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Enormes Eigentor

Das Leben ist manchmal surrealer als jede schlechte amerikanische Doku-Soap. Das gilt auch für die politische Realität, wo die Devise, dass Politik ein dreckiges Spiel sei, nach wie vor seine volle Gültigkeit hat. Man braucht sich nur die Affäre rund um den CSV-Frëndeskrees und den ehemaligen Präsidenten der größten Oppositionspartei Frank Engel anzuschauen. Bekanntlich wurden Engel und sechs weitere CSV-Mitglieder angeklagt, allerdings letzte Woche in dieser Causa frei gesprochen. Sollte die Staatsanwaltschaft nicht in Berufung gehen, dann ist die Affäre auf Justizniveau abgeschlossen. Dass die christlich-soziale Schlammschlacht allerdings damit ebenfalls ein Ende findet, dürfte eher unwahrscheinlich sein. Nicht zuletzt, weil Engel nach dem Richterspruch angekündigt hat, selbst Klage wegen „dénonciation calomnieuse“ einreichen zu wollen.

Das Kreisliga-würdige Eigentor, das sich die CSV mit dieser Affäre eingenetzt hat, wird also noch länger für Diskussionsbedarf – vor allem, aber nicht nur parteiintern – sorgen und der Imageschaden, den einige aktuelle CSV-Abgeordnete davontragen werden, größer, als diese es sich vielleicht aktuell noch ausmalen. Zwar hat man es aus der Fraktion heraus geschafft, den ungeliebten Engel als Präsident und aus der Partei zu schassen, aber der Schuss ins eigne Knie, der dabei entstand, dürfte nach dem Freispruch ziemlich schmerzen und dies in zweierlei Hinsicht.

Es könnte darauf hinauslaufen, dass Claude Wiseler des Konsenses wegen erneut als Zugpferd vor den Wahlkarren gespannt wird.

Erstens wird der erlittene Imageschaden für die CSV-Abgeordneten, welches Engels Absägen maßgebend mit inszeniert haben (und jetzt vielleicht von diesem belangt werden), die Frage nach den nächsten CSV-Spitzenkandidaten für Oktober 2023 erheblich erschweren. Am Ende des Tages könnte es darauf hinauslaufen, dass Parteipräsident Claude Wiseler des Konsenses wegen sich erneut als Zugpferd vor den Wahlkarren spannen lassen wird. Dies, obwohl er – nachdem für ihn unglücklichen Wahlausgang 2018 – mit diesem Gedanken in den letzten Jahren nicht unbedingt hausieren ging, um es mal euphemistisch zu formulieren.

Zweitens wird der Wähler sicherlich nicht unbedingt verstärktes Vertrauen in eine Partei stecken, in der Mitglieder nicht einmal davor zurückschrecken Komplotte zu stricken, um un-geliebte Nebenbuhler auszuschalten. Die Resultate der letzten „Sonndesfro“ sprechen auf jeden Fall eine eindeutige Sprache. Die CSV würde im Vergleich zu den Wahlen 2018 noch einmal sechs Sitze einbüßen und würde auf 15 Sitze fallen.

Verständlich also, dass Claude Wiseler nach dem Freispruch das alte Küchenpapier „Mit einem Wisch ist alles weg“-Motto bemühte. Der Parteipräsident erklärte, dass er jetzt schnellst-
möglich mit der Erneuerung seiner Partei weiterfahren möchte. Dies wirkt allerdings wie ein missglückter Übertünschungsversuch, um das politische Harakiri seiner Partei schnellstens vergessen zu machen. Ob dies gelingt, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Dario Herold

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