommen hatte und er sich geirrt habe.

Doch, obwohl es beim Fahren auch auf Ausdauer, Geschicklichkeit und Präzision ankommt, heben sowohl Marie als auch ihr Vater Franz eine andere Komponente gesondert hervor: die Harmonie zwischen Pferd und Fahrer. „Wir sind ein Team. Ein Duo. Es reicht nicht, wenn nur einer von uns beiden gut vorbereitet ist.“ Gerade die Kommunikation würde durch ihre Position hinter und nicht auf dem Pferd nochmal erschwert: „Wir kommunizieren nur per Stimme und Leinen. Beim Reiten kommen noch Körpersprache, -spannung und die Beine hinzu.“ Mit Frodo hat sich Marie mittlerweile richtig eingespielt, und der Hengst läuft seit nun mehr als einem Jahr auf Topniveau. Franz Schiltz zufolge dürfte sich dessen Leistungspeak im Idealfall über etwas mehr als fünf Jahre erstrecken. Demzufolge hat das eingespielte und erfolgsversprechende Duo Marie-Frodo ihre besten Tage noch vor sich, und man darf gespannt sein, wohin es das Kutschengespann in dieser Saison und darüber hinaus führt.

Text: Daniel Baltes // Fotos: Philippe Reuter (2), Amy Mundell

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Author: Philippe Reuter

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